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Jeschurun · 1884-08-28 · Heft 35 (28.8.1884) · p. 553

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 35 (28.8.1884)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1884-08-28
Page
553 (sequence 1)
Language
German
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jYs 35. Jeschnrrttt. 5 53 KorrcsPudcilzcll itiib Nlichrichtc!!. Deutschland. * Hannover, 24. August. Wir hatten die Existenz der non verschiedenen Zeitungen gemeldeten 9Nmifterialvcrsüg!!ng in betress des Schreibens jüdischer Schüler an! Sounabend für apokryph gehalten i siehe vorige Nummer). Wir,haben zu konstatiren. daß ivir und geirrt haben. Die ״Iüd. Presse" berichtet, daß in mehreren Berliner Gymnasien dieselbe bereits verlesen sei, und theitt den Wortlaut dahin mit, daß .,an den höheren Schulen bei Handhabung des Unterrichts, sowie bei der schriftlichen Abitnrientcnprüsnng ans die Jordcrnng der Juden, am Sonnabend nicht schreiben zu lassen, eine Rücksicht nicht genommen werden soll." Es würden unseres Erachtens hierdurch die früheren Vcrfüguugen vom <4 Mai!65,9 und 5. April 1884, von welchen die elftere bestimml, daß den Schülern, deren Eltern darum nachsnchen, die Dispensation vom Schulbesuch am Sonnabend und jüdischen Feiertagen crihcilt werden solle, und die zweite, daß ״diejenigen jüdischen Kinder, welche an Sonnabenden oder Feiertagen die Schule besuchen, während des Unterrichts zu schriftlichen Arbeiten gegen den Willen der Eltern oder deren Stell- Vertreter überhaupt nicht anzuhaltcn sind" nicht ansgehoben. Nach wie vor brauchen die jüdischen Schüler weder am Sabbath die Schule zu besuchen, itoch können sie zum Schreiben gcnöthigt werden. Es ist in dieser Hinsicht nur verfüg!, daß der Unterricht, d. h. der UntcrrichtSplan, hieraus keine Rücksicht nehmen soll. Und ebenso soll, wenn bei der Abiturimtcnprüfnng eine schriftliche Arbeit ans einen Sonnabend angcsctzt worden ist, dieselbe nicht verlegt werden. — Wir!vollen heute eine nähere Besprechung an diese Verfügung nicht knüpfen. Wir behalten uns eine eingehende Erörterung derselben vor. Wir wollen vorläufig nur aufmerksam!!rächen, daß nach dem Wortlaut der Verfügung cs jeden! Direktor und Lehrer dennoch sreisteht, B. keine Zeichen- und Schrcibstuudc, keine Extemporale, oder bei der Abümientcuprüstmg keine schriftliche Prüfnngsarbeit auf den Sonnabend anzusetzen. 91111: wenn die Inden cs fordern, darf ihnen nicht willfahrt werden. 0. Berlin, 21. August. Gestern langten wiederum 200 rumänische Juden hier an und reisten, nach geschchencr Verpflegung auf dem Bahnhose durch mildherzige Glaubensgenossen, weiter nach Hamburg. Ihr Ziel ist Amerika. Bangen Herzens sahen wir die Unglücklichen die Reise fortsetzen. Es ist wenig Hossuimg, das cS ihnen jenseits des OzeanS gelingen wird, sich eine neue Heinrsth zu gründen. — Wie soll bat enden? — Gott erbarme sich der Vertriebenen, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als Inden zn sein. Dieselben gehören größtciitheils dem -Handiverkerstande an. -a- Berlin, 25. August. Uickvuäo dicere vornm. lächelnden Mundes die Wahrheit zu sagen — ich habe eS bis jetzt versucht, und manches Mal mag es mir gelungen sein. Das Herz blutete, während der Mund lächelnd berichtete von dem wüsten Treiben Derer, die ohne Grund nnS hassen, die den Blick fromm gen Himmel wenden und ihren Nebenmeuschen in wohlüberlegter Absicht verunglimpfen. Aber ich fühle, eS wird mir schwer, in diesen! Tone gewisse TageScreignisse zn berichten und das Wort dcS Zorns zu unterdrücken, wenn immer wieder und!nieder Männer, die vermöge ihrer Stellung und Bildung frei von Vorurtheilen und erhaben über Rohheit sein sollten, den Refrain des schönen Sangs anslimmcn — ״schmeißt ihn '!׳ans den Inden Itzig!"-Denn alle die erhabeneu. tiefsinnigen, frommen antisemitischen Reden und Schriften sind nichts anderes als höchst geistreiche Variationen dieses in seiner schlichten Einfalt so herzigen BedS. Der menschliche Geist, zumal ivcnn er in einem frommen und gelehrten antisemitischen Hirn waltet, ist doch wunderbar fruchtbar. Hätte ich doch nimmer gedacht, daß das ״Schmeißt ihn 'raus״ so mannigfach zu ndritten ist. Ja ״Schmeißt ihn 'raus״, das ist die Marseilleije — nein, der WeihehymimS des heiligen Antisemitismus. — Da werden jetzt von hier seitens der Polizeibehörde sehr viele Nüssen ansgewiesen. Man mag diese Maßregel ans Motive verschiedenster Art i znrnckiühren, immerhin wirb man den Menschen, welche davon betroffen werden, das men schliche Mitgefühl nicht versagen, dessen sie nach meiner festen Uebcrzeugung selbst von denjenigen Beamten, welche die Ausführung dieser harten Maßregel zn bewerkstelligen haben, gewürdigt werden. Der Richter wird mit dem Vcrbrccher, über welchen er eine Strafe aussprechen muß, Mitleid haben. Jedenfalls ist Schadenfreude das Zeichen eines rohen GcmüthS, eines verwilderten Herzens. Weil aber mitcv den Ausgewiesencn auch viele oder mehrere Inden sind, so wird die ganze Maßregel als ausschließlich gegen die gefährlichen Inden gerichtet bärgestellt, so daß man glauben sollte, das Polizeipräsidium sei antisemitisch geworden, und die Ansgcwiescnen wären ausnahmslos Juden. Und dabei legt inan eine Helle, innige Freude über die Ausweisung dieser Unglücklichen an der! Tag, und weil man vcrmuthet, daß mehrere von ihnen sich nach Wien zn wenden die Absicht haben, so wird schon jetzt vorsorglich die Polizei der öfterrcichischcu Kaiserstadt ansgejordcrt, sie ebenfalls zn vertreiben. Und das geschieht in einer so hämischen, gehässigcn Weise, daß man sich fragen muß, ob denn das menschliche Gefühl von dem antisemitischen gänzlich

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