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Jeschurun · 1884-08-28 · Heft 35 (28.8.1884) · p. 554

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 35 (28.8.1884)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1884-08-28
Page
554 (sequence 2)
Language
German
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554 unterdrückt worden ist. — In dem deutschen Bürger-- verein fiir die Königssladt hat Professor Or. Brecher seine standideuenredc gehalten, in welcher u. A. auch die Phrase von dein ״dem deutschen Reiche feindlichen Indem hum" vorkam. Ist es nicht unerhört, daß in dieser Weise ein Professor gegen eine Religionsgenossenschasl oder gegen ein Religionsbelenntniß die denkbar größte Auschnldignng anSznsprechcn sich nicht cntblödet? Ach nein, unerhört ist das leider nicht. Schon öfter wurden derartige Phrasen gebraucht. Ein vielgenannter Antisemitenhänptling hat seinerzeit erklärt, er habe damit nicht das Iudcnrhnm im Allgemeinen bezeichnen wollen, sondern nur das dem deutschen Reiche seindselige Iridcnthnm. Wenn Herr J)r. Brecher sich ebenfalls dieser kläglichen AnSrede bedienen sollte, dann möchte ich ihn fragen, waS er denn wohl dazu sagen würde, wenn man von dem ״dem deutschen Reiche seindlichcn Ehristenthum" sprechen und dieses später dahin incerpretiren wollte, man verstände darunter die Franzosen von lb70, Sozialisten oder sonstige Feinde des Reich?, welche Christen wären? — Zur Befestigung des interkonfessionellen Friedens sigualisirt die ״Kreuzzcitnng" die Wahlen im l. Wahlbezirke als einen sehr heftigen zwischen Wagner gegen Löwe seilicet ״Inden gegen Antisemiten". Das heißt: Alle Mann auf Bord! — In den Spalten derselben Zeitung legt der bekannte Londoner I4-K orrespondcnr gegen Baron von Worin? in Vondon, dem ParlameutSmitgliede, das die Aufmerksamkeit der englischen Volksvertretung aus die unglücklichen rumänischen Juden gelenkt, eine Lanze ein. Freilich sind cS nur Lnflstöße, die er führt, aber cS ist doch schön tind erhebend, einem Manne, der für die Inden auslritt, eins anznwischen. — Doch genug für dieses Mal, zum Ueberdruß genug! ..in.. BreSlau, im August. Dem gedruckt vorliegenden Protokolle der Bersanrmlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen vom 1. und 2. Juni entnehme ich, daß der Lehrerstaud dieser Provinzen dem Unterricht im Hebräischen eine größere Ansnierlsamkeit zuzuwcnden beschlossen hat, und ferner, daß derselbe ans Miltcl sinnen will, um der Eiltfremdnug der Jugend vom Gottesdienste entgegen zu arbeiten. * 2111* CftVreufjeii, im August. Im Ansang des Monats 3111t wurden die jüdischen Einwohner des Kreises Weh lau durch folgenden Vorfall in nicht geringe Aufregung versetzt. Im Dorfe Watt ul spielten zwei zirka vier Jahre alte Kinder (Knaben) vor dem Hause der Eltern ans der Landstraße. - Plötzlich kam einer der kleinen Knaben mit dem Geschrei zu den Eltern zurück, daß ein durchfahrender Jude sein Brüderchen zu sich auf den Wagen genommen und davon gefahren sei. Sehr schnell verbreitete sich in dem Dorfe, wie in der ganzen Umgegend das Gerücht, daß Inden ein Ehriftenkind geraubt, um es zu schlachten. Ein Einwahner des Dorfes setzte dem KindcSrünber nach, lim ihm seine Beute zu entreißen. Bald war es ihm auch gelungen, den Wagen des Räubers cinzuholen, als jedoch Letzterer bemerkte, daß er verfolgt werde und daß mau ihm bereits ans den Fersen sei, hielt er deu Wagen an, warf daS Kind aus dem Wagen und stürmte im Galopp weiter. Der Verfolger, glücklich, das Kind gerettet zu haben, gab sich weiter feine Mühe, den Flüchtling einzuholen. Dieser hatte sich inzwischen außer Sicht und in Sicherheit gebracht. Die Affairc ward jedoch der Polizei gemeldet und diese entfaltete eine rege Thäligkeit, um den Schuldigen zu ermitteln und dem Gerichte zur Bestrafung überweisen zu können. Es liefen vielfache Denunziationen gegen die Juden ein. verschiedene Verhaftungen wurden vorgenommm. Judenfeinde hetzten während dessen das Volk auf, es machte sich bereits eine Aufregung und Gährung bemerkbar und — wer weiß, welches Ende es genommen hätte, wenn cs nicht den ancrkennenswerthcn Bemühungen eines Gensdarmen gelungen wäre, den wahren Schuldigen zu ermitteln. Derselbe war ein christlicher Bauer ans dem nächsten Dorfe. Er gestand seine Frcvelthat auch bald unumwunden ein, und befragt, zu welchem Zwecke er das Kind geraubt, gab er zur Antwort, daß er sich nur einen Spaß habe machen wollen. Zu Bekannten jedoch soll er die Aenßernng gethan haben, daß er daS Kind mit sich genommen, um die Inden zu verdächtigen, indem ihnen dies Verbrechen zur Last gelegt worden wäre. Die in Untersuchung befindlichen Inden wurden selbstverständlich sofort sreigclasscn, und der schuldige Bauer verbüßt nunmehr seine wohlverdiente Strafe. J Bochum, 24. August. Der Antisemitismus scheint nicht das ausschließliche Eigeuthum der Christlich- Sozialen und Ultramontaneu zu sein. Auch andere Parteien pflegen diese hochherzige, edle Gesinnung. So wird der ״Germania" von hier geschrieben: ״Die nationalliberale Wahlagitation treibt sonderbare Blüthcn. Die Leser erinnern sich gewiß, daß vor einigen Wochen, als Herr Liebermaun von Sonnenbcrg in nuscrem Kreise seine antisemitischen Versammlungen nbhielt, eine Anzahl hervorragender Natioualtibcraler tu Bochum und Wittcu eine geharnischte Erklärung gegen die Agitation dieses Herrn erließ. Mau war sich damals allgemein klar darüber, daß der Bochnmer Natiouallibcralismnö ans diese Weise die Stimnten der Juden für deu Di׳. Haarmauu krebsen wolle. Nachdem die Herren jetzt, wie sie utciuen, die Juden im Sacke haben, wollen sie auch die Antisemiten kapern; denn wie die nationalliberale ״Halt. Ztg." mittheilt, führte bei der am Sonntag in Linden stattgehabten Versammlung ein nationalliberaler Redner, ohne Widerspruch zu finden,

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