Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1884-07-24
- Page
- 473 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933079--16213-2957939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MS 0. Jeschnrim. 473 Korrespondcnzcik anb Nachrichtcn. Deutschland. C. Verkitt, 18. Juli. Ich Ijabc in meinem jüngsten Berichte der uugliicflidjeu rumänischen Inden gedacht, von welchen zweihundert hier -nrchgereisl sind, um sich eine neue Hcimath zu suchen. Ich habe auf das Elend und den Jammer hiugewieseu, welches׳ and dem Anblick dieser ltuglückticheu sprach. Es hätte einen Barbaren zum Mitgefühl angeregt. Die ״R. Pr. Ztg." findet die bencidenSwerthe Gernüthsruhe, an diese L<u> jüdische Auswanderer anzuknüpfcn und kaltblütig auscinanderznsctzen, daß denselben nicht ihre Konfession, sondern ihrer Profession den Wanderstab in die Hau d gedrückt habe. An der den Juden Rumäniens vertragsmäßig gesicherten Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern sei nicht gerüttelt worden. Sie wirft sich;um Anwalt einer Maßregel auf, welche zugestandenermaßen auch von ihr nicht bezweifelt eine große Anzahl von friedlichen Staatsbürgern brotlos macht, das heißt, dem Hungertodc preiSgiebt, und sie schreibt wörtlich: ״Die Klagen darüber, daß die unaufhaltsam zunehmende Ausbreitung deS Hansirhandcls für die auf einer niedrigen Stufe menschlicher und wirthschaftlicher Kultur stehende ntvldanwalachische Landbevölkerung eine wahre Geißel bilde, stammen weder von heute noch von gestern. Wer von der Geschichte dieses Landes überhaupt etwas weiß, weiß zugleich, daß die blutigen Judenverfolgungen vom Juli kö<17 lind Oktober 18(18 mit der Zunahme der Zahl und des Einflusses der jüdischen Geschäftsleute Rumäniens in engem Zusammenhänge gestanden haben. Die Negierung dieses Landes thnt nur ihre Pflicht, wenn sie der Ausbeutung eines Theiles ihrer Unterthancn durch den anderen nach Kräften zu steuern sucht und wenn sic in dieser Rücksicht keine Unterschiede der Konfession gelten läßt. — Danach erscheinen die wider das Bukarester Gouvernement erhobenen Beschuldigungen durchaus unbegründet. Mit demselben Rechte, wie gegen Rumänien, könnte gegen alle diejenigen Staaten, die den (bekanntlich nicht überall von der ״Blüthe der Nation" getriebenen) ״Gewerbe-Betrieb im Umherziehen" innerhalb gewisser Schranken gehalten wissen wollen, die Anklage aus Iuden-Bceinträchtigung erhoben werden, denn allenthalben, wo es Juden gicbt, haben diese den Hanptthcil deS Hansirhandcls in Händen. Mit der Forderung, daß die Welt nach den Bcdürfnissen und Liebhabereien dieser Leute eingerichtet werde, dürfte im letzten Bicrtheil des tb. Jahrhunderts indessen kein Glück mehr gemacht werden können, — mindcstens da nicht, wo man während der vorangegangencn Jahrzehnte die praktischen Konsequenzen der Frcigcbung des jüdischen Hausirhandels so gründlich kennen gelernt hat, wie an der unteren Donau. Die ominöse Bedentung dieses GewerbszwcigeS für ״halb entwickelte Bolkswirthschasten" gehört zu den Dingen, über welche nicht mehr gestritten werden kann und eigentlich nur noch da gestritten wird, wo die Vertretung von Sonderintcresscn einer bestimmten Gattung gewerbsmäßig betrieben wird. Die im vorigen Jahre glücklich durchgesetzte Beschränkung des ״Gewerbebetriebes im Umherziehen" für Deutschland haben die heutigen Ankläger der Bukarester Regierung nicht zu verhindern vermocht: in Rumänien, wo cS sich um zehnfach größere und gröbere Ucbclstäude handelt, wird ihnen das noch weniger gelingen." — ES will mir scheinen, als ob das edle Prcßgcwcrbc auch nicht überall von der ״Blüthe der Ration" betrieben wird. Ich, meines OrtS, bekenne meine Unfähigkeit, im Anblicke hungernder Familien, die arm und fast gänzlich entblößt durch eine Maßrege! ans dem Baterlande getrieben worben sind, den Ausführungen des Advokaten einer solchen Maßregel in voller Gemüthsruhe zu folgen. % Bochum, 1 7. Juli. Ich sende Ihnen hiermit eine von cinundscchszig hiesigen Bürgern erlassene Erklärung in Sachen ״Humanität und Bildung contra Indcnhetze", welche als ein bedeutsames Zeichen, daß die Verrohung und Umnachtung der Gemüther trotzdem und alledem, trotz. Stöcker unb Henrich Liebermann von Sonncnbcrg und Wagner, Gottlob keine allgemeine ist in deutschen Landen, der speziellen jüdischeu Tagesgeschichte einverleibt zu werden verdient. Ich freue mich hinznfügen zu können, daß diese Kundgebnng den angesehensten Ramm unserer Stadt, des Geheimen KommerzieurathS 11nb Mitglied des Staatsrat Hs Baare, au der Spitze trägt und ihm die hochachtbarsten Bürger sich anschließcn. Ich habe ferner zu konstatiren, das; diese Erklärung altjeitigste Zustiminuug fand, die (keineswegs fortschrittliche) ״Rheinisch- Westfälische Zeitung" bezeichnet sie als eine ״beherzigcnSwcnhe Bekanntmachung". UcbrigenS hatte Herr .Max Licbermann von Sonncnbcrg einiges Malheur. Nachdem er sein bekanntes Sprüchlein im Schützcnhof über die ״Jndenfrage" am t<>. Juli hier hcrgesagt hatte, erhob sich der anwesende Jusrizrath D u e s b e r g und meinte, daß der Getdtenfct auch Ehristeu ergriffen Hab.׳,!!!!■> der übermächtige Einfluß deS Kapitals zur Zerrüttung unserer sozialen Zustände vieles bcigetragen habe. Herr von Sonnenberg glaubte aus diesen Acnßernngcn deS Herrn IustizrathS schließen zu dürfen,-daß derselbe zu seinen und des heiligen Antisemitismus Verehrern gehöre, und gab dieser Meinung freudigen Ansdruck. Er hatte sich aber ganz gewaltig geirrt, denn unter den Unterzeichnern jener Erklärung befindet sich auch Herr Iustizrath DueSbcrg. Dieselbe lautet folgenderntaßen: ״Gegenüber den unter dem anonymen Schilde des