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Jeschurun · 1884-07-10 · Heft 28 (10.7.1884) · p. 445

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 28 (10.7.1884)
Article
Rußland : Aus Westrußland [Nachricht]
Date
1884-07-10
Page
445 (sequence 2)
Language
German
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445 sie zu Exzessen und Rohheiten verlockt. Möge das (Gesetz, so oder so, die '?agc■ der 3ubc11 bei uns präzisiren — aber durchaus unzulässig ist es, daß Tnmultantenhansen aus thicrische Weise mit russischen Unterthancn, russischen Staatsbürgern, wer sie auch seien, und wofür es auch sei, nach eigenem Gutdünken verfahren. Selbst wenn auch irgend welche ernstliche Anlässe zu Bornrtheilen und Feindseligleiten gegen die Inden für die lokale Bevölkerung vorhanden sein sollten — eine derartige Lynchjustiz darf nie geduldet werden. Es ist konstatirt worden, daß selbst in unserem Westgcbicte, wo die jüdische Bevölkerung eine so ungeheuer dichte und wo sie zu einem Proletariat geworden ist und zu einer Masse kleiner Krämer, die ans Kosten der christlichen Bevölkerung und sogar der eigenen Glaubensgenossen leben — daß sogar dort die Leidenschaften entfacht wurden immer nur von außen her, und daß auch dort nicht sowohl die ständige seßhafte Bcvölkernng, sondern eine Wanderbevölkernng die jüdischen Behausungen übersiel. Und sind diese Hetzen überhaupt doch erst in den letzten Jahren in Ausnahme gckommen, wie auf ein gegebenes Signal hin! Auch in Süd-Nußland trug die antisemitische Bewegung offenkundige Spuren irgend einer Agitation .... Ist denn in Nishni-Nowgorod eine solche Erbitterung gegen die Inden anders denkbar, wenn sie nicht das Resultat irgend einer verbrecherischen Agitation ist, die den Umstand benutzt, daß der Iitde bei uns gewissermaßen ״außerhalb des Gesetzes" steht? Türkei. א Kon stau tu! Opel, im Sinaan. Es ist den sammtlichen Generalgonverncurs von der hohen Pforte eröffnet worden, daß den türkischen Inden die Ansiedelnng in Palästina nicht zu lvchrcn sei. Dagegen sollen aber russische und rumänische Israeliten abgcwiescn werden. Algerien. * Heber die Indenexzesse in Algier liegen solgcnde Berichte vor: Letzten Sonnabend fanden, wie bereits telegraphisch gemeldet worden ist, Unruhen in Algier statt, die dadurch hcrvorgernfen wurden, daß einige der jungen Rekruten, die sich aus der Marine versailnnclt hatten, um einen Ball zu organisircn, die Ausschließung der Inden verlangten. Die Anwesenden gericthen in einen so heftigen Streit, daß die Bersammlnng aufgehoben werden mußte. Auf der Straße begann der Tumult auf's Neue, der ohne das euergische Eingreifen der Truppen schlimme Proportionen angenommen haben würde. Verschiedene Verhaftungen wurden vorgenommen. Der gestrige Tag verlief ruhig. Bis auf Weiteres sind alle öffentlichen Konzerte untersagt. Die Place tut Gouvernement, die beiden Enden der Nnc de la Lyre und der Ntte Randon sind militärisch besetzt worden. Patrouillen durchstreiften die Stadt und bewachen hauptsächlich das Jndcnvicrtel. Die Stadtvertrctnng hat einen Aufruf auschlagcn lassen, in welchem sie die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt. Trotz der getroffenen Vorkehrungen war der gestrige Abend wieder tnmnltuös. Mehrere Gruppen, welche Drohrufe ausslicßen, bildeten sich nach und nach an verschiedenen Punkten der Stadt, hauptsächlich an der Place Vresson und an der Place du Gouvernement, wo die Truppen das Publikum llicht passiren ließen. Die Erregung war zicinlich groß und hielt bis gegen! I Uhr an. Die Truppen hatten in jenem Augenblick Befehl erhalten, die oklnpirten Punkte zu räumen; nur die Patrouillen fuhren fort, die Straßen zu durchstreifen. Die Ruhe trat wieder ein, doch bildeten sich noch fortwährend kleinere Gruppen von Zeit zu Zeit an der Place du Gouvernement. Um Mitternacht kam ein letzter Hausen auf die Terrasse des East; du Bordeaux, wo sich der Maire von Algier mit mehreren Gemeinderäthcn befand. -Herr Guillcmcnt versprach auf die Aufforderung der Gruppe hin die sofortige Freilassung aller wegen Theilnahme an der Mauiscstation vcrhajtoten Individuen. Um 1 Uhr Morgens war die Ruhe wieder vollkommen hcrgcstellt. — Die Kundgebungen gegen die Juden in Algier dauern fort. In der Nacht vorn 29. auf den 30. Juni verhinderte die Entfaltung einer gewaltigen Truppenmacht allein, daß eS zu sehr blutigen Auftritten kam. Gestern erneuerten sich die Unordnungen. Ein algerischer Jude und ein Franzose wurden schwer verwundet und einige jüdische Buden wurden geplündert. Der Bürgermeister forderte in einer Bekanntmachung die Bevölkerttug znr Ruhe auf. Am 30. war noch die ganze Garnison auf den Beinen; Patrouillen dttrchstrcifcn ohne Aufhören die Straßen, und alle jüdischen Läden waren geschlossen. Der Kampf sand bis jetzt nur zwischen algerischen Juden und Franzosen statt. Die Araber bctheiligtcn sich nicht an demselben. Diese feiern seit dem 24. ihren Ramadan, während dessen sic kein Blut vergießen dürfen. A m e r i k a. §§ Cambridge (Muss.), im Juni. Die hiesige ״Cambridge Tribüne", ein bedeutendes Journal, bcrichtet über eine originelle Rede, welche Herr Alfred A. Marcus kürzlich in der Synagoge Ehurch Street zu Boston gehalten. In derselben heißt eS u. A.: ״Es ist wahr, eS hat sich ein großer Abfall unter uns vollzogen durch den Glauben Ungläubiger, welche sich zwar Reformer, d. i. Verbesserer nennen, in Wirklichkeit aber ״Desormers", d. i. Vernnstaltcr sind. Sie befürworten die Abschaffung der Sabbathseicr und deren Ersatz durch

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