Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-08-14
- Page
- 520 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933082-2958135--16385-2958187- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
520 mit peilllichcr?(ufmcrffamfcit begleitete. Endlich, nach j einer kurzen Weile, die aber der neugierigen Menge! eine Einigkeit geschienen, öffnete sich die Pforte bc* Hauses, mib heraus trat der Pfarrer mit den!;viiSfal, j gefolgt non - Iano und einigen Haiduckcn. Die kleine! Gruppe schlug, nach Angabe Iano's, den Weg zur Wiese ein, und die ganze Menge folgte in lautloser Stille, nicht wissend, was da kommen solle. Bald war man auf die Wiese hinansgelangt und zu einer riesig groben Eiche, deren weitgehende Acste den Gartenzaun hinter dem Hanse Nohrbach's berührten. Neben der Eiche stand der Küster, Wache halten, und zu seinen Füßen war ein Stück Erde bemerkbar, welches etwas erhöhter als das übrige Erdreich, mit einem losgelösten Nasen׳ stücke;«gedeckt war. Ans einen stummen Wink des Pfarrers, dessen Angesicht einen tiefen Ernst ausdrückte, «ahm ein Haiduck ein bereit gehaltenes Grabscheit zur Hand und siug an. die Grube, die nach Wegnahme des Mooses bemerkbar wurde, von der sic füllenden lockern Erde zu befreien, -- die Aufregung in der Menge hatte den höchsten Grad erreicht, man stellte sich ans die Fußspitzen, nnd bemühte sich, über die Köpfe der Nächststcbcnden hinwegzublicken. Endlich, nachdem eine beträchtliche Menge Erd( ans der Grube entfernt worden, wurde der Zipfel eines rothen Tuches sichtbar, der Haiduck erfaßte ihn und hob mit einiger Anstrengung das Tuch mit seinem Inhalte hoch über die Kopse der Menge empor, welche auf diesen überraschenden Anblick in zahlreichen, mannichsaltigcn Ansrnsnngen sich äußerte. Gewiß, cs war kein Zweifel mehr, daß dies die geraubten - Kirchengeräthe waren, man lonnte das Silber deutlich klingen hören, als der Haibuck das Bündel in die Lust emporhob. Wo ist aber der THüter, wo ist er, der srcvlerischc Kirchenschändet׳? Das Tuch war über und über mit einer schwarzen Bnchstabenstickerei bedeckt, und der Pfarrer bezcichncte dem Fiskal die Inschrist für eine jüdische. Also, ein Jude ist der Dieb! Mancher Fluch wurde unter der Menge kaut, und mehr als eine Hand ballte sich drohend gegen den unbekannten Schänder des Heiligthnms. Der Pfarrer hatte unterdessen das Tuch von allen Seiten genau besehen und überrascht blieb sei« Blick an einer Ecke desselben hangen. Er flüsterte leise dem Fiskal einige Worte in's Ohr, worauf dieser erst ungläubig de« Kopf schüttelte, dann aber apathisch mit den Schultern zuckte. Der Pfarrer gab dann den Haiducken eine Weisung, und diese setzten sich, den Corpus dolicti tragend, in Bewegung. Kein Zweifel, man hat an dein Tuche den THüter entdeckt, nnd man geht nun, den nichts Ahnenden ans seinem Schlups- Winkel herauszuholen. Doch was ist das? Wenden sich die Haiducken nicht der Gartcnthüre zu, die zu Rohrbach'S Hause sührt? Wahrhaftig, die Haiduckcn haben bereits die niedere, schmale Pforte passirt, und jetzt folgt ihnen der Pfarrer nnd der Fiskal, — wo soll das hinaus? Man sucht doch nicht etwa in dem würdigen, unbescholtenen Manne den Kirchmränber? — Unsinn! Eine unbeschreibliche Erregtheit bemächtigt sich der Menge, Niemand wagte es ausznsprecheu, was das sich vor Aller Angen Abspiclcndc vertnuthcn und erwarten ließ, und weil es so ganz außer dem Bereiche der Möglichkeit lag nnd dennoch eiutreffen sollte, so nimmt es die Gestalt eines unbegreiflichen Wunders an nnd reizt die Neugierde über alle Maßen. Die schmale, aus einigen schwachen Pfosten bestehende Gartcnthüre wird nmgeworfen, der Zaun niebergestampft, und über die Erzeugnisse einer kunstsinnigen Menschenhand stürmt vernichtend der barbarische Laus der Menge dahin. Salamon Rohrbach hatte sich um das rege Treiben im Dorfe wenig gekümmert; am Sabbath sich um die materiellen Interessen der Welt zu kümmern, wäre für ihn mit der Entweihung dieses heiligen Tages gleichbedeutend gewesen. Der Sabbath war für ihn ein Tag des gottgewcihtm Forschens, des innigen Empfindens der ewigen Heiligkeit des Iudenthums und der weihevollen Freude mit derselben in dem von Liebe getragenen Zusammenleben mit der Familie. Er saß drin im trauten Kreise der Seinen und sorschte im Worte Gottes, während Gattin und Tochter sich ebenfalls, eine jede nach Maßgabe ihrer Neigung, geistig unterhielten. Die drei Personen wurden ans ihrer angenehmen geistigen Beschüstigung erst durch die in den Hof stürmende Menge gewaltsam heransgerissen. und kann!, daß sie Zeit hatten, sich des jähen -Schreckens über diese nnvcrmnthete Bewegung bewußt zu werden, da öffnete sich die Thüre und herein trat der Pfarrer mit dem Fiskal, gefolgt von den Haiduckcn. Die Frauen sanken -mir einem jähen Aufschrei, den ihnen eine dunkle Ahnung erpreßte, wie erstarrt ans ihre Sitze zurück; in dem Tuche, welches der Pfarrer in der Hand hielt, hatten sie sofort das gestern Abend vergebens gesuchte ..Barchesdeckel" erkannt. Salamon Rohrbach starrte, den Kopf ans die Hand gestützt, bewegungslos und gleichgültig den Eintrctcndcn entgegen, sein Blick hatte etwas unheimlich apathisches au sich, als ginge die Sache ihm gar nicht an, uuö nur die tiefe Blässe seines Angesichtes nnd das Zittern seiner Lippen zeugten dafür, daß er bei Bewußtst in war. Der Wechsel von zufriedener Glückseligkeit und trostlosesten Elend, welches er sofort erkannt halte, war zu jäh auf ihn eingebrungeu, als daß er es für möglich, für wirklich gehalten hätte. Ihm war es, als treibe ein böser Traum sein mnthwilligcs Spiel mit ihm. Jetzt trat der Pfarrer an den Tisch hin und breitete ans demselben bas rothe Tuch aus. (Forisetznng folgt.)