Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-07-10
- Page
- 447 (sequence 2)
- Language
- German
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447 dem Tische znwcudetc »nd die Lampe anzündete. Jetzt erst ward er eines Keinen Packet? ansichtig, welche? in seiner Abtvesenheit mit der Post angelangt ,rar. Ec trag die Schristzüge Rabbi Mordehe's ans der Adresse. ES ׳.rar stet? ein außerordentliches Eccigniß,!nenn der greise Gelehrte feinem vielgeliebten Schüler schrieb. David war deshalb um so angenehmer überrascht. Das Packet enthielt zwei lteiue Bücher und einen Brief, welcher folgendermaßen lautete: ״Geliebter Sohn! Ais Dt! jünger warst, nannte ich Dich Sohn, weil Du ans meinem iÖhiuk Belchrnng empfingst, weil ich Deine -Vaud ergriffen, um Dich zn führen in die Wege der Lehre, mit der Liebe eines BaterS und dem treuen Ernst eines alteren Freundes. — Ich habe es aber längst empfunden, dag ich nicht das zn gewähren vermochte, waS Dir frommt, was sage ich Dir? waS Angesichts der Strömung der Zeit, der veränderten Stellung unseres Bockes und der veränderten Anschauung der Menschen erforderlich wäre für den Kampf nach Außen und Innen und den leicht erwachenden Zweifel int eigenen Busen. Ich habe eS wohl erkannt, daß der Mangel, welcher Deiner durch tnich geleiteten Erkenntnis der Lehre anhaftet, die übelsten Folgen gehabt hat. Weil der Boden nicht gehörig bearbeitet gewesen, darum konnten wilde Schößlinge darin Wurzel schlagen und Früchte zeitigen, bitterer als Werntuth. Ich habe wohl geschaut, waS Dich b» trübt, was Dich quält, waS Dich unglücklich macht — und ich habe mit Dir getrauert und Deine Schmerzen gcthcilt, aber geschwiegen, weil ich keine Heilung wußte, geschwiegen die ganze Reihe von Jahren, da Du die dortige Hochschule besuchst. Deshalb durste ich nicht ferner Dich Sohn nennen, denn ich bin Dir nicht ein Pater gewesen, der sein Kind gekräftigt hat gegen die Unbillen der Natur und gestählt hat gegen die Kämpfe des Lebens; ich bin Dir ein ungeschickter, nnwciser Lehrer gewesen. —- Doch heute nenne ich Dich Sohn, weil ich glaube, Dir cnbliri) den Weg zeigen zn können, auf welchem das Heil zu finden, wenigstens Dir den Meister nennen kann, der, größer als wir Alte, durch Gottes Gnade unserer Zeit erstanden ist, ein Führer der Irrenden, ein Lehrer der wahrhaftigen Gotteslehre zn sein, dessen hoher Geist cingedrnngcn ist in die innersten heiligen Gemächer des Tempels, und lvaS er dort in der Lade des GotteSzengnisses geschaut, in Reinheit und Klarheit feinem Bocke knndgiebt. Wohl wird es noch einer langen Zeit bedürfet!, bis sein Geist alle Kreise unseres Boks durchdringcn wird. Denn das arme Herz Israels ist krank geworden und blöde sind seine Augen und schwach ist sein Geist. ES vermag die Worte des großen ManneS nicht zn verstehen und seinen starken Geist nicht in sich aufzunehmen. Aber cs gilt auch von ihm: das Wort der Wahrheit und der Erkenntniß wird nicht umsonst gesprochen in km Kreise der Menschen. Es hören einige Wenige, die eS begreifen und diese tragen es weiter und verbreiten eS im Lager der Gottesgemeine, und so wird der Wahrheit eine Stätte bereitet, zn welcher immer inehr die Menschen hinwallen, und so hat Gott inmitten des WüthenS der Krankheit die Heilung angcbahut.- Oer Name GotteS sei gepriesen, das; er mir noch vor meinem Hinschciden diesen Trost gezeigt hat, daß Er meine blöden Angen geöffnet, ans daß ich das Licht schaue, welches schon seit längeren Jahren in unserer Mitte leuchtet, von Wenigen vielleicht erkannt, aber dennoch leuchtet und dereinst, vielleicht erst wenn wir Alle und auch der herrliche Mann, der eS entzündet, heimgegangcn sein wird, in ganz Israel Helle verbreiten wird.-Das Buch eines Deiner Lehrer hatte ich gelesen ttnd tiejes. Leid erfaßte mein Herz. Es war mir offenbar, daß aus Eurer Hochschule die Lehre der Lüge hercingetragcu wird in die Gemeinden, der verdeckten Lüge, die gefährlicher ist als die offene Leugnung des Gottesworts, wie ja das schleichend wirkende Gift gefährlicher ist, als der Stahl des Dolches und Speers. Die Schüler dieses Mannes und seiner Genossen werden sich der Rabbinatssitze bemächtigen, und die armen bethörtcn Gemeinden werden sich blenden lassen von dem äußern Schein der Fröntnligkeit und Gesetzcsknnde, die sic ans den Lippen tragen, aber im Herzen verleugnen. Man wird sagen, seht, at!S dieser Schule kommen doch nicht Männer des Unglaubens und des Trcnbrnchs, sondern gottcSfnrchtige Lehrer. Und wenn inan dann gewahr wird, daß sie im Leben manches Unrecht thnn, so wird man sprechen, das ist gewiß nichts Unrechtes, wir und unsere Väter haben solches nur anS Irthnm für Unrecht gehalten, aber eS war ein Jrrthum, denn diese so fromm- und gelehrtsprcchenden Lehrer würden solches nicht thnn, wenn eS wirklich unrecht wäre. In den Schulen aber wird zugleich die wahre Lehre gar nicht gelehrt werden. Die Jugend wird daS Wesen unseres HeiligthnmS gar nicht erfahren und wird in dem eigentlichen Gesetze nur Menscheuwerk erkennen, das durch Ntt'njchen'.nacht wieder zerstört werden kann, wird in den! Worte der Propheten nur den menschlichen Geist, der dem Jrrthum überworfen ist, erblicken und nicht hören ans deren Mahnung und Verheißung, bie. sie lediglich im Namen GotteS gesprochen. Und so wird der Abfall und der Trenbrnch und die Verwirrung inlmcr größer werden in Israel, jemehr Schüler ihrer Anstalt zu Amt und Würde gelangen. — So trauerte meine Seele und ich seufzte über meine Unfähigkeit, ausznstehen und die Lenden;u gürten, um für Gott unb Seine 'Wahrheit zu streiten. — Da drang zu : meiner Kunde, daß der Herr Sein Bock nicht ver-