Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-09-11
- Page
- 584 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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584 ״wenn mich Gott erlöst haben wird, und ich wieder in meinem Hanse walte, dann werde ich es Dir hundertfach vergelten, was Du jetzt Gutes an mir thust. O, ich bin so elend, so unglücklich!" Nohrbach rang vcrzweifelnd die Hände. Die trostlssc 1\0ן;ו der um ihn trauernden Seinen war ihm in den Sinn gekommen und brachte ihn der Verzweiflung nahe. ״Was nützt das Jammern und Klugen," versetzte Juro beruhigend, ״Du reibst dabei Deine Kräfte ans und verschlimmerst nur Deine Lage damit. Ich habe schon Leute hier gesehen, die sich im Anfänge wie roll gcbcrdctcn und sich bemühten, die felsigen Mauern dieses Kerkers dnrchzustoßcn. Als sie aber einsahen, daß ihnen dieses harte Stück Arbeit nimmer gelingen werde, wurden sie nach einigen Tagen schön ruhig und benahmen sich, wie sich's für anständige Leute ziemt. Was hat ihnen also ihr ungestümes Gebühren genützt? Nur so viel, daß sie dabei alle Kräfte verloren haben und sich am Ende nicht mehr auf den Füßen zu erhalten vermochten. Ich kann daher auch Dir, Salamon, den Rath geben. Dich ruhig zu gedulden, bis Du von hier befreit werden wirst." ״Ich möchte mich ja gerne geduldig sasscn," seufzte Nohrbach, ״wenn ich nur wüßte, wie cs meinem Weib und meinem Kinde geht! Juro. willst Du Dich meiner anuehmen in meiner Noth, willst Du mir eine Wohlthat erweisen?" ״Pst, halte ein." machte der Gefarigenwärter erschrockcn, eilte zur Thürc und verschloß dieselbe fest. Als er zurück war, sagte er: Eine solche Bitte eines Gesangcncn hat schon einem Gesängnißwärter den Hals gekostet. Der Wascnmeistcr Kurt, welchem wir Alle gehorchen müssen, läßt in solchen Sachen mit sich nicht spaßen. Jetzt kannst Du mir sagen, um was Du mich bitten möchtest, aber im Vorhinein bemerke ich Dir, wenn es nur im Geringsten gegen meine Vorschriften ist, dann brauchst Du gar nicht zu denken, daß ich's Dir thnn werde. Ich habe auch Weib nnd Kind und muß auf meinen Dienst und mein Leben bedacht sein. Was ist cS also'?" ״ES ist für Dich nur eine Kleinigkeit, guter Jnro, mich aber würdest Du damit glücklich machen. O, gehe hinunter in's Dorf zu den Mcinigcn, nberbringc ihnen meine Grüße und berichte mir, wie cs ihnen geht. Willst Du das?" .,Ja, das werde ich thnn, so bald ich mich auf einige Stunden des Dienstes werde entledigen können." DaS Herz von überfließcndem Danke erfüllt drückte Rohrbach dem braven Jnro abermals die Hand, welcher sich hierauf entfernte. Rohrbach nahm wieder seinen Platz ein auf dem Strohbunde und rezitirte weiter mit lauter Stimme die Psalmen. Die Hoffnung auf die zu erhaltenden Nachrichten von seiner Familie machte cs ihm leichter, sein schweres Geschick in gottergebener Fassung cutgegenzunehmen. Doch die Tage verstrichen, ohne daß Rohrbach die ersehnten Nachrichten erhielt, immer noch hatte Jnro die nöthigc Zeit zu einem Gange in's Dorf nicht finden können, und mit jedem Tage, der ihn in banger Ungewißheit ließ, wurde ihrn der Kerker!nieder finsterer und schrecklicher. Die ewige Finstern iß, die ihn umgab, wurde ihm wieder nnerträgsich, nnd die Ratten, an die cr sich in der letzten Zeit schon so leidlich gewöhnt hatte, singen wieder an, ihm Granen cinznflößcn. Er schüttelte sich, so oft eine an ihm vorbeihuschend sein Gewand streifte. Rohrbach saß gebeugt ans dem ׳Strohbunde, cr hatte die Ellbogen ans die Knie gestützt nnd das bleiche Antlitz mit den zu Knochen abgemagerten Händen bcdeckt, als sich wieder einmal die Kcrkerthüre anfthat. Hoffnungsvoll erhob er den Kopf nnd richtete die glanzlosen Blicke ans die Thnre — es konnte ja der Gesängnißwärter sein, der ihm endlich von den geliebten Angehörigen tröstende Nachricht bringe. Dieses Mal hatte sich Nohrbach getäuscht, cs war nicht der ersehnte Juro, sondern der böse Dämon seines Lebens, der in seine Zelle cintvat — cs war der Pfarrer. Wie von einer Tarantel gestochen zuckte Nohrbach schmerzhaft zusammen, als er des Pfarrers ansichtig wurde, wendete die Augen ab und verbarg, einen tiefen Seufzer auSstoßcnd, das Angesicht wieder in den Händen. Der Pfarrer nahm dem Beschließer, der ihn begleitete, an der Thürc die Fackel ab und begab sich allein in den Kerker. Die Leitung der Untersuchung und das Verhör der Zeugen gehörten in Ungarn seit jeher zu den ausschlicßlichen Rechten der Klöster und Pfaffen, auch bei rein weltlichen Prozessen. Die diesbezüglichen Agenden bildeten jene Brnchthcilc des ausgebreiteten Einflusses, den der Klerus im Mittelalter ans die Justiz Ungarns ansnbtc, welche ihm von Ludwig dem Großen neben mancher Machteinschrünknng noch belassen wurden. In einem Prozesse aber, welcher eine religiöse Färbung hatte, war der Mann des Herrn auch in jenen Zeiten noch, von welchen unsere Erzählung handelt, ein säst ausschließlich maßgebender Faktor und nicht selten das Sprachrohr, aus welchem der..heilige Geist" den Richtern das Uriheil diktirtc. Als der Pfarrer in die Nähe Nohrbach's gekommen war, bohrte cr die Fackel im weichen Boden scsi und legte dann die Hände auf dem feisten Bauche übereinander. (Fortsetzung folgt.)