Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1884)
- Article
- Gedanken eines Nichtpredigers über die Predigt
- Date
- 1884-09-18
- Page
- 597 (sequence 2)
- Language
- German
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Mitgliedern geübten Gesctzesvcrlctzungcn haben Sie ihr nicht gewährt. Da unsere Gemeinde gottlob im Allgcmeinen ans braven ordentlichen Personen besteht, die sich keiner groben Exzesse gegen das Moralgesctz zu Schulden kommen lassen, so verließ eigentlich wohl Niemand die Synagoge mit dem Bewußtsein: unser Rabbiner hat mich heute auf ein Unrecht aufmerksam gemacht, das bis jetzt von mir geübt zu werden pflegt; — ich will mich bessern. Und doch enthält dieser Wochenabschnitt so Vieles, was von einem großen Theil der Gemeinde nicht beobachtet wird, ja wovon selbst vielleicht bei Manchen nicht einmal eine Ahnung vorauSgesctzt werden kann. Sie haben deshalb aus Ihr Publikum nur insofern Rücksicht genommen, als Sic ihm nichts gesagt haben, was sein Gewissen unruhig machen und ihm deshalb unangenehm sein könnte. Sie haben ihn! nur Bekanntes und im Allgemeinen auch Anerkanntes und Befolgtes mitgetheilt, zur eigentlichen Belehrung und Besserung aber durch diese zehn Reden nicht bcigetragcn. — Und welche Themata hätten Sie denn zum Vortrage gebracht, lautete die etwas spitze Gegenrede. — In Rücksicht auf mein Publikum etwa die folgenden, erwiderte ich. Da in unserer Gemeinde mehrere Viehzüchter sind, welche das Verbot der Benutzung des -!122 gar nicht kennen, so würde ich darüber gesprochen und zugleich die Bedeutung des BechorgcsctzcS erläutert haben. Sodann hätte ich im Hinblick ans die Leichtfertigkeit mancher Schochtim der Umgegend, von deren Schechita viele Haushaltungen Fleisch beziehen, die Heiligkeit des N'^N^'-Gebots besprochen. Ferner würde ich über die zum Genüsse verbotenen Speisen sehr eindringlich gepredigt haben, da es ja leider eine Thatsache ist, daß sehr viele Gcmeindcmitglieder diese nicht beachten. Ueber die Pflicht der Atmosenspeudc hätte ich mich nicht bcgnügt, nur im Allgemeinen zu reden, sondern ich würde zu der fast ganz in Vergessenheit gcrathencn Maaßcr- Pflicht gemahnt haben. Sic sehen, ich hätte stets die besonder» Verhältnisse in meiner Gemeinde bei der Wahl meiner Themata maßgebend sein lassen. — Und hätten damit Unfrieden und Mißvergnügen erregt, fiel mir der Herr Rabbiner in die Rede. Friede ist das kostbarste —. Halten Sie ein, unterbrach ich ihn, das Thema kenne ich zur Genüge. Darunter verstehen die Herren Rabbiner.meistentheilS die eigene Behaglichkeit und Ruhe, aus welcher sie nicht aufgcstört werden wollen. Sie wünschen mit allen Gemeindcmitgliedcrn recht befreundet zu sein, ein Jeder sott sie rühmen als recht tolerant, milde und bequem. Aber für Gott lind die Beobachtung seiner Gebote die ernst mahnende Stimme zu erheben, das widerstreitet gegen die Pastorale Klugheit. Man predigt nur das, was einem Jeden genehm ist, man mahnt nur so viel, als das Publikum sich gern gefallen lassen will. Nicht der Rabbiner und Prediger leitet die Gemeinde, sondern die Gemeinde bestilnmt das Wort der Mahnung und Lehre, und der Rabbiner und Prediger erniedrigt sich zum Ministranten des Leichtsinns, der Unwissenheit, der Laune, des Treu-- bruchS. Und dabei nennen sich die Herren so gern stolzen Sinns: Diener des Herrn, Seclenhirten, geistlichcs Oberhaupt! Knechte der Vorstandölannen, Bethörer der Gewissen, Sklaven der Gemeinden wäre treffender. Was würde man von einem Erzieher halten, der seine Zöglinge nur das lehrt, was ihrer Weisheit genehm ist, der sie nur zu dem mahnt, was sie auch ohnehin schon üben? Haben unsere Rabbiner nicht den Muth, einmal das ganze Judenthum zu lehren und zur Beobachtung der jüdischen NeligionSgesetze zu mahnen, daun mögen sie Talar und Barett zu Karnevulsmummcreicn benutzen, im Umkreis der Thora ist nicht ihr Platz. (Fortsetzung folgt.) I “Vr . als Hauptfordmlilg der Götteslehrk. Bon Ludwig A. Noscnthal, Prediger zu Köthen. (Fortsetzung.) III. Sicherheit eines solchen Gesetzes für Einheimische und Fremde. Zu welcher Höhe vermag aber dies Gesetz der Uneigennützig keit seine aufrichtigen Bekenner zu erheben, welches Glück gewährt es ihnen und wie schützt es sie vor den niederzichenden Lockungen der Außenwelt, vor den spitzfindigen Folgerungen einer selbstsüchtigen Klugheit! Ein Gesetz, welches sich von vornherein an die Selbstsucht seiner Getreuen richtet, welches ihnen bei seinem Auftreten mit Vortheilen schmeichelt, setzt sich für die Zukunft großen Gefahren aus. Man wird von ihm gern alle Vortheile empfangen, wird aber nicht geneigt sein, ihm Opfer zu bringen, welche keine baldigen Freuden zur Folge haben können. Da verliert jede That das Verdienstvolle, sic wird zum bloßen Tanschgcgcnstandc, welchen man der Gottheit übergiebt, um von ihr zehnfach die gewünschten Segnungen wicderznerlaugcn. Und wenn diese rohe Auffassung nun schließlich durch die Wirklichkeit Lügen gestraft wird, wenn die Gegenleistung von Seiten der göttlichcn Macht nicht in gewünschter Schnelligkeit erfolgt — mit welchen Gründen kann dann der von den Gläubigen bestürmte Priester ihre Zweifel beschwich- Ligen, wie will er von dem Standpunkte der Selbstsucht aus ihnen dieses Räthsel lösen? Wie anders, wenn die Satzungen als Hauptziel die Erfüllung des Gotteswillcns dem Menschen dar-