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Jeschurun · 1884-07-31 · Heft 31 (31.7.1884) · p. 495

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 31 (31.7.1884)
Article
David Haller
Date
1884-07-31
Page
495 (sequence 2)
Language
German
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495 Erkenntniß bei* Heuchelei gelangt sind, welche sich unter der Maske der Frömmigkeit verbirgt, nachdem Sie die Scheinheiligkeit und innere Hohlheit bc£ Systems anfgebaft? Wahrlich, bas thut mir leid, sehr leid. Ich hatte in Ihnen einen geraden, festen Karakter zu sehen gewähnt, einen Mann, der unentwegt seiner lieberzeugung gemäß handelt, unbeirrt um äußere Vorthcile ober materielle Schädigung. Sie sind aber nicht besser als wir Alle. Um lumpige hunderttausend Gulden ist auch Ihnen Ihre Uebcrzengung feil. Das hätte ich nicht erwartet!" ״Ich verstehe Sie nicht," entgcgnete David im erregten Tone. ״Woher entnehmen Sie die Berechtigung zu solchen ehrenverlctzeuben Bemerkungen'?" ״Sie wollen mir doch nicht etwa den Glauben beibringen, daß Sie aus innerster Ucbcrzcugnng jetzt noch Rabbiner werden wollen?" rief Marlow. ״Welcher Richtung könnten Sie denn huldigen? Dem Schaukelsystem der Hochschule haben Sie feierlichst die Heeresfolge ausgekündigt; der äußersten Reform aber können Sie sich ebensowenig aus vollem Herzen anschließen, wie ein Berknnber des alten naiven Glaubens der stabilen Orthodoxen werden. Dem Einen widerstrebt doch Ihre Lebensanschanung und Gewohnheit, dem Andern Ihre Bildung und Wissenschaft. Das Testament meines Großvaters ist der Magnet, welcher Sie dem Nabbinerstande znführt; mögen Sie sich darüber nun klare Rechenschaft ablegen, oder mehr oder minder vielleicht unbewußt handeln! Ich sage Ihnen, was ich denke. Andere werden der gleichen Ansicht sein, aber cs nicht aussprechen. — Sie dürfen auch ganz beruhigt sein, man wird Sie nicht darob schelten, im Gegen- Lheik, man wird Sie für einen recht verständigen praktischen Mann halten." David war bleich geworden unter der Wucht dieser offenen Anklage. Er erhob sich von seinem Sitze und trat vor seinen Vetter hin. ״Solcher gemeiner Gesinnung wagen Sic mich zu zeihen? — Ich habe des Testamentes kaum jemals gedacht, geschweige denn in diesen Tagen. Es ist gut, daß Sie mich daran erinnern. Wer sich berufen fühlt, für das Heiligste zu wirken, soll auch deu Schein meiden; dessen Reinheit darf auch die Lästerzunge nicht antasten können. Es wird Ihnen noch heute mein förmlicher Verzicht auf jeden Anspruch ans diesem Testamente zngestellt werden." Ohne Gruß entferme er sich aus dem Zimmer. Marlow blickte ihm beschämt nach. ״Ein herrlicher Mensch, fürwahr; ein Mann, wie unter Tausenden nicht zu finden: Der alle Haller ist um einen solchen Sohn beneidensivcrth."- ״Gott segne Dich!" sprach der greise Rabbi Abraham Grodnauer, als David bei ihm cintrat. ״Du hast Großes gethan zur Ehre Gottes und seiner heiligen Lehren. Wunderbar hat Dich Gottes Wort geleitet. Du hast lange Jahre geweilt im Hause der Lüge und hast Dich ihren Netzen entzogen. Gottes Geist hat Dich erleuchtet und beschirmt und geschützt auf dem gesahrvollen Pfade, den Du gewandclst. Biele sind darauf gestrauchelt, Du aber bliebst aufrecht, und schrittest festen Fußes zum Lichte der Wahrheit. ׳Du wirst viel zu kämpfen haben. Man wird Dich anfciudcn und wider Dich streiten, aber Gott wird Dir den Sieg verleihen, weil Du in seinen Dienst Dich gestellt. — Du hast den Leuten ihre Schriften vor die Füße geworfen, weil sie eite! und nichtig sind, eitel ihr Lob, nichtig ihr Tadel. Mein Zengniß aber wirst Du nicht verachten, und nicht das Zeugnis; dessen, der größer ist als ich — Deines Lehrers, des weisen Rabbi Mordcchai Klein. Ich habe ihm Alles geschrieben, was sich hier begeben hat, und so sind wir denn übcreingekommen, in Gemeinsamkeit Zeugnis; abzulegen von Deinem Fleiße und Deinem Wissen, Deiner Tugend und Deiner Karaktersestigkeit. Wir haben solches in diesem Dokumente ausgedrückt und Dich für reis und würdig erklärt, als Lehrer und Führer den Gemeinden Israels voranzugehen und das Gesetz auznwenden auf die Erscheinungen des Lebens. Glücklich die Gemeinde, die Dich zu ihrem Rabbiner erwählt!" In tiefer Bewegung beugte sich David nieder, um bcS alten Mannes Hand an die Lippen zu führen. Dieser aber zog ihn an sein Herz und segnete ihn mit väterlicher Inbrunst. David war früher, als er beabsichtigte, heimgekehrt in'S Vaterhaus. Der ehrwürdige Rabbiner war zum ewigen Leben ' angegangen. Die Gemeinde halte gewünscht, daß außer Rabbi Mordche auch David an der Bahre sprechen möge. Wenige Wochen nach diesem Ereignisse trat die Gemeinde Hochfelsbnrg zur Wahl eines Rabbiners zusammen und ernannte einstimmig David zu ihrem obersten Lehrer und Führer. Nachdem er unter großer Feierlichkeit in sein Amt eingesührt worden war, sprach die Matter im überströmenden Seligkeilsgefühle: ״jetzt sterbe ich gern, da der sehnsüchtigste Wunsch meines Herzens erfüllt ist." Klein aber, der treue Freund des Hauses, sprach zu den glücklichen Eltern: ״wir haben unser Tagewerk vollendet auf Erden; mögen wir uns noch lange erfreuen am Anblicke seiner Früchte!" David Haller'S Wirken und Schaffen wird einst ein Anderer beschreiben. Ich habe mich darauf be-- schränkt, ein Bild seiner Lehrjahre zu entwerfen.

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