Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1884)
- Article
- Uneigennützige Pflichterfüllung als Hauptforderung der Gotteslehre
- Date
- 1884-09-04
- Page
- 564 (sequence 2)
- Language
- German
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564 ״ נרים דדיהם באי4; מצריםIhr kennt ja die Empfin- | dnng bei? Fremdlings, beim Fremdlinge seid Ihr ge-׳ wesen im Lande Egypten". Hier, wie in den! gegen den Mizri gebotenen Verfahren, liegt volllommen der Hillel'sche Grundsatz: '״ הה דסני עלך ם.׳Was Dir verhaßt ist, das thne Deinem Geführten nicht an". Woher kann aber ein solcher Grundsatz geschöpft werden? Weise man uns nicht nach Indien, wo der Mensch, die eigenen Begierden weltfciudlich ertödtend, überhaupt keines Willens, also auch nicht des bösen, fähig ist. Kann die Verehrung der Außenwelt, die Vergötterung des Bestehenden, kann die Gutheißung aller unserer Triebe solche Grundsätze heroorbringen? Da würde der Satz doch nur lauten können: ״Da Du empfunden hast, wie der Fremdling in Egypten behandelt wurde, da Deine Empfindungen!nißachtet wurden im Lande der Knechtschaft — da Du nun Deinen Peiniger als Fremdling machtlos bei Dir hast, da sich in Deinem Innern das Rachegcsühl regt — folge dieser Empfindung' Du hast noch das Gefühl der dort erduldeten Schmerzen — nun, so weißt Du auch, wie Du ihn am wirksamsten peinigen kannst!" So würde das Gesetz der Wiedervergcltung lauten, so würde die Satzung gcbicten, die dem menschlichen Vorthcilc, den menschlichen Leidenschaften zuliebe entstanden ist. Das sinaitische Gottcswort aber setzt sich in entschiedcncn Gegensatz zu der nicderzichenden Racheempfindnng, so sehr diese im Menschen liegt, so bercchligt sic zu sein scheint. Das Gefühl der dort erlittenen Mißhandlungen wird hier zum bloßen Maßstabe für das, was wir als Diener GotteS unseren Mitmenschen, selbst unserem Feinde, nicht anthnn dürfen. So erlangt Israels Leidensgeschichte einen hohen Zweck, wir werden die duldenden Träger des Gedankens der uneigennützigen Gottes- und Menschenliebe, unsere Sinne werden geschärft für die Leiden der Menschheit, deren verwundbare Stellen werden uns bekannt, und wir wissen, was wir in der Welt zu bewirken, was wir zu verhindern haben. Der unerschütterlichen Thora gegenüber wäre cS unntöglich gctocscn, heute den Frerndling zu dulden und zu hegen, weil es der Zeitgeist so verlangt, morgen ihm auf deu Nacken zu treten, weil er uns im Wege steht; auf ein solches Gesetz läßt sich fclscnfest bauen, der Fremdling wie der Einheimische weilt ungestört und sicher unter seinem Schutze, die Leidenschaft kann sich an jene geheiligten Stützen der Ge׳ sammtheit nicht heranwagen, weil sie über jeden Sondernutzen sich erheben. Alle guten Kräste können sich da ungestört geltend machen, nur dem zerstörenden Willen ist durch die Begründung deö Gesetzes als Gott es willen der Raum völlig genommen. Wäre die Satzung ein Kind des Vortheils und der mcnschlichcn Empsindnng, so würde sic der widerstreitenden Empfindung und anderen Bortheilen weichen müssen. Wehe aber Denjcnigeit, welche der Selbstsucht einer solchen Zeit und einer solchen Gesehesändcrnng znm Opfer fallen, während doch der Bestand des Bishcrigcu der Boden war, auf welchen sie vertrauensvoll ihre Hütten kanten! Wenn deshalb die Thora von den Steinen spricht, welche jenseits des Jordans errichtet werden, wenn sie gebietet, daß darauf die Bundcsworte geschrieben werden sollen באד הימב, so darf, der Ucberlrcfcrnng gemäß, der Targum Jonathan hinzufügcn: מהקרי בהד לישן ומיתרגם כשבעין לישנין, denn alle Völker sollten an der Grenze die Satzungen lesen, auf welche sie sich verpflichten mußten — dann aber, auf diese Perpflichtnngen hin, konnte ein Jeder getrost in das Land hineingehen und dort leben, weder an seinen Pflichten noch an seinem Rechte wurde im Laufe der Zeiten gemäkelt; anders der cgyptische Baal Zcson, der an der Grenze wachte, um den Fremden ein Zeichen des Hasses und der Verachtung zu sein! Solche Segnungen birgt ein unabänderliches, auf den Willen Gottes gegründetes Gesetz für Diejenigen, welche ihr Lebcnsschicksal an dessen Satzungen knüpfen. Weil nicht der Vortheil, nicht die Befriedigung von Begierden des Einzelnen die Voraussetzung der Thora ist, darum bietet sic Jedem die gleiche Sicherheit und den gleichen Frieden, Jedem die gleiche Möglichkeit, seine Kräste in wohlthätiger Weise zur Geltung zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Gediurlitil nur!} WiMdigtrs über die Prebigt. (Fortsetzung.) Es bedarf wohl nicht der nähern Ausführung, daß in allen diesen Predigten sich auch nicht die allermindeste Spur einer Erklärung des Gottesworts findet. Da lächelt man über die alten Magidim und Darschauim, und cs dürfte doch sehr wohl die ernste Frage fein, ob deren Textbehandtnng nicht der modernen trotz mancher Geschmacklosigkeit unb Willkür vorzuziehen wäre. Ich habe vorhin gesagt, daß hierin eigentlich kein besonderer Gcistesreichthum sich offenbare, sondern ein Mangel an wirtlichem Erfassen des heiligen Textes. Ich will nicht damit gemeint haben, daß irgend ein Prediger so wahnwitzig sein könnte, diese Ausbeutung des göttlichen Worts für eine richtige Erklärung desselben zu halten. Es weiß jeder der Herren Prediger, daß hier ein wirklicher Schwindel getrieben wird. Ich bin aber der Ansicht, daß sie sich zu einem solchen