Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1884)
- Article
- Ein glücklicher Wurf!
- Date
- 1884-08-28
- Page
- 559 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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559 daß er einen würdigen Vater, ein herrliches Mütterchen 11nb ein liebenswürdiges Schwesterchen besitze, daß ihm Prag, dessen sein Vater nach immer mit Vicbc und Verehrnng gedenke, zwar anßerordentlich gefalle, daß er aber dach zuweileit sehr große Sehnsucht nach der Vaterstadt fühle und sich manchmal nichts Besseres als ein Paar Flügel wünsche, — um, sei cs auch nur für wenige Stunden, nach Hanse zu fliegen, seinem würdigen Vater, seiner angebeieten Mutter die Hände, seinem lieben anmnthigen Schwesterchen die Stirne zn küssen, seine Lieben zu sehen, zu sprechen, und vor Wehmmh traten ihm die Thränen in die Augen. Plötzlich brach er ab und horchte mit aorgeneigtem Haupte, seine Gehörkraft twch dadurch verstärkend, daß er die gewölbte Hand um die Ohrmuschel legte. ״Kinderlebe!" schrie er vergnügt ans, .,so sott ich gesund sein 1111 ö lebe, wie ich da einen Mensche ans meiner liebe gute Heünalh rede höre — so schön und lieb redt me nur bei uns in Vaire!" Gerschom war entzückt, ein glückliches Lächeln umschwebte seine Lippen, er glich in dem Momente einem Schweizer, der weit entfernt von seinem Vaterlande die magischen Klänge eines Kuhreigens, eines ׳Alpenhorns hört; er konnte es vor Ungeduld gar nicht erwarten, den Sprechenden auch zu sehen, er stürzte ans der Laube in die Richtung, ans der die vaterländischen Laute kamen, und seine Geführten folgten ihm unwillkürlich. Gerschom hatte nicht lange zu suchen, er drang in ein kleines Wäldchen, in dessen Mitte er zwei Herren an einem Ganenlische von rohem Birkenhvlze in eifrigem Gespräche sitzend fand. Der ältere von ihnen, ein großgewachsener Herr von etwa zwei- oder dreinndvierzig Jahren trug einen leichten Hansrvck und ein Hansküppchen und hatte eine lange türkische Pfeife im Munde, so daß Gerschom sofort erkennen mußte, er stehe vor Herrn Lanterbach, dem Besitzer des Gartens. Der jüngere, ein Mann von etwa dreißig Kahren, war eine gedrungene markige Gestalt, dessen Kleidung: graue Joppe mit grünen Aufschlagen, graue Beinkleider, hohe Stiesel, sowie der vor ihm liegende Jägerhnt mit einer Anerhahnfeder ihn beim ersten Anblicke als Forstmann erscheinen ließen. Er hatte eine kurze Thonpfeife im Munde, ans der er tüchtig dampfte. Gerschom war in seinem Feuereifer so weit vvrgcdrnngen, daß er ganz gegen seinen Willen erst in der nnmittelbarsteu Nähe der beiden Herren stehen blieb, welche, ihr lebhaftes Gespräch unterbrechend, verwundert aufblickteu. Gerschom bot in dem Momente ein fchöues Bild dar. Sein jugendliches, hübsches Gesicht war vor Verlegenheit vom hellsten Purpur ubergossen, er wußte nicht, womit er seine plötzliche, wie er jetzt glaubte, unbesonnene und unpassende Annäherung an wildfremde Leute entschuldigen sollte, er hielt seinen hübschen Mund geöffnet, so daß zwischen den feuchten, kirschrothen Lippen das blendende Weiß seiner Zähne schimmerte; er zog sein dreieckiges Hütchen vom Kopfe, drehte es verlegen in der Hand und schlug beschämt die Augen nieder. Seine reizende Erscheinung hob sich auch sehr günstig von seinen beiden Begleitern ab, welche, die Hüte am Kopfe, blöde und unbeholfen, sich wie Schafe im Gewitter an einanderdrängend, hinter Gerschom versteckten. ״Wünschen Sie etwas, junger Mann?" frug Lauterbach. ״Ich — ich bitte tausendmal um Entschuldigung," stammelte Gerschom verlegen, ״ich bin e Baicr und bin jetzt schon mehrere Woche in Prag — ich besuche hier die Talmudschnle und da Hab' ich," - Gerschom erröthete als wenn er ein fürchterliches Verbrechen zu gestehen Hütte, — ״schon lang nit so hübsch rede höre, wie man bei uns zu Hause rede thnt, — und wie ich den Herrn da," er deutete mit der Hand schüchtern auf den Forstmann, ״spreche gehört Hab', so ist mir'S so warm nm's Herz geworde, lieber Herr, und —" . ״Ei, mei lieb's Bürschle!" rief der Forstmann vergnügt, ״so sei mer ja Landsleut'. — Ich bin der Förster Mergland aus Snlzenstein bei Fürth, — wie heiße Sie denn und woher sind Sie?" ״Ich heiße Gerson Altstadt," erwiderte der Bachnr hocherfreut, das; sein Nähertreten nicht als Arroganz betrachtet wurde, ״und bin ans Fürth." ״Aus Fürth?" schrie der Förster, ״Dunnerswetter, doch nit des David Altstadtl's Sohn?" ״Ja, der bin ich," erwiderte Gerschom. ״Ah! das freut mich, meiner Seel', das freut mich, daß ich den Sohn des kreuzbraven rechtschaffenen Mannes hier bei Dir, Schwager Lanterbach, treff', — dem David Altstadtl bin ich und auch meine Schwester Monika, Deine Frau, zu großem Danke verpflichtet! Meiner Seel', ohne dem wären wir arme Hungerleider, — aber, lieber junger Mann, setzen Sie sich doch zu uns," er schob Gerschom einen Gartenscssel;11111 Tisch, ״und die beiden jungen Leut' sind Ihre Kamerade, nit wahr?" und als Verschon bejahend nickte, lud er, noch zwei Stuhle an den Tisch rückend, auch die beiden anderen Bachnrim ein, näher zu kommen, und der schwarze Löb und David Manetin setzten sich schüchtern und blöde auf die äußerste Stuhlkante, daß Gerschom schier befürchtete, die Beiden würden im nächsten Augenblicke wie zwei ans dem Sattel gehobene. Tournierkämpfer auf den mit gelben KieS bestreuten Boden niederpurzeln. (Fortsetzung folgt.)