Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1884)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Mecklenburg
- Date
- 1884-08-14
- Page
- 519 (sequence 2)
- Language
- German
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519 dem FanatiSmnS des Volks geschuht waren, das sie nicht zum Spielball seiner Wnth und Laune machen konnte. Wir wissen, daß nach damaligem Recht die Inden als kaiserliche Kammerknechte galten und also außer dem Kaiser auch dem Vasallen, unter dem sie standen, doppelt den Geldbeutel füllen mußten. Merkwürdig war ihnen dieser Titel im Mecklenburgischen nicht beigelegt, und daS nicht zu ihrem Schaden, weil sie nur nach einer Richtung hin die Erlanbmß, Luft und Leben zu athmcn, zu erkaufen brauchten, obwohl daS Berhältniß der Mecklenburgischen Fürsten zum Kaiser auch das eines Basalten war. Ob Heinrich I., der Pilger, ein edler Fürst, aber and) ein frommer Schwärmer, der zu seinen! Seelenheil mit dem Pilgerstabe nach den! heiligen Lande wanderte und in moSlemitische Gefangenschaft gericth, worin er L;<> Jahre schmachtete, aus Edelmuth und GerechtigkcitSlicbe oder ans finanziellem Interesse die Juden in Schutz nahm, ist nid)t zu ergründen, letzteres wird wohl der Fall sein, da sie, n׳ic überall, tüchtig blechen mußten für das natürliche Recht, nur athmen zu dürfen. Der Fürst brauchte sie als eine Art Gegengewid)t in seinem Dienst gegenüber den Städten, namentlich in kommerzieller Hinsicht, da Wismar besonders im Handel emporblühte und darum zur Widersetzlichfeit den! Fürsten gegenüber geneigt war. DaS inachte sie den Bürgern allerdings nicht beliebt, desto nnentbehrlichcr waren sie aber dem Fürsten, der sie schon deshalb mit steter Rücksichtnahme in seinen Vereinbarnngen mit WiSmar behandelte. In Geldgeschäften standen sie übrigens auch mit dem Rathe in WiSmar, wie dieses ans den Ans- Zeichnungen der WiSmar'schen Kämmerei in den Jahren 12M)undk)I erhellt, denn auch hier war, wie überall in Deutschland, neben Handel das Geldleiben und Pfandnehmen ihr Hauptbetrieb, zu dem sie die Eng- Herzigkeit der Christen drängte. Es wurden ihnen darin aber manche Beschränkungen anserlegt. So z. B. dursten sie letztere nur offen und des Tages vornehmen. Da auch die Anschauung, die dainalS überall herrschte, daß die Inden nicht in christlicher Rachbarschaff wohnen durften, in Mecklenburg galt, so hatten die Juden auch eine eigene Straße, die n!an ans dem entlegensten und schlechtesten Stadttheite hier in der Altböterslraße wählte. Sic hieß plataa judaeunun (Jndengasse). Sic hatten and) eine Synagoge, die domus jmlaeurum (JndcnhanS) genannt wurde. So lange Heinrich unter seinen Unterthanen weilte, wurde der Schutz, den er den Inden in seiner Residenz WiSmar angedeihen ließ, von der Stadt respektirt. lFmIsetzring folgt.- Aachtgellirne. Historische Novelle aus der Fendalzeit Ungarns -011'י Samuel Berthold 0 311er. - tii'rlotcn u. llrfbcrr f c t; u 0 ן! ז ו r 1• di t vorbebal«.cn. lForlsctzinlg.) Als Herr Tanncnbanm mit gedämpfter Stimme daS letzte Gcbetstück kaum becndcthatle, eilten Alle, wie von einem Alpdruck befreit, ans dem Tempel, theilS ans Neugierde, thcilS aus einer durch die Ungewißheit hervorgcrnfenen Bangigkeit. Die Kunde vom Kirchenranb hatte, sich schnell durch den ganzen Ort verbreitet, and) sthieu der vom Küster kolportirle Glaube an die Thäterschaft der Inden unter dem leid)t zu beeinflussenden Bauernvolke, wo das Ereigniß des Tages in rcd)t lebhaster Weise besprochen wurde, schnell Wurzel gefaßt zu haben. Manch gehässiger Blick traf die heimkehrcnden Juden aus manchem sonst freundlichen Auge. Die herrsd)aftlichen Haidncken mußten daS Volk wiederholt anffordern, an die Feldarbeit zu gehen, und and) der wiederholten Aufforderung wurde nur mißm.tthig und murrend Folge geleistet, vor dem sensationellen Verbrechen war jedes andere Interesse znrnckgetreten. Die aufgeregte Spannung des Volkes wuchs noch, als der Herrschastliche Fiskal erschien, um im Namen dcS Grafen, der vom Geschehenen durch den Pfarrer in Kenutniß gesetzt worden, einige Bauern zur Ernirung des Diebes oder Diebstahls in die Umgebung des Dorfes zu entsenden. Oie Zirkel ans der Gasse lösten sid) den ganzen Vormittag nid)t ans. Alle wollten hier das Ergcbniß der Expedition erwarten. Die alten Bauern sagten köpfsd)üttelnd, daß dieser an Aufregung reiche Vormittag zur verflossenen kuriosen Nacht ebenso passe, wie das Küchel zur Heime, für keines von beiden wußten sie ans ihrer weit znrückreid)enden Erinnerung ein würdiges Seitenstück hervorzuholen. And) die jüdische Vevölkernng von S—z verbrachte einen bangen Vormittag, doch ließ sie doS Bewußtsein ihrer vollkommenen Uuschuld mit einiger Beruhigung und Zuversicht dem Kommenden entgegenschen. Gegen die Mittagszeit n!od)te cs sein, da ging durch die lebhast bevölkerte Hauptgasse des Dorfes eine heftige Bewegung. ״Was giebt's? Hat man den Dieb? Wer ist cS, wo ist er?" Diese Fragen tönten von Mund zu Munde, worauf Einige die Auskunft crthcilten, man habe den Jana, der im Vereine mit den! Küster ans der Suche gewesen, eilenden Laufes in die PfarrcrSwohnung rennen sehen, was ohne Zweifel mit der Lösung dcS Räthsels in Verbindung stehen müsse. In Folge dieser Meldungen war die Pfarre bald von der gesammtcn Bevölkerung des OrteS umgeben, die eine jede Bewegung im Hause