Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1884)
- Article
- Rußland : Petersburg, 15. August [Nachricht]
- Date
- 1884-08-28
- Page
- 557 (sequence 2)
- Language
- German
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mus und dem Umsichgreifen desselben innerhalb der russischen Eäymnasial- und Hochschulbildung ein Bein gestellt zu haben, als ob der Sozialismus aus dem Jndcnthnme käme? Wenn auch in den vielen politischen Prozessen der letzten Jahre ein gewisser, nicht unwestntlicher Theil Juden fignrirt, so haben sie ihre f0:ialiftijchen Irrlehren doch in den russischen Lehranstalten ausgesogcn, in denen sich zumeist ijcrabc die kernrussischen Lehrer der russischen Sprache und Literatur als die stillen Führer und Förderer des Sozialismus erwiesen haben. Und daß cs auch jetzt noch nicht viel anders und besser geworden, beweist ein kürzlich ergangenes Zirkular deö Ministers der Volksausklärnng an die Kuratoren der Lehrbezirke, worin der Minister in Folge andauernder Verbreitung verderblicher Irrlehren in den Mittelschulen sich gezwungen sieht, die Direktoren der Anstalten persönlich dafür verantwortlich zu machen, daß sich bei ihnen kein Sozialismus zeigen darf. Den Juden mag man gegen alles höhere Recht die Lernfreihcit nehmen — die Schule bleibt doch insizirt und wird ohne Zweifel noch lange insizirt bleiben: so lange eben das gegenwärtige wurmstichige politische System besteht! ...x. Petersburg;, l8. August. Wollte Gott, ich hätte Ihnen einmal Erfreuliches zu berichten! So aber vermehre ich nur die Hiobsposicn, an welchen Ihre Zeitung nur allzu überreich ist. Jetzt hat man wieder etwas Neues gefunden zum Heil und Frommen der Juden. Sie dürfen ihre Kinder nicht außerhalb ihres Wohnorts zur Schule schicken. Warum? Darauf kann nur der Minister der Volksaufklärung antworten, der solches besohlen. — Und die Judenkominission? Die ftubirt wahrscheinlich noch immer. A. M. Dorpat, 17. August. Angesichts der Thatsache; daß auch an der Universität Dorpat die Zahl der Studirenden jüdischer Konfession bereits eine bedeutende Höhe erreicht hat und noch in der Zunahme begriffen zu sein scheint, gewinnt ein an die Kuratoren der Lehrbezirke gerichtetes Zirknlarschreiben des Ministers der Bolkscmfklürniig auch für den hiesigen Lehrbe.zirk eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Der Minister weist zunächst auf die gesetzlichen Bestimmungen hin, denen zufolge den Juden der Aufenthalt im Reiche nur in gewissen Theilen desselben und nur unter gewissen Einschränkungen gestattet ist, und weist sodann darauf hin, daß dieselben einschränkenden Bestimmungen auch für die Kinder der Juden Geltung haben, daß mithin, wo den jüdischen Eltern der Aufenthalt im Reiche verwehrt ist, derselbe auch dm Si'iubcrn derselben nicht gestattet sein könne. Trotzdem finde ein starker Zudrang jüdischer Schüler zu Lehranstalten auch in jenen Gegenden statt, wo den Eltern derselben der Attfenthalt nicht gestattet sein würde. Der Minister lenkt aus diesen Umstand die besondere Aufmerksamkeit der Kuratoren der Lehrbezirke und der Universitätsbe- Hörden und crtheilt zur Erfüllung der bestehenden gesetzlichen Vorschriften denselben die Weisung, von ollen jüdischen Schülern, die sich zur Aufnahme in die Lehranstalten und Universitäten melden, außer den sonst erforderlichen Dokumcuten und Bildungs-Nachweisen auch die Beibringung eines Zeugnisses der örtlichen Polizciverwaltung darüber zu verlangen, daß ihnen gestattet sei, an dem Ort sich ansznhalten, in welchem sich die betreffende Lehranstalt befinde. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß, falls die vorgcschriebenc Maßnähme pünktliche Erfüllung finden sollte, die Zahl der Studirenden jüdischer Konfession auf der Mehrzahl der Universitäten des Reiches einen sehr bedeutenden Rückgang erfahren würde. Es ist allerdings eine ״eigenthümliche VolkSanfklärung", welche der Herr Minister der Bolksausklärnng durch die Ausschließung einer wißbegierigen Jugend von den Stätten der Bildung dewirkt! Rumänien. M. Bukarest, 22. August. Sic wünschen meine Meinung über die rumänische Jndcnfrage zu hören. Die ist kurz gegeben. Die Juden sollen ruinirt werden, da haben Sic die Antwort; und sie werden ruinirt, das ist die traurige Bestätigung derselben. Der seiner Zeit viel bejubelte Artikel 44 des Berliner Vertrags vom Jahre 1878 ist ein Unglück. Statt der vielen Umschreibungen, die der Arglist und der Willkür vollen Spielraum gewähren, hätte derselbe einfach lauten sollen: ״Die in Rumänien wohnhaften Israeliten werden als vollbürtige Rumänen erklärt mit denselben Rechten und Pflichten wie jeder andere rumänische Bürger. Alle in dieser Beziehung bestehenden Gesetze, Verordnungen, Privilegien und Gewohnheiten, welche der vollsten bürgerlichen, religiösen und politischen Gleichstellung der Inden mit den übrigen rumänischen Bürgern zuwiderlaufen, sind aufgehoben und dürfen unter gar keinem Titel jemals wieder in Kraft treten." So aber haben wir anscheinend eine die volle Emanzipation der Inden garantircnde von den Mächten verlangte und von Rumänien akzeptirte Erklärung — auf dem Papiere; man hat niemals daran gedacht, danach zu handeln. Im Gcgcnthcil, man hat sich sofort bemüht, trotz des Artikels 44 und trotz der kontrahirenden Mächte, die Inden zu mißhandeln. Man hat das Natnralisationögesetz gemacht, durch welches jeder Jude einfach als Fremder betrachtet und behandelt ivird, für welchen nicht ganz expreß die Kammern die Naturalisation bewilligen. Machen wir uns doch klar, daß die Inden in ihren Erwcrbszwcigcn und der Freiheit ihrer Niederlassung beschränkt und von allen Aemtern ‘ ausgeschlossen sind, dabei aber fortwährend unterdrückt