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Jeschurun · 1884-09-04 · Heft 36 (4.9.1884) · p. 575

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 36 (4.9.1884)
Article
Ein glücklicher Wurf!
Date
1884-09-04
Page
575 (sequence 2)
Language
German
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575 Haltung abnchllicii und das Geschäft und die Fabrik, welche nach des Vaters Wunsche einst mein Bruder Theodor übernehmen sollte, die! dahin fortführen würde. Allein meine liebe Mutter wurde in dieser Hoffnung in grausamster Weise getäuscht. Am Tage nach dem Begräbnisse des VatcrS kam Gciscnheim zur Mutter in die Oberstube hinauf und erklärte, ihr eine wichtige unangenehme Miltheilung machen zu müssen. Das Geschäft sei schon seit langer Zeit abwärts gegangen und die Fabrik hätte, namentlich in den letzten Jahren mit großem Verluste gearbeitet. Er Hütte dies, so lauge der Herr lebte, aus dem Grunde verschwiegen, weil er befürchtete, ihm dadurch wehe zu thun, seinen Tod zu beschleunigen. Meine Mutter, so behauptete er, sei außer Lage, die Schulden ihres Galten zu bczahlen, da diese bei Weitem den Werth des Aktiv- Vermögens überstiegen. Meine Mutter war von dieser unerwarteten Mittheilung so erschüttert, daß sie, einer Ohnmacht nahe, in einen Thräncnstrom anSbrach. Händeringend frug sie Geisenheim, was sie thun, waö sie nun beginnen solle? — Geisenheim spielte die Rolle eines treuen Dieners mit vollkommener Meisterschaft. Er suchte die arme verzweifelnde Frau zu beruhigen unb "bat sie, alles mit vollem Vertrauen in seine Hände zu legen. Bor allem Anderen sei cS zwingende Noth- Wendigkeit, die Fabrik und die Borräthc so rasch als möglich zu Geld zu machen, um den Gläubigern einen Ausgleich anbietcn zu können. Diese würden, wenn sie baarcs Geld bekämen, sich wohl mit der Hälfte der Sulnmc, die ihnen von Rechtswegen zu käme, begnügen. Als Freund und treuer Diener des Hauses hätte er in Voraussicht der traurigen Ereignisse, die mit dem Ableben des seligen Herrn cintretcn mußten, schon seit einigen Wochen einen Käufer für das ganze Anwesen gesucht, und wäre so glücklich gewesen, nach großer Mühe und mit großem Auswande von UebcrredungSkunst einen solchen in der Person seines Vetters, eines Kaufmanns in Nürnberg, zu finden, der geneigt sei, Alles zu kaufen und baar in klingender Münze zu bczahlen. — Als den bösesten, härtesten und herzlosesten Gläubiger schilderte er David Altstadl in Fürth, welcher den großen Betrag von 3700 Gulden zu fordern habe und schon seil Wochen die Zahlung derselben in heftigster Weife fordere." Gcrschom unterbrach den Förster. ״Mein Vater ist kein böser, herzloser Mann!" schrie er, ״Jeder, der ihn kennt, wird ihm das Zcuguiß geben, daß er ein milder, menschenfreundlicher, edler Mann ist." ״Mein lieber Burschl" erwiderte der Förster, ״ich bin gewiß der Letzte, der Ihrem braven Vater etwas Schlechtes nachsagt, ich führe ja nur die Worte des Geisenheim an, der selbst ein miserabler Lump und arger Verlüumdcr war. Lassen Sie mich nur die interessante Geschichte zu Ende erzählen. Meine arme, in GeschäftSsachcu ganz unerfahrene Mutter, die zu Geisenheim blindes Vertrauen besaß, bat ihn, Alles nach seinen! besten Wissen in Ordnung zu setzen, wobei sie hinzusügtc, daß sie lieber für ihre Kinder auf der Landstraße Steine klopfen, wenn cS sein müßte, von HauS zu Haus betteln gehen, als einen Kreuzer, der ihr nicht gehöre, zurückbchalten wolle. Geisenheim ließ sich nun von meiner Mutter eine Vollmacht unterschreiben, in ihrem Namen alles das vorzunehmcn, was er für recht und nolhwendig fände. Geisenheim meinte, vor allem Andern wolle er mit David Altstadt! in Fürth einen Ausgleich erzielen, wenn die anderen Gläubiger sehen würden, daß dieser Halsabschneider, — das sagte der Geisenheim, ich sag'S nicht," wandte sich Mergland entschuldigend an Gcrschom —, ״sich mit einem Thcilbetrage begnüge, dann würden Alle, wie die Heerde den! Leithammel, seinem Beispiele folgen, und er wolle sofort zu dem Fürther Wollcjuden, wie er David Altstadl bczcichncte, fahren. — Meine Mutter verbrachte eine schlaflose Nacht; wir Kinder, die wir in! anstoßenden 'Zimmer schliefen, hörten sic die ganze Nacht ruhelos auf- und abgehcn und schluchzen. Am nächsten Morgen vor Tagesanbruch ließ Geisenheim unfern Wagen anspannen und fuhr nach der Stadt. Etwa um drei Uhr Nachmittags fam er in Begleitung Ihres Vaters," — der Erzähler wandte sich wieder an Gerschom — ״zurück. Ich war gerade bei der Mutter, als der Wagen in den Fabrikshof einfnhr. Ich sah mein armes Mütterlein erblassen und wanken. Ich verstand nicht recht, um was eS sich handle, aber ich glaubte, daß der junge etwa achtundzwanzigjährigc Mann mit dem braunen Vollbarte, David Altstadt!,!!!einer Mutter etwas zu Leide thun wolle, und nahm mir vor, diese zu beschützen. Als Geisenheim und der Wollehändler kurze Zeit darauf in's Zimmer traten, ging meine Marter dem Letzter!! entgegen und sprach, sich mit dem Schürzenzipfel die hervorquellenden Thränen aus den Augen wischend: .Herr Altstadtl,!nein Buchhalter, sagt mir, daß ich nicht in! Staude bin, Ihn! die 3700 Gulden, die Ihm mein Mann für Wolle schuldig ist, zu zahlen. Gott weiß cs, ich will nicht einen einzigen Kreuzer zurückbehalten, ich will Alles, was da ist, redlich unter die Gläubiger vcrthcilen/ — ,Frau Prinzipalin,׳ hatte Geisenheim meine Mutter unterbrochen, .alle diese Reden sind überflüssig; der Herr Altstadtl ist ein kluger Mann und kennt das gute Sprichwort: Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren, und er ist nicht geneigt, sein Geld in nutzlosen Prozessen zu vergeuden/ (Fortsetzung folgt.)

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