Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 13. Juli [Nachricht]
- Date
- 1884-07-17
- Page
- 457 (sequence 1)
- Language
- German
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M 29. Jeschnrmr. 457 Korrchoildciizcil iitib Nachrichten. DeuLschla u d. -a- Berlin, 13. Juli. Ein neuer Stern ist ausgcgangen, ein neuer Kämpe erstanden, ein neues Kriegogeschrci erfunden: Jubel herrscht in dem Kreise der Edlen an der Taselrunde der Victoria-Brauerei. Der Feind wird jetzt endlich unterließen, um nimmer wieder sich zu erheben, die Welt wird nicht fürderhin mehr non Juden und Judcuthum etwas sehen oder hören, ansgclöschl wird deren Gedächtnis; auf ewig! — Am 27. SuntuS war cs, da solches sich ereignete zum Heile des deutschen Reichs und des Wohles der Menschheit, und darum wird fortan mit diesem Tage eine neue Aera gezählt werden, und Berlin wird das Mekka der glücklichen Jndeulosen werden und das Buffet der Bietoria-Braucrei die Kaaba. Es war nämlich au diesem genannten ewig denkwürdigen Tage, dem sechsten der Woche, in der Dämmerungsstunde. Da versammelten sich in dem heiligen Tempel an der Lützowstraße, Bietoria-Brauerci benamset, die Frommen und Heiligen. Und der ehrwürdige Pater der Gcmeinde, Pickenbach geheißen, bestieg die Kanzel und redete, wie solches schon lange die fromme Gepflogenheit dieses weisen Mannes und Oberhaupts ist, zu der frommen Bruderschaft. ״Deutscher Antijemiten-Bnnd" mit Namen, von den furchtbaren Zeichen, die da sich mehren und als da sind: die Ucberhandnahmc der Macht des Jndenlhnms, das in Judcuhänden befindlichc viele Geld u. dergl. m. so zum Schaden DeutschlandS und des gesammten Ehristenthnms gereichen. Und da thcilte sich die fromme Begeisterung allen Brüdern mit, und sic alle von dem heiligen Bunde der deutschen Antisemiten erhoben ihre Stimmen und riefen cinmüthiglich aus weit über tausend Kehlen: unser Bater Pickenbach hat die, Wahrheit geredet, wir wollen seinen Worten folgen und mit allen Kräften gegen das Judenthnm Vorgehen und tapfer streiten, denn der deutsche Antiscmitcn-Bund ist das sürtrcfslichstc Mittel, alle Gegner des Judcnthnms zu sammeln. ־־ Ein Wolf war aber in diese sanfte, unschuldige Lammeshcerde gcrathen, man. nannte ihn K icho w, und er war ein Arbeitsmaun, der wagte cs, feine Stimme dagegen zu erheben und unter Hinweisung ans das Bibelwort zum Fricden und zur Eintracht zu mahnen. Der gedachte freventlich damit vom heiligen Streite abznrathcn. Er ward aber non dem ehrenhaften Korbmachcrmcistcr Tcttweiler, einem wackern Bürger, zur Ruhe verwiesen, denn das Volk der Deutscheu sei doch nicht dazu da, sich von den Inden das Fell über die Ohren ziehen zu lassen. Also redete dieser gute Bürgersmann mit diesen selbigen Worten. Und nach ihm kam ein anderer gar snrtresjlichcr Mann, er nannte sich Mache dieser Gute, der redete auch gar kräftiglich und verständig gegen den bösen Kiehow. Und weil dieser von der Bibel gesprochen hatte, so verwies er ihn auch auf ein Bibelwort, nämlich das des egypilschen Königs Pharao: ״so sich Krieg erhebt, werden sie sich, nämlich die Juden, zn unseren Feinden schlagen." Das war so weise von diesem tapfern Mache, daß die fromme Versammlung ihm reichliches Lob spendete und ihn hoch pries; Kiehow aber wußte nichts mehr zu sagen, denn er war beschämt worden. Die Reden Tettweilcrs und Machcs aber entzündeten den Geist des ehrwürdigen Gymnasial ׳Direktor und Superintendenten Krüger, und dieser große und überaus weise Mann trat ans und sprach die großen, frommen und weisen Worte: Der Kampf gegen das Indenthnm könne wirksam nur auf Grund des Wortes Gottes geführt werden. Darob ergriff eine unbeschreibliche Freude und Seligkeit alle Frommen, und sic jubelten laut: so ist cs, so ist es! — Kiehow aber verhüllte sein Haupt und stahl sich hinweg aus dem Kreise der Guten, denn er war gar sehr beschämt, aber noch immer sehr verstockt. Und er sprach zn einem Kumpanen, der auch so verstockt ist gleich ihm: das Wort Gottes ist doch im Indcnthnmc, wie kann man da gegen dieses mit jenem kämpfen; das ist doch nicht anders, als wollte man sagen, Krüger kann mir durch Krüger zu Boden geschlagen werden. — Das kam aber davon, daß er so verstockt und verblendet war. — Fortan aber wird der Superintendent Krüger mit dem snrtresslichen und tapfern Herrn Hofpredigcr Stöcker schon dem Jndenthum den Garaus machen. Darob ist aber gar gewaltige Freude im Lager der frommen Schaar. 0. Berlin, 10. Juli. Am heutigen Trauer- und Fasttage berichte ich Ihnen von dem schrecklichen Geschicke, das unsere Brüder in Rumänien wiederum hcimgesucht stak. Wir haben cs hier geschaut in seiner traurigsten (Gestalt. Ende vergangener Woche trafen hier zweihundert Arme, Elende, Heimathlose ein, um jenseits des Ozeans in der neuen Well eine Ruhestätte zu suchen, die ihnen die Heimath versagt, - die ihnen die alte Welt nicht gewähren würde. Werde»! sic finden, was sie suchen? Werden sic nicht elend nntergchen in dem Gcwühle des amerikanischen Lebens, wie sie elend den freien amerikanischen Boden betreten?? Was haben diese Unglücklichen verbrochen, daß sie mit Weib und Kind hinausirren in die Fremde, in ein Land, dessen Titten sie nicht keimen, dessen Sprache sic nicht vcr׳ stehen? Sind es Räuber, Mörder, Landesverräthcr, daß man sie ächtete? Ach nein, cs sind harmlose Menschen, redliche, fleißige, genügsame Personen, die Niemanden ein Leid gethan, ׳Niemanden beleidigt Nie-