Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-08-07
- Page
- 504 (sequence 2)
- Language
- German
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504 läßt. Wenn eS im TamuS kalt ist. muß man im Tamus einen Winterrock anziehcn. Hi, hi, hi! Jst's nicht so?" .,Gau; meine Ansicht," sagte Rohrbach einstinimcnd. Unterdessen waren noch einige Gcincindemitglicder fröstelnd und zähneklappernd hcreingekonimen, mib Reb Mayer Xamunbaum, der sich, indem cr leise summend einige Melodien präludirte, als ״Baal Tesillah" kennzeichnete, meinte, man könne mit den Morgcngcbct deginnen, und da der Vorsteher mchtS dagegen hatte, so stellte cr sich vor das ״Amod" und begann. Neb Mayer Tannenbaum war also ein Universalgenie. Er war nicht nur, wie cr behauptete, ein vortrefflicher Humorist, dessen Witze ״einen Jeden vor den Tod behüten" — man sängt nämlich an zu lachen und kann nicht aushören bis zum jüngsten Tag und hat so keine Zeit und Gelegenheit zum sterben —, sondern cr ist auch — wir müssen uns hier wieder einmal auf seine eigene Behauptung berufen — ein großartiger Baal Tesilla, ein Länger, der mit seinen wundervollen Trillern ein jedes Ohr zur Entzückung Hinreißen und mit seinen wehmuthsvolleu geschmolzenen Tönen einem jeden Auge Thräncn entlocken kann. Neidische Spötter, die dem Genie gerne den wohlverdienten Lorbeer entreißen möchten — und wo gicbt es nicht solche maliziöse Geschöpfe? — behaupten wohl, daß die wundervollen Triller des Neb Mayer Tanuenbanm oft in ein plan-, ziel- und cndloses Geschnörkel auszuarrcn pflegen, dem er dann, wenn cs gar zu bunt in's Endlose übergehen will, plötzlich abschreckend ein Ende machen muß. n׳m in eine ganz srcmdc, neue Tonlage einznlcnken, was kein wenig ergötzliches Amüsement bieten soll, und daß die wehnmthsvoll geschmolzenen Töne, womit Neb Mayer Tanuenbanm die großartigsten Thränenefsekte zu erzielen vermeint, nichts anderes sind, als ein schtuchzenartigcs Gekrach; und Gcwinsel, doch die Spöttereien solcher Individuen können unmöglich ernst genommen werden, und das Genie setzt sich achsclznckend über dieselben hinweg. Red Mayer trillert also wacker daraus los, während sich -er Raum des beschränkten Tempels allmählich zu füllen begann. Doch was ist das? — Ncb Mayer wird aus ein auffälliges Geflüster und Gemurmel aufmerksam,!vclchcs hinter seinem Rücken entstanden ist. Mitten in einem Tone, von dem er sich eine wunderbar großartige Wirkung verspricht, kann cr's nicht über sich bringen, länger im Zweifel zu bleiben, er schweigt und dreht sich um. Da sicht er nun, wie Gedalja ׳Rosenthal, der zweite Wirth des Dorfes, der eben hcreingekommcn war, einem um ihn versammelten Kreis von beuten etwas erzählt, und wie diese seinen Worten mit dem Ausdrucke von Schrecken und Spanmmg auflauschen. Er und auch Nohrbach, der durch das Verstummen des Lorbeters ebenfalls aufmerksam wurde, eilen zum Erzählenden hin, und fragen, was es denn gebe. Gedalja Roseuthal beginnt noch einmal seine Erzählimg folgendermaßen: ״Als ich heute, vor kurzer Zeit, mich anschicktc, mein Hans zu verlassen, um hierher zu kommen, da bemerke ich, wie vor der Thüre meines Winhshauses ein Kreis Bauern steht, der Küster in ihrer Mitte, die etwas lebhaft unter einander besprachen. ,Was gicbt's, beute/ fragte ich sie, indem ich zu denselben hintrat, worauf mir Einer von ihnen zur Autwort gab, daß der Küster etwas erzähle, was, wenn cs sich bestätigen sollte, für die Juden sehr arg wäre. Ich werde noch neugieriger, als ich schon bin, und dringe in die Bauern so lange ein, bis sie mir gestehen, der Küster habe ihnen mitgetheilt, daß in der verflossenen stürmischen Nacht die Kirchthürcn aufgebrochen und alle wcrthvollen Geräthschaften ans derselben geraubt worden seien. Wie ich ans den Worten des Kirchendieners entnahm." so schloß Gedalja Rosenthal seinen hastig vorgebrachten Bericht, ״hat dieser verruchte Mensch zu den Bauern seinen Verdacht ausgesprachen, daß die Inden den Kirchenraub begangen hätten, und ich sage Euch, ״Rabojsai", wenn sich der Allmächtige nicht über uns erbarmen und die Wahrheit bald aufbcifcu wird, dann sieht cs mit uns nicht sehr gut aus!" In jener Zeit, wo es so leicht war, für jedes nur irgendwie das Gebiet der Religion berührende Verbrechen die Juden verantwortlich zu machen und den Verdacht der Thäterschast auf sie zu wälzen, war cs nicht schwer, die traurigen Folgen cinznsehen, die ein unaufgeklärter Kirchenraub für die Inden nach sich ziehen konnte: eine kopflose Bestürzung hatte sich daher bald aller im Tempel Anwesenden bemächtigt, die sie vollständig den unterbrochenen Gottesdienst vergessen machte. Nohrbach war der Erste, der sich daran erinncrte. ״Wohl soll sich Gott in seiner Gnade unser erbarmen," sagte cr, ״aber dürfen wir hoffen, daß cr es wirklich thun wird, wenn wir gleich beim kleinsten Anlasse uns in seinem Dienste unterbrechen? Ist das die Art. uns seiner Gnade wcrlh und wü'dig zu machen?" Ans diese Worte kehrten Alle wieder zu ihren Plätzen zurück, doch die gedrückte Stimmung wollte nimmer ans dem Tempel weichen. Rcb Mayer Tannenbanm trillerte acht und schmelzte nicht, er dachte nur daran, den Gottesdienst früher zu beenden, und damit handelte cr auch im Einvcrnehmen mit allen klebrigen, denn einen Jeden zog es aus dem Tempel hinaus zu seiner Familie, die cr gefährdet und bedroht wußte, und der ein Jeder durch seine Anwesenheit Schutz zu gewähren glaubte. (Fortsetzung folgt.)