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Jeschurun · 1884-07-17 · Heft 29 (17.7.1884) · p. 456

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 29 (17.7.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-07-17
Page
456 (sequence 2)
Language
German
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45 aber es dürfte kein einziger Bauer im ganzen Dorfe! exislircn, dem sie je etwas zu leide gethan hätte. In j der Kirche angclangt, nehmen die Betenden ihre Plätze ein, und nachdem die Messe beendet worden ist, leert sich die Kirche allmählich wieder, während der Pfarrer im Beichtstühle sitzt, um den gewöhnlich zahlreich erscheinenden Ländern Ablaß zn erlheilen. Sonderbar, das; sich heute Niemand dem Beichtstühle nähern will. (5s sind nur noch wenige Andächtige in der Kirche, die sich aber auch schon zum Weggehen anschicken. Der Pfarrer murmelt etwas in erregtem Tone, was durchans nicht zur geweihten Heiligkeit des Ortes paßt, und ein heftiger llntnutl) prägt sich in seinem Gesichte aus. Erstens hat er heute, da er vor der Blesse nicht so eigentlich trinken darf, nur eilten sehr ftctncn Schluck gethan, zweitens aber kontmt die Mara!licht zur Beichte, auf die er heute gerechnet, dciln er hätte sie nothweudig brauchen können. Schon ist er im Begriffe, sich der Meßgewänder zu entledigen, da kommt die Erwartete langsaitten Schrittes, mit zu Boden geschlagenen Augen und kniet vor dem Geistlichen nieder. Treuherzig wiederholt sic ihre schon oft gestandenen Sünden, und da ihr endlich nichts mehr entfallen will, hält sie inne, ttm den absolut arischen Segelt über sich sprechen zu lassen. Da zieht der Pfarrer seine Stirn in gar eritste Fältelt und ein jedes Wort scharf betonend fragt er: ״Hast Du wirklich alles schon eingcstanden, meine Tochter? — Weißt Du Dich wirklich feiner Sünde mehr zu erinnern? — Strenge Dein Gedächtnis; wohl an, denn die . Sünde, so Du vor mir verschweigst, wird schwer al!f Deiner Seele lasten und die wird Dir einst vom hiltimlischc!: Vater nicht verziehen lmd vergeben werden." Unwillkürlich durchfuhr bei diesen Wolken des Pfarrcs die alte Frau ein leiser Schauer, sie seukte den Kopf ein wenig tiefer herab, um besser in die Geschehnisse der letzten Tage eindringcn zu können. Nach einer kurzen Panse erhob sie den Kopf wieder. ״Nun?" frug der Pfarrer gespannt. ״Ich Hab' etwas geflinden, mein Vater," begann Mara nlit unterdrückter Stimme, ״ich weiß aber nicht, ob das eigentlich eine Sünde ist. Du hast mir gesagt, mein Vater, daß ein guter Christ nicht dabei sein darf, wenn ein Ilidc seine Andacht verrichtet. Da bin ich vorige Woche zum Inden Rohrbach hereiiigckommen, und ich habe gesehen, wie er einen schwarzen Ledcrstrcifcn un! den Kops sich gewickelt hat, und daran war wieder etwas Schwarzes befestigt. Ich habe aber gleich nicht darauf geachtet, und nur später ist es mir' wieder in den Sinn gekommen. Hab' ich damit eine Sünde begangen, mein Nater, hat der Jude damals seine Andacht verrichtet?" Der Pfarrer trat sichtlich erschrocken einen Schritt 6 zurück und machte erst über sich das Zeichen des Kreuzes, dann über die Beichtende. ,. Schwer hast Du gesündigt, meine Tochter, und wohl Dir, daß Du es gleich reumüthig eingestanden hast. Doch die Sünde ist so groß, daß ich Dich von ihr nicht eher absolvircn kann, bevor Du etwas zur Sühne derselben wirst gethan haben. Warte hier geduldig eine Weile, indessen will ich mich;um Hochaltäre begeben, damit mir Erleuchtung werde, welche Sühne Dir die Pforte der Sceligkeit wieder erschließen kann." Zerkl!irscht verharrte das alte Weib in ihrer tniccndcn Stellung, der Pfarrer aber schritt zum Beichtstühle hinaus. In der Kirche war es mittlerweile unheimlich stille geworden, man Hütte eine Nadel fallcit hören können. Auch der Küster hatte sich, nachdem der letzte Ton der Glocken verklungen war, schlürfenden Schrittes als der letzte aus der .Kirche entfernt. Der Pfarrer trat ans dem Beichtstühle in den Kirchenraum hinaus, doch anstatt zum Hochaltäre zn gehen, musterte er mit durchdringenden Blicken alle Räume der Kirche, denn der Zweck seines -Herauskommens war nicht, sich erleuchten zu lassen, als vielmehr, um nach- Zusehen, ob nicht etwa ein zurückgebliebener Bauer anwesend sei, der in dieser Grabesstille leicht das Hütte belauschen können, was er nun der Mara zu sagen gedachte. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Kirche vollkommen leer war, kehrte er nach den Beichtstuhl zurück. In betünnncrter Erwartung richteten sich die Blicke der Bauernfrau ans das Angesicht des Pfarrers, der in salbungsvollem Tone also begann: ״Merke wohl ans meine Worte, meine Tochter, denn von ihnen ist Dein zeitliches und ewiges -Heil abhängig Durch das, wodurch gesündigt worden ist, muß auch die Sühne bewerkstelligt werden! Du hast Dich an dem ketzerischen Gottesdienst des Inden Nohrbach versündigt, und an demselben Inden mußt Du Dich von der Sünde wieder rein waschen. — Also, merke auf und gicb wohl acht! — Die Juden pflegen zu ihrem Sabbath zwei frische Brodc zu backen und diese Brodc bedecken sie dann mit einem gestickten Tuche. -Hast Du ein solches Tuch auch schon bei Rohrbach wahrgenommen?" ״Ja wohl, ehrwürdiger Vater, die Frau des Juden hat mir einmal an einem Freitag Abend ein solches Tuch gezeigt und hat mir gesagt, daß die schöne rothe Stickerei ihre Tochter augefertigt habe. Auch der Name des Rohrbach soll mit jüdischer Schrift auf dem Tuche ausgestickt sein." - (Fortsetzung folgt.)

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