Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 7. September [Nachricht]
- Date
- 1884-09-11
- Page
- 588 (sequence 2)
- Language
- German
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588 halideilscin einer 3t1bcnfrm]c iljncn das Brandmal der Unduldsamkeit und anderer Tugenden aufprägt. Ich mußte auch;!!gestehen, daß wir noch das Ende dieser judenfcindlichen Ae-ra gar nicht adsehen konnten. Wenn dereinst eine klerikal - konservative Union dauernd zu Stande kommen sollte, so wäre eine in die Formen der Gesetzmäßigkeit sich kleidende 9kechtsberaubnng der Inden keineswegs so unmöglich, kurz, ich befand mich leider nothgedrungen in einer gewissen Uebcreinstimmung mit den Herren. Wir brauchen die Stöcker und Wagner bald nicht mehr für den offenen Kampf, können auch den unerschrockenen und verdienstvollen Herrn Liebermann von Sonncuberg hierfür zur Roth entbehren, sagten sie mit liebenswürdiger Offenheit. Einer ihrer Glaubendgenossen, Herr Dr. Karpeles, hat es übernommen, und einen gewaltigen Kämpen zu entdecken, und zwar keinen geringeren, als den großen Schlachtmdenker Moltkc, der wird uns fortan führen, und daß ein solcher Stratege unseren Sieg bedeutet, das haben wir wohl nicht nöthig zu versichern. Ich blickte verwundert und zweifelnd zu ihnen auf: der große Fel dinarschall ist zu sehr als Schweiger berühmt, als das nicht jede seiner seltenen Aenßernngen allgemein bekannt wird; ci war mir aber nicht bewußt, daß er kürzlich sich zu den Antisemiten gesellt hätte. Zweifeln Sie nicht, sprach man aber, lesen Sie doch das Oktoberheft der Zeitschrift ״Vom Fels zum Meer". Nun hatte ich natürlich nichts Eiligeres zu thnn, als in der nächsten Buch- Handlung mir dieses Heft zu kaufen, imb da fand ich allerdings etwas, was ich lieber nicht gefunden hätte. Freilich spricht Graf Moltke von dem vierzehnten Jahrhundert und Polen, aber in so allgemeinen Sentenzen, daß dieselben füglich auch auf die Gegenwart und Deutschland bezogen werden können. Herr Dr. Karpeles hat, meines Erachtens, weder dem Marsehall noch den Inden einen besonderen Dienst bnrri) die Verösfentlichnng der Mvltke'schcn Abhandlung über Polen erwiesen. Es ist ein wahres Glück, daß der tapfere General erklärt, er habe ״als junger Offizier die kleine Schrift über die Zustände Polens verfaßt." Ich glaube deshalb auch, daß der greise Held sich nicht mehr zu Allem bekennt, was er in der Jugend vielleicht unüberlegt geschrieben. Jedenfalls erlaube ich mir, der ich die polnischen und jüdischen Verhältnisse auch so ziemlich kenne, trotz meiner Eigenschaft als simpler Journalist, im Gegensätze zu dieser Schrift behaupten zu können, daß der ״junge Offizier" ganz entschieden im Irrthum war, wenn er den polnischen Juden des vierzehnten Jahrhunderts Ehristenhaß und sonstige üble Eigenschasten znschrcibt. Den Inden war und ist im Großen und Ganzen Gottlob dieses Gefühl ganz fremd und sie haben sich allezeit und überall bemüht, ihren Mitbürgern ein warmes Herz und eine offene Hand rückhaltslos und treu entgcgenzubringen, so sehr auch die grausame Behandlung, die sie zu erdulden hatten, ein Anderes erklärlich erscheinen lassen möchten. Dieses schöne Erbtheil unserer Bcrgangenhcit lassen wir uns auch in der Gegenwart nicht rauben. So stark und gewaltig sind die Stöcker und Genossen nicht, selbst nicht der jetzt als Kandidat der Christlich-Sozialen auftretende Professor Dr. Brecher, um uns solches zu entreißen. Mag «um noch so sehr uns schmähen und verleumden, wir haben gegen Haß, Verachtung, Vornrtheil und Schmähung nur Liebe, Freundschaft, Treue und Hingebung für das Wohl unserer Mitbürger und deS Vaterlandes. 0. Berlin, 7. September. Vorgestern fand in der ״Flora" eine Wahlversammlung unter Vorsitz des Herrn Hofpredigers statt. Dieselbe cröfsnete ihre Thätigkeil mit der Arbeit des Hinauswerfens einiger Inden, zu welch edlem Beginnen, nach der ״Voss. Zig.", Herr Stöcker die gewiß sehr angemessene Bemerkung!nachte: ״Sie sehen, meine Herren, unsere Mittel sind sehr probat!" (Anmerkung d. Red.: Rach unserer Meinung sollten Inden sich von solchen Versammlungen fern halten. Ihre Anwesenheit hat für sie nur Schimpf und Schande int Gesolge, welche allerdings auf die rohen Angreifer zurückfallen.) Aus dem langen Bortrage des Herrn Stöcker sind nur folgende Auslassungen interessant: 1) Die Versicherung, daß der AntiseinitiSmuS noch lange nicht zu Ende sei, sondern gerade jetzt seinen Höhepunkt erreicht habe; 2) das Gelöbniß des geistlichen Herrn, den Kamps gegen die Uebermacht des Ja dent Hunts nicht ausgeben zu wollen; und 3) das Geständniß, daß die Börsen-Difserenz-Geschäfte der Juden es verursacht haben, daß sein (Herrn Stocker'S) Bauernhof in Obcrbaiern nicht reüssirt habe. — Wir nehmen von dieser Versicherung, diesem Gelöbniß und diesem Geständniß gebührend Akt. — — Im Monat Juli sind hier vier Mischehen zwischen Inden und Protestanten geschlossen worden. b Neustettin, 5. September. Der allerdings trüben Quelle der ״Nordd. Presse" entnehme ich die folgende mysteriöse Notiz: ״Der Schuhmachermeistcr Monster von hier, welcher in der UutcrsnchungSsache wider den jüdischen HaudlungSlehrling Isidor Rothmann, wegen deS in Folge Verbrennung verstorbenen Schmiedemeister Karl Winegge als sehr gravirender Belastungszeuge, nicht nur gegen Nothmann, sondern auch gegen dessen Lchrherrn und den Kommis Blau auftrat, ist seit mehreren Tagen spurlos verschwunden, so daß ihm die gerichtliche Vorladung zu dem anberäumten Termine zu seiner gerichtlichen Vernehmung bisher nicht hat zngestellt werden können. Ucber den Grund des Verschwindens des MonSler durchlaufen die Stadt verschiedene Gerüchte."