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Jeschurun · 1884-09-04 · Heft 36 (4.9.1884) · p. 568

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 36 (4.9.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-09-04
Page
568 (sequence 2)
Language
German
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568 Menschen — es selbst aber, das blasse und um so schönere Mädchen, konnte sich znr Wiedererlangung ihrer Gesundheit kein Glück wünschen. Die Besucher waren ihr lästig mtb sie war froh, wenn keiner da war. j Dann pflegten die drei unlöslich ancinandergeketleten! Menschen — Gabriel war stets bei ihnen — einem schmerzlichen Drange folgend, die Zustände des armen Gefangenen sich auszumalen und die Möglichkeit einer herbeizufnhrenden Befreiung zu besprechen. Sie verweilten so gerne bei diesem Gedanken, daß sie oft, die Schwierigkeit des NcttnngsWerks vergessend, sich in die ausführliche Besprechung der abenteuerlichsten Pläne einlicßcn. Bei einer solchen Gelegenheit war cs, als Gabriel einmal an seine an jenem Abend unterbrochenen Worte ankttüpftc, und dem Zweifel Ausdruck gab, ob nicht Mara das ״Barchesdeckcl" an jenem Abend entwendet haben konnte. Frau Nohrbach wicS eine solche Zumuthung entschieden zurück und wollte von der Thüterschast Mara's nichts wissen; das kluge Mädchen aber ließ alle Geschehnisse jenes Abends noch einmal am Geist vorüberziehen und gestand nachher, daß der Schein für den Verdacht Gabricl'ö spreche. Finster und träge sickerte die Zeit tropfenweise an Salamon Rohrbach vorbei, in einem steten nnuntcrbrocheuen Fluß — er wußte nicht, wann es draußen hell oder siuster wurde. Undurchdringliche Nacht umgab ihn von außen, und Nacht war's in seinem Innern. Früher, so oft er an die Ewigkeit dachte und in den Begriff dieses Wortes tiefer eindringen wollte, schauderte er immer zurück, die Unmöglichkeit einschcnd, je diesem Begriffe ans sinnliche Denkweise näher zu kommen — jetzt schauderte er vor dem Begriffe der Ewigkeit nicht mehr zurück, er war ihm. näher gekommen! — Seinem jetzigen Zustande ähnlich mußte sie sein, die Ewigkeit — der Bösewichttr. Wahrlich, die Schrecklichkeit eines ähnlichen Zustandes könnte als Strafe gelten, zumal in einem Zeiträume, wo mit dem Maßstabe der Ewigkeit gemessen wird! — Immer und ewig von einer grabcsschwarzen und grabeSstillen Finsterniß umgeben sein, durch keine äußere geistige oder physische Anregung von den marternden Grübeleien über sein eigenes Schicksal und das geliebter Personen abgelcnkt werden, -- gicbt es etwas Schrecklicheres? Znr Nachtzeit hallten die Hornslößc, mit denen der Wächter die Stunden verkündete, gedämpft zu ihm in die Diese, er lauschte entzückt diesen unheimlichen Tönen, als wenn cs Sphärenmusik gewesen wäre, — waren es ja doch die einzigen Laute, die ans der Außenwelt in sein schauerliches Heim hineindrangen. Sonst war cs gespensterhaft still an diesem unheimlichen Orte, bis aus ein Wispern und Rascheln, welches zeitweise vernehmbar wurde. Der unglückliche Rohrbach wußte, woher diese Töne stammen, — eS waren die Ratten, welche, vielleicht aus Freude über einen gefundenen Knochen, laut wisperten oder durch den Strohbund liefen, welcher ihm zur Lagerstätte diente. Aber die schrecklichsten Momente seines Lebens hatte Salamon Rohrbach bereits hinter sich, es waren jene ersten Stunden, die er im Kerker zu brachte. Der Kerkermeistcr hatte ihn roh in die trostlose Finsterniß hineingestoßen und, überwältigt von der gigantischcu Schwere seines llnglückcs, lehnte er gebrochenen Herzens an die Wand. Er taumelte; sein Fuß sank tief in den weichen schlammigen Grund ein und sein Arm, mit welchem er sich anlehnen wollte, glitt von der Wand ab, eine dicke Moderschicht von derselben loslösend. Er taumelte vorwärts, er fühlte Stroh unter den Füßen und sank darauf nieder. Da bewegte sich unter seinem ansgestreckten Arme ein lebendiger Gegenstand, und als er zu ahnen anfing, was es sei, schüttelte es ihn wie mit Fiebcrsrost, und er fuhr jäh in die Höhe, daß seine Fesseln schaurig klirrten. Er sing an, wie rasend durch den engen Raum zu rennen, doch bald stellte er diese Promenaden ein, denn das ununterbrochene Klirren der Fesseln schnitt ihm so tief in die Seele! — Er blieb stehen, wie lange wußte er selbst nicht, aber er mußte sehr lange so gestanden haben, denn als er aus seinem trüben Sinnen erwachte, hörte er den Thurm- Wächter fünf blasen. Es war also fünf Uhr Morgens, und gestern mochte cs sechs Uhr Abends gewesen sein, als er in den Kerker geführt wurde. Er wartete noch einige Zeit, bum! nahm er die ״Tesillin" hervor, dir er nlitgenommen hatte, und verrichtete das Morgengebet. Der Gedanke an Gott war wie ein Heller Lichtstreifen in die Nacht seiner Leide!! gefahren, er schüttete seine ganze Seele im Gebet aus. Das war ein inbrünstiges Gebet, wie vielleicht seit jenem Momente feine! verrichtet wurde, als der Erzvater Abraham die Nacht der Höhle verlassend, im majestätisch auf- und untergehenden Sonuenball das Walten und Dasein Gottes erkannte! — Der dumpfe Raum deS Kerkers widerhallte von feinem Schluchzen und Jammern. Der Kerkermeister kam herein, sich nach der Urfache des sonderbaren Lärms umzuschauen. Nohrbach'S Augen weideten sich entzückt am gcdämpften Lichlschimm׳׳r, der durch die offene Thüre hereindrang, er beschwor den Kerkermeister, die Thüre einige Minuten offen zu lassen, um des theurcn LichtslrahtS länger genießen zu können — doch Jener lachte rauh auf und schlug die Thüre wieder zu. Als der Sturm seiner Seele sich im Gebete entladen hatte, überkam Nohrbach eine selige Ruhe. (Fortsetzung folgt.)

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