Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1884)
- Article
- Ein glücklicher Wurf!
- Date
- 1884-08-21
- Page
- 543 (sequence 2)
- Language
- German
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aber wenn Du schon grad überflüssiges Geld hast, so I möcht ich Dich bitten, Elosor Neutetschcin eine Matono') zu geben; er hat eine alte blinde Mutter zu HanS,! der schickt er jeden Pfennig, den er verdient, sein Nock! und seine Kleider sind zerrissen, er hat nit lcchassoS! erwo!" '״) Gerschom trat zuerst all David Manctin heran, reichte ihm die Hand und flüsterte ihm zu: ״Heißt das eine Matono, wenn ich Dich höflich bitte, bei einem Glase Bier mein Gast zu sein'? ein anderes Mal lädst Du wieder mich ein, und ich wcrd'S mit herzlichem Danke annehmen, sind wir dann wieder wett! — ich weiß eS ja, daß Du boruch Haschen! י) mein Geld nicht brauchst. Thu' mir nur die eine Liebe und nehme für heute meine gut gemeinte Gast^ sreundschaft an; Du bist ja gut und klug, es möchte die Andern mewajisch (ein* * * 4), wenn Du Dich über sie erheben möchtest," und als David Manctin, von Gcrschom's Herzensgute und Liebenswürdigkeit besiegt, zustimmend mit dem Kopfe nickte, wandte sich Gcrschom nun an Oscher Blowitz, den er als weit älteren Bachur — dieser war achtundvierzig Jahre alt und ein bemoostes Haupt der Prager Jeschiwa — mit ״Ihr" und ״Rcb" ansprach. ״Ueber Euch, mein lieber Rcb Oscher, bin ich recht broges ׳'׳), warum habt Ihr mir nicht schon früher gesagt, daß sich unser braver Ehawer'') in solch' Übeln! Mamed^) befindet? Ich bitt' Euch, seid mochel^, gebt dem braven Elosor Ncntitschein einen Gulden," — er zog ein Silberstück ans der Tasche — ״Ihr braucht nit zu sagen, daß das Geld von mir iS, — und wie ich in! jirze Haschen! nach Hause konnne, schicke ich ihm einen Rock und ein paar Beinkleider, ich schenk' ihm die Kleider nit, ich borg' ihm sic nur, er soll sie mit Gesundheit tragen, bis er sie zerrissen hat, dann kann er sie mir ja zurnckgeben." ״Da sind von mir auch fünf Pöhm," w) sprach David Manetin, seinen Beitrag gleichfalls in Oscher Blowitz' offene Hand legend. Auch die Andern, selbst die Unbemittelten, gaben eine kleine Beisteuer zu der rasch improvisirteu Sanunlung, so daß diese fast zwei Gulden, eine für jene Zeit und für die Bedürfnisse eines BachurS sehr bedeutende Summe, erreichte. Bloß Schlome Bnchin, der trotz!) Geschenk, Gabe. -) Seine Blöße zu bedecken. 2) Gott Lob. 4) Beschämen. ׳') Erzürnt, böse. ß) Genosse, Kollege. ך) Lage. H) Verzeiht die Belästigung. ף So Gott will. l°) Groschen von Böhm, böhmische Groschen. seiner großen Arinuth sich doch seinen heiteren Sinn bewahrt hatte, meinte mit einem wehmüthigcn Lächeln: ״Bcchaji roschi wcnasschi!') ich möchte gerne auch etwas beisteuern, aber Kleingeld Hab' ich ke'mS, und einen Thalcr kann ich mir nit wechseln — wißt ihr warum? — weil ich ihn nit Hab'!" Diese Erklärung rief bei den Bachurim ein so homerisches Gelächter hervor, daß auch der sonst melancholische Neb Oscher seine schmalen Lippen verzog, so daß dies bei sehr günstiger Bcurtheiluug und im äußersten Nothfalle für eine Abart von Lächeln gelten konnte. Nachdem dieser WohlthätigkeitSakt in einer vollkommen zufriedenstellenden Weise seinen ersten Abschlnß gefunden, folgten alle Bachurin! Gcrschom'S Eintadung, — sogar Neb Oscher Blowitz, der wenigstens Brocho über das Vier machen wollte, — und traten in den Garten. Die gcmüthliche Unterhaltung beim Bierglase hatte eine kurze Störung erlitten. Zwischen Beerl Uderitsch und Elije Eibcnfchütz hatten sich mit einer Plötzlichkeit, gegen welche der rasche AuSbrnch des dcutsch-sranzösischen Krieges ein reines Kinderspiel war, eine gefährliche Meinungsdifferenz über eine Stelle im Mehorjcho a) ergeben, welche die Geniüthcr der beiden Streitenden in so hohem Grade erhitzte, daß Beerl Uderitsch seinen Gegner einen Amhoorez beoveifeo3) schalt, woraus Elije Eibeuschütz in nachdrücklichster Weise behauptete: Beerl Uderitsch wäre -er größte Maiße Beheme4), der je in diesen! irdischen Iammerthale von Gottes goldener Sonne beschiel!en worden wäre. Beerl Uderitsch, der sich eines äußerst lebhaften Temperamentes erfreute, zeigte eine starke Neigung, in aufstcigender Ordnung von Verbalzu Real-Injurien zu überschreiten; allein die Andern legten sich in'S Mittel, und es gelang ohne allzugroße Mühe, den zerstörteu Frieden zwischen den beiden jungen Leuten, welche sonst die besten Freunde waren und für einander das Leben gegeben hätten, wieder Herzustetten, und nachdem gewissenhaft das letzte Bierrestchen auSgctrnnkeu war (auch daö lag, so sonderbar eS klingen mag, in den religiösen Anschauungen der jungen Leute, sie hielten cs für unrecht, eine Gottesgäbe nutzlos verderben zu lassen), setzte sich die ganze Gesellschaft wieder in Bewegung und traf um halb fünf, also lange vor Eintritt der Gebetzeit, in den Lauterbach'schcn Garten ein. (Fortsetzung folgt.) 1) So wahr mein Haupt und meine Seele lebt! eine übliche Form der Betheurung. ־) Ein Glossalor des Talmudö, dessen Werk noch den Initialen seines Namens diesen Titel trögt. 3) Unwissenden der ärgsten Art. 4) Dummkopf.