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Jeschurun · 1884-08-28 · Heft 35 (28.8.1884) · p. 552

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 35 (28.8.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-08-28
Page
552 (sequence 2)
Language
German
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Mädchens sah — es giebt!einen schrecklicheren Anblick, al* derjenige eines aübefaimtcii und t heuern An ge sich res, ans welchem jede Spur des Geistes, der Vernunft gewichen ist. — Dann wieder stand das kranke Mädchen unter dem Tranbaldachin, des bedcntnngchchwercn Momenkes gewärtig, der sie für ewig dem Geliebten vcrbinden sollte. Ihre engelschönen Auge, welche sonst von den schrecklichen Gebilden ihrer kranken Phantasie verzerrt wurden, glätteten sich zum Ausdruck einer verschämten, feierlichen Erwartung, ihre großen, seelenvollen Augen, in denen früher Fieberglnth loderte, erftualjltcu im milden Scheine reinster Glückseligkeit. Plötzlich vermißt sie den geliebten Vater, der seinen Segen über ihren Bund sprechen soll — er hat ihn eben aussprechcn wollen diesen Segen — da wnrde cs so siuster — ticse Schatten dämmern herab und verhüllen die ganze frohe Szenerie — den Later, den Bräutigam, dieHochzeitsgäste — alles ist verschwunden, nur sie steht allein inmitten der grausigen Nacht, und über ihrem Haupte hangen rabenschwarze Gewitter׳- wollen — ein gewaltiger Schlossenstnrm rauscht herab — die Windsbraut ächzt und heult — unter Donner und Blitz sicht sie eine Welt in Trümmer gehen! Sie will fort, um den theuren Greis ans dem allgemeinen Untergang zu retten, und ihre Mutter und Gabriel, welche stets an ihrem Lager stehen, haben Mühe, sic im Bette zurückzuhalren. — Die Mutter! — wer vermag das Meer von Qualen zu ahnen, welches ihr Her; einschlicßt. Der Gatte, von Kerkermauern umfangen, das einzige, sonst blühende Kind am Rande des Grabes schwankend. — Das biedere Weib fühlte sich sehr krank, aber sie wußte, daß sie gesund bleiben mußte, und dieses Bewußtsein erhielt sie aufrecht. Welche Veränderung ist mit dem schwergeprüften Weibe vorgegangen, seit wir sie das erste Mal bei der Verlobung Lealss und Gabriel's gesehen haben! Damals war sie eine Frau in den besten Jahren des Lebens, gesund und mit ihrem Schicksal zufrieden — heute ist sie eine Greisin, gebrochen an Geist und Körper. Auch an dem Aeußcrn Gabriel's sind die Ereignisse der letzten Tage nicht spurlos vorübcrgegangcn, der Sturm des Schicksals hatte auch seinen kräftigen Stamm erschüttert, — vermochte aber nicht, ihn zu brechen. Er war blasser geworden, und die Runen tiefer Furchen auf seiner hohen Stirn bcrichteten von den Schmerzen, die sein Inneres zcrnagten. Beim Einbrüche der Nacht war die Kranke etwas ruhiger geworden, sie blickte wieder mit jener schrecklichen Apathie zur Zimmerdecke enlpor — ihre Wärter benutzten diese kurze Pause, sich einige Ruhe zu gönnen. Gabriel saß am Kopfende des Bettes und verhüllte das gesenkte Antlitz mit den Händen, die Mutter der Kranken aber ruhte seitwärts in einem Lehnstuhle und schlummerte. Eine schwüle, lautlose Stille herrschte im Zimmer, durch nichts unterbrochen, als durch das gedämpfte Ticken einer Wanduhr, welches aus dem Nebengemach hereintönte. Der Kops der Schlafenden ist auf die Vcljiie des Sessels znrückgesnnken und der volle, von einem Schinne konzentriere Schein der Lampe ruht auf ihrem Antlitze. Jetzt sicht man erst, wie fahl dieses Antlitz ist! — Die Lippen der Schlummernden bewegen sich leise, um einen schwachen Seufzer durchzulassen, und um ihren Mundwinkel spielte es wie der Schatten eines Lächelns — wie ein kalter bleicher Lichtstreifen, der über wüste Schneefelder hinznckt. Bielleicht träumt die Aermste, daß der Gatte befreit und die Tochter genesen ist! — Der Traum, dieser milde Tröster aller Elenden, scheint sich auch ihrer Leiden annehmen zu wollen, doch die feindselige Wirklichkeit wacht eifersüchtig darüber, daß kein einziger und sei es auch nur geträumter Balsamtropfcn in ihr leidendes Herz gelange. Noch ist das matte Lächeln nicht von ihren Lippen gewichen, als cs an die Fensterscheibe pochte. Die Schlunnnernde und der in düsteres Träumen Versunkene, erhoben gleichzeitig den Kopf und lanschtcn. Es pochte abermals und Gabriel schlich hinaus, um zu erfahren, wer cS sei. Bald lehrte er mit einem Bündel Kräuter in der Hand in's Zimmer zurück. ״Was war das?" fragte Frau Rohrbach flüsternd und richtete sich matt vom Lehnsessel auf. ״Die alte Mara war draußen," entgegnete Gabriel eben so leise, ״sie übergab mir diese Kräuter, damit wir daraus für Lcah einen Trank znbcreiten. DaS Weib wollte sich um alles in der Welt nicht überreden lassen, herein zu kommen." Selt.einigeu Tagen schon waren der gramgebeugtcn Frau die Linderung spendenden Quellen der Thrünen versiegt, das Bewußtsein ihres unendlich düstern Geschickes vermochte ihr keine Tyrüne mehr zu erpressen, aber jetzt, auf die Worte Gabriels brach sic wieder in bitteres Weinen ans. ״Es scheint," sagte sic mit unterdrücktem Schluchzen, ״daß man uns doch allgemein für Diebe hält; wie hätte sich sonst die treue alte Seele so gescheut, unsere Schwelle zu übertreten?" ״Beruhigt Euch, Mutter." versetzte Gabriel, ״ich kann Euch versichern, daß das Volk günstiger von uns denkt. Erinnert Euch nur an die Worte des Richters an jenem unheilvollen Tage — das kann unmöglich der Grund von Mara'ü Weigerung gewesen sein. Ich weiß nicht, — die Alte hat einen ןonbcvbarc« Eindruck auf mich gemacht. Als ich sie ciulnb, in's Zimmer zu kommen, zuckte sic heftig zusammen und sträubte sich so entschieden, mit bebender Stimme, als wenn sie Jemand gewaltsam hätte nöthigen wollen." ^Fscts. f.)

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