Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-08-07 · Heft 32 (7.8.1884) · p. 506

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 32 (7.8.1884)
Article
Deutschland : Berlin, 3. August [Nachricht]
Date
1884-08-07
Page
506 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933081--16336-2958106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

506 Oubcnfvaflc bilden, müßten von ״christlichen Prinzipiell auerkannt und ihrer Nebcrwindung cMgcgcngeführt lverden." Ja, was sott ich nur darunter denken'? Sic haben, geehrter Herr Redakteur. kürzlich -eine gründ liche Abhandlung über ,.den Anlisemitismus hex Kreuz-- zcilnng" vcrösjentlicht. welche auch in christlichen Kreisen vielja.ch gelesen und lobend anerkannt wurde. Warum erörtert die ״Kreuzzcitnna" nicht in tiaveu, üttgc:neiu ucrftäiiMirijcn Worten dem gegenüber, ans welcher! christli'chcn Prinzipien sic ihren AntisemitiSninS denn cigcntlich ablcitct. Herr de le Roi schreibt jetzt nrit der Bestimmtheit einer unumstößlichen Thatsache, welche gar keinen! Zweifel Raum gewährt: ״In der ganzen christlichen Völterzcit sind die Juden gcradeSwcgs eines der vorzüglichsten Werkzeuge in den Händel; des heiligen Gottes geworden, um besonders die hervorragendsten christlichen Völker und Staaten, wclchc ihre Ausgabe vergaßen, von innen heraus anstösen zu Helsen. Die geistige wie die materielle Zersetzung deS christlichen Staats- und Volkslebens, das sich dem ihm geltenden Witten GotteS entzieht, vollzieht sich in mehreren der bedeutendsten Fälle ganz besonderauch durch die Inden. Das Anwachsen jüdischen Einflusses in einem christliehen Volke ist stets eineder sichersten Anzeichen für den Verfall seines christlichen Volks- und Staatsmcscns," woraus dann der Schluß gezogen wird: ״daraus geht hervor, daß der Bürger eines christlichen Staates aus die Inden in einer zwiefachen. Eigenschaft schaut, nämlich einmal als Patriot und zweitens als Christ. Als Patriot möchte er sein Vaterland vor den schädlichen Einwirkungen den Judenthnms bewahren, als Christ möchte er in innigstem Mitleide mit dem religiössittlichen Staude aller Israeliten, so viele als rnöglich, znm mindesten einige, der christlichen Kirche z-rgcführt wissen. Wie bin ich zu gleicher Zeit ein christlicher Patriot und ein patriotischer Christ'? Das ist mithin die Frage, welche jeder Protestant den Juden gegenüber zu lösen hat." Woher weiß der srommc Herr denn das Erstere? Hat cS ihm Gott geosseubart? Cs werden hier Juden und Jndcnthnm als identische Bear isst ausgcsaßt; eS kann also nur von den Juden in den! Sinuc die Rede sein, als durch die Bekenner des Judenthums dieses in seinem idealen Gehalte znm Ausdruck gelangt. Ich kann mir mm aber gar nicht Vorstetten, wie das Judcnthnm weniger geeignet sein sollte, ״einen religiös-sittlichen Stand" zn erzeugen, als das Chrislcnthnm, und begreife in der Thal nicht das ״innigste Mitleid", welches man mit uuS in Wirklichfeit hegen kann. Ebenso wenig ist hier auch der eudliche Schluß faßbar: ״Cs war cm schwerer, vcrhüngnißvoller und für alle Theilc gleich verderblicher Jrrthnm der Folgezeit, cs zu v-crgeffeu, daß auch die bürgerliche Gemeinschaft und die Bottrr christüche Aufgaben zu erfüllen haben, so daß eben deshalb die Juden nicht in derselben Weise wie die Christen als Glieder den! bürgerlichen Gemeindewesen cingesügt werden können," der trotz dieses ״innigsten Mitleids" auf die Aushebung der Gleichstellung der Juden hinausgeht. Ich erbitte mir deshalb in bescheidener Weise allerernstlichst darüber Belehrung: in welchen Lehren ist das Judeuthum weniger sittlich als das Christenthum; was ist die christliche Aufgabe der Völker, bei deren Lösung die Juden in! Wege stehen; wie nennen sich die christlichen Prinzipien, ans welchen sich der Antisemitismus begründen laßt?? Ich nlöchtc aber nicht mit Phrasen abgejpeist werden, sondern wirkliche, thalsächliche, den! Chrisrcnthum entnommene Erklärungen haben, unter ausführlicher Darlegung derselben aus den Bekeuntnißschristeu des Christentums. — Das Christenthnm beruht in seinem wesentlichsten, die Moral beireffcnbm Thcite meines Erachtens auf den! Indenthume. Die spezifisch christliche Lehre hat meines Wissens mit der Sittlichkeit des Individuums nichts zn thun. Das wahrhaft Sittliche der christlichen Lehre ist eben jüdisch. — Ich erwarte Belehrung. 0. Berlin, 1. August. Den! bekannten antisemitischen Agitator in Berlin, Preutier-Lieutcnant der Landwehr-Infanterie, Lieber mann von Sonnenberg, ist, nach dem ,.Militär-Wochenblatte", der Abschied bewilligt worden. Man weist im Anschlüsse an diese Thatsache daraus hin, daß in! Jahre 881 ו der jetzt Verabschiedete von den Konservativen als Kandidat für den ersten Berliner Wahlkreis ausgestellt war. Die ״Weser-Zeitung" hält die Annahme nicht für ganz unbegründet, daß in den Berliner RegierungSkrelsen der antisemitischen Strömung gegenüber weniger wohlwollende Anschauungen platzgegriffen haben. Sie erwähnt dabei, daß dieser Tage ein königlicher Beamte vor dem Besuche der Versammlungen des Herrn Liebermann von Sonnenberg in Westfalen gewarnt hat. DaS Zusammentreffen dieser beiden Thatsachen: die in nachdrücklicher Form von amtlicher Seite an der Wirksamkeit des Herrn von Liebermann geübte Kritik und die Entlassung des Letzteren aus den׳. Armeeverbünde sott kein znfälliges sein. ף Aus Cbt‘1‘fd)(cfte11, 28. Juli. Unsere Zeit bringt Fragen auf die Tagesordnung, von welchen unsere Altvordern nichts gewußt. Wenn man ihnen gesagt Hütte, daß einst eine Aera Hereinbrechen werde, in welcher die Inden völlig emanzipirt und zu Ehren und Würden in Staat und Gemeinde gelangt sein würden, in welchen die jüdischen Gotteshäuser sich inmitten der Stadt prächtig erheben — aber zugleich Bestrebungen sich entfalten, um das Schächten zu verbieten, so würden sie sicherlich ungläubig das Haupt geschüttelt und erwidert haben: du redest thöricht, Freund;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.