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Jeschurun · 1884-08-07 · Heft 32 (7.8.1884) · p. 505

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 32 (7.8.1884)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1884-08-07
Page
505 (sequence 1)
Language
German
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M 32. Jeschuru«. Korrespoudcilzcn und Nachrichten. Deutschland. ^Hannover, 6.August. Verschiedene Zeitungen äußerten die Ansicht, als ob die antisemitische Bewcgung int Niedergange wäre. Wir thcilen diese Meinung nicht und befinden uns hier einmal in Ucbcreinstimmuug mit dem für große und angesehene Kreise maßgebenden und einflußreichen Organe der christlich-konservativen Partei, der ״Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung", welche in ihrer gestrigen Ausgabe folgendermaßen äußerst karaktcristisch schreibt: ״Bor einigen Tagen schon waren wir in der Lage, eine längere national-liberale Auslassung über die in unserer Partei hinter den Konlisscn angeblich herrschenden Zustände einfach in die Kategorie des üblichen Sommer-Unsinns zu verweisen, ein Unheil, dem in diesem Falle auch auf liberaler Seite Recht gegeben wurde. Die ״Magd. Ztg." hat sich dadurch aber nicht von der Aufnahme ähnlicher schlecht erfundener Mären abhalten lassen. Als ״Zeichen der Zeit" ist ihr die Berliner Neuigkeit willkomtnen, daß ״Hosprediger Stöcker schon seit geraumer Zeit keine antisemitischen Volksversammlungen mehr veranstaltet", woraus auf allgemeinen ״Rückgang des Antisemitismus" zu schließen sei u. s. w. Nicht immer ist es so leicht, die Haltlosigkeit ״hauptstädtischer" Nachrichten dieses Kalibers zu Jedermanns Einsicht klar zu legen. Hofprcdigcr Stöcker ,,veranstaltet keine Volksversammlungen", weil er nicht in Berlin ist. sondern seit Anfang Juli im bayerischen Gebirge weilt. Antisemitisch im engeren Sinne sind seine Versammlangen übrigens nie gewesen, d. h. sie haben sich nicht ausschließlich oder überwiegend mit der Indenfrage bcfaßt, wenn sic dieselbe gleich nicht vermeiden konnten, da die ganze soziale Frage im gewissen Sinne Indenfrage ist, indem der Einfluß des wesentlich vom semiti׳- scheu Geiste getragenen Manchesterthnms gebrochen werden muß. wenn wir zu besseren Zuständen gelangen sollen. Was es mit dem gewünschten und deshalb geglaubten ״Rückzüge des Antisemitismus" auf sich hat, dafür legen die äußerst zahlreich besuchten Versammlungen Zengniß ab, welche Herr Liebermann von Sonnenberg kürzlich in einer ganzen Reihe von westfälischen Städten gehalten hat. Hätten diese Versammlungen keinen Zulauf gehabt, so würde von den bekannten ״Notablen"-Erklärnngcn nichts zu hören gewesen sein, an denen sich sogar taktloser Weise ein Königl. Maschineninspektor bethciligt hat. Von einer besonderen ,,antisemitischen" Partei kann man übrigens gar nicht mehr reden. Wie schon früher betont worden ist, sind die Deutschen der Gegenwart in gewissem Sinne fast alle Antisemiten, wenn sie auch nicht sämmt- 505 lieh den ״Muth ihrer Meinung" besitzen. Die Juden wissen das sehr genau, und deshalb treten sie gegen die speziellen Träger des Gedankens so erbittert ans, die sic todrschwcigcn würden, wenn cS sich nur um eine kleine Minderheit handelte. Das ewige Todtsagcn ist nichts als ein Zeichen der Angst vor dem sehr Lebendigen. -a- Berlin, 3. August. Ihr dreht euch um die eigene Achse und wundert euch, daß ihr nicht vorwärts kommt, so dachte ich, als ich dieser Tage meine Lieblingslektüre, die ״Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung", gewissenhaft bis zum letzten Punkte durchstudirt hatte. Mein verehrter und bewährter Führer ans dem Pfade der Tagesereignisse und der die Gegenwart beherrschenden inneren Bewegungen hatte Veranlassung genommen, an die Anzeige eines kürzlich erschienenen Werks des dekannten ÄudcnmissionarS Licentiat F. I. A. de le Roi ״Die evangelische Ehristenheit und die Inden" sich in eine längere Betrachtung ״zur Iudenfrage" zu vertiefen. Ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit, dieses Werkes ersten Band, welchem zwei etwa gleich starke Bände folgen sollen, zu Gesichte zu bekommen; ich bin deshalb, wie für so vieles Andere, der Kreuzzcitung auch dafür dankbar, daß sie mir einen kleinen Einblick in dieses ihrer Meinung nach sehr bedeutende Buch gewährt hat. Nur schade, daß wir sortwährend lauter Axiome erhalten, zu welchen die näheren Erläuterungen und Begründungen fehlen. Ich beschäftige mich bereits seit geramner Zeit mit der Judenfrage, und wenn ich ein ehrliches Gcständniß ablcgcn will, muß ich bekennen, daß ich durch das viele Stndiren um nichts klüger geworden bin. Ich verstehe absolut die Sprache der geehrten philosophischen Antisemiten nicht, zu welchen ich die ״Krenzzeitung", Herrn de le Noi und viele andere bedeutende Größen zähle. Der russische und ungarische Antisemitismus, welcher sich in Plünderung und anderen freundlichen Aciißcrungen bcthätigt, ist mir verständlich. Die guten Leute wollen eben etwas ganz Greifbares, näntlich des Inden Hab und Gut. Ich muß mir aber sagen, daß cS ohne Zweifel höchst unrecht wäre, wenn ich bei den philosophischen Antisemitcn nicht eine sittliche Idee zum Ausgangspunkte ihrer mich allerdings schmerzenden Bestrebungen voraussetzen wollte. Ich glaube ihnen auch zn nahe zu treten, wenn ich die von ihnen ausgestellten Thesen nicht für wahrhaft ernst gemeinte Aussprüche halten würde. Ich bin freilich nur ein Jude, aber ich suche Belehrung, und die sollte mir doch werden. Da höre ich nun fortwährend und auch jetzt wiederum, daß der ״vulgäre, meist religionslose Antisemitismus" fälschlich die Judenfrage als eine soziale Frage behandelt. Die Judenfrage aber würde von dem höhern, feinen, philosophischeu, religiösen, christlichen Antisemitismus ganz anders > betrachtet. Die ״innerlichsten Difserenzen", die die

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