Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-07-31
- Page
- 488 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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488 sanft, dein Träumen lieblich sein! Schlaf ein, schlaf ein, und träume, daß du unter dem Trauhimmel deines Kindes stehst, daß du seine Hand in diejenige des Anserkorenen seines Herzens legst, daß du im 'Anblicke des Bundes deiner Kinder schwelgst und darüber deinen Barersegen sprichst. O möge ein mild Geschick dir diese Träume vor die Seele gaukeln, denn — draußen wcttcrt's fürchterlich und in Sturm und Nacht spinnt das Geschick seine dunklen Fäden! Eine schwere unhcilschwangerc Nacht! Die Sparren der Strohdächer ächzen laut und manches Bauernhaus verliert seine Bedachung. Durch die finstere sturmdnrchbranste Gasse von S—; wankt eine Fraucngestalt mit flatterndem Haar und Gewände. Wenn ihr ein Bauer begegnete, den die dringende Noth- Wendigkeit zwang, sich in den Sturin der Elemente hinauSzuwagcn, so wich er ihr scheu von Weitem aus, sich schleunig bekreuzigend. Ihre Brust kämpfte keuchend gegen die Macht des Windes und zeitweise muß sic sich den Regen ans dem Gesichte wischen, doch daS Alles hält sie nicht zurück, ohne anzuhaltcu tvankt sic bis zur Pfarrerswohuuug. Dort angelaugt ergreift sie mit krampfhafter Hast den neben der Pforte hängenden Klopfer und fuhrt damit drei wuchtige, den Sturm übertönendc Schläge aus. Das Fenster wird geöffnet und Hannah steckt, nach dem Begehr fragend, den Kopf hinaus. ״Das Tuch, ich bringe das Tuch!" ruft die Gestatt mit kreischender, vor Kälte und Aufregung zitternder Stimme, in welcher wir die der Mara erkennen, und nähert sich mit vorgestrccktcr Hand den: Fenster, in der sie einen weichen Gegenstand fest umklammert hält. Doch sobald Hannah das Weib mit den flatternden greisen Haaren erblickt, fährt sie mit einem entsetzten Aufschrei zurück und schlägt das Fenster zu. Mara pocht abermals und noch lärmender auf die Pforte. Das Fenster wird wieder geöffnet und jetzt steckt der Pfarrer den Kopf hinaus. ״Bist Du cs, Mara," fragt er, ״gieb her, wo ist das Tuch?" ״Hier, hier," rnst Mara zähneklappernd. ״Um Gottes Barmherzigkeit willen, nehmet schnell, denn cs brennt mich!" Der Pfarrer bricht in ein heiseres Lachen aus, nimmt das Tuch und schließt das Fenster wieder. Mara steht eine Weile still und athmet erleichtert auf. Jetzt erst wird sie gewahr, daß ihr der Sturm daS Tuch vom Kopfe gerissen hat und daß ihr Haar frei im Winde flattert. Mit einem tiefen Seufzer streicht sic sich das Haar von der Stirne zurück und entfernt sich. Etwa eine halbe Stunde nachher possircn zwei dunkle Gestalten die Pforte der Pfarrersivohnung und schleichen zu der in der Nähe befindlichen Kirche. Einer der Beiden schließt behutsam die knarrende Kirchcnthür ans und Beide verschwinden in derselben, um nach kurzer Zeit wieder zu erscheinen. Derjenige, der die Thüre aufgeschlossen hatte, hält jetzt ein schweres Bündel in der Hand. Die Kirchenthür wird wieder zugesperrt und die Gestalten verlieren sich bald in der Finslerniß, die Richtung zur Wiese verfolgend. Der auf den geschilderten Freitag folgende Sabbath versprach ein recht mürrischer, düsterer Tag zu werden. Die Nächte waren schon zu lang, als daß der an's späte Sichniedcrlcgen und frühe Aufstehcn gewohnte Rohrbach sie hätte durchschlasen können. Er stand daher ans, noch che es Tag geworden war, nahm die Psalmen her und dnrchlas den für den Sabbath bestimmten Abschnitt beim trüben Scheine des noch immer brennenden siebten Lampcnarnies. Er lugte einige Male zum Fenster hinaus, doch cs wollte heute gar nicht hell werden. Der Regen hatte wohl ansgchört, aber der Wind wehte noch, obwohl schwächer, über die feuchte Erde und der Himmel war von einer grauen Wolken hülle bedeckt. Endlich wurde ein dämmerndes Zwielicht Herr über die dichte Finstcruiß, woraus sich bald ein trüber, naßkalter Morgen entwickelte. ״Hm," murmelte Nohrbach, indem er zum Fenster hinausblickte und sich die Hände rieb, ״das sieht schon ganz dem Winter ähnlich. Ein wenig zu früh hat er sich dies Jahr eingestellt. Ich will mich aber wenig um den Kalender kümmern und werde den Winterrock hervornehmeu, trotzdem wir erst Eheschwon haben." Damit schloß er den Kasten ans, entnahm demselben einen warmen, wohlgcsütterten Winterrock und legte denselben an. Dann weckte er die Gattin und entfernte sich in den Tempel. Eben hatte der Tempeldicncr die ״Schul" aufgesperrt gehabt, als Rohrbach dort anlaugte, und außer dem alten Ncb Chajim — so nannte mau allgemein den uralten Mann, der, weil er nicht schlafen konnte, immer noch vor Ausschließung des Tempels an dessen Thüre harrte und so immer der Erste war — befand sich noch Niemand im Tempel. Der Greis saß vor seinem ״Ständer" und mußte daS ״Thillim". in welchen: er eifrig las, der im Tempel noch hcrrschcudeu Dunkelheit halber zur umnittelbaren Nähe der Augen cmporhcbcn. Als der Vorsteher an ihm vorbei seinem Sitze zuschritt, erhob sich der alte Ehajim ehrfurchtsvoll und bot ihm eine Prise Taback an. Nohrbach nahm die Prise und.bemerkte lächelnd: ״Heute habe ich wirklich gemeint, Neb Ehajim, daß ich Euch zuvorkommcu werde. Ich habe geglaubt, daß Ihr Euch nach der schrecklichen Nacht gar nicht getrauen werdet, unter der Bettdecke hcrvorzukricchen. Aber ich sehe schon, mit Euch ist nicht zu wetteifern. (Fortsetzung folgt.)