Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-07-10
- Page
- 440 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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340 geliebte Leah au® solchen ihrer unwürdigen Verhältnissen herauszlcheben. Der Pfarrer und der Nentmcister begaben sich in die rückwärts gelegene Kammer und ließen sich Wein und Karlen holen. Salamon Nohrbach aber saß im Wohnzimmer drin, am großen Nußholztisch mit Kreide in der Hand und schrieb mit väterlichem Wohlgefallen das Register aller jener Sachen auf, die zur Aussteuer seines geliebten, einzigen Kiudcö schon angeschasft waren und die ihm seine Gattin, vor einen; großen Kasten stehend, welcher von allen diesen Sachen und Sächelchen bis zur Ncberfüllung gepfropft war, vordiktirte. Da waren — doch wer vermag sie herzuzählen alle die nothwcndigen und überflüssigen Sachen, mit denen eine Mutter das Heim ihrer ersten und letzten Tochter m!Sstattet, um ihr dasselbe recht angenehm und behaglich zu gestalten? Nur auf kurze Pausen pflegte sich der Vater im bedächtigen Ausschreiben und die Mutter im emsigen Bordiktiren zu unterbrechen, wenn eS galt, eine für ungenügend befundene Zahl einer Gattung durch eine größere zu ersetzen, oder eine noch nicht vertreteue Sorte in die Reihe der auzuschaffcnden Gegenstände cinzuschalten. Der Pfarrer und der Rentmeister sprachen unterdessen eifrig dem Weine zu und mischten die Karten, Leah scrvirte ihnen die Getränke. Die Sonne war bereits hinter dem -Horizonte verschwunden und allenthalben verbreitete sich das Zwielicht der Dämmerung Je dunkler eS aber im Zimmer wurde, desto Heller röthcte sich das Gesicht des Pfarrers und desto begehrendere Blicke trafen aus seinen glühenden Augen das eiu- und ausgehende schöne Mädchen. ״Ihr könnt ja kaum mehr die Karten unterscheiden," sagte Leah, an den Tisch hcrantrctcnd, mit ihrer lieblichen klangvollen Stimme, ״soll ich die Lampe anzünden?" ״Nicht doch, schöne Leah," -antwortete der Pfarrer, zu ihr aufblickend, ״so im Dunkeln ist eS viel heimlichcr. cS trinkt, spielt und liebt sich'® da besser, und da begreift man eS erst recht, daß wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, daß der eiu Narr bleibt sein Leben lang. spirite sancte, warum Haft du einem verdammten Ketzer so einen goldenen Satz in den Mund gelegt!" ״Wie wunderlich Ihr nur heute reden mögt," lachte Lea und wandte sich zum Gehen ab. ״Bleib', schönes Jndenkind," rief der Pfarrer und faßte sie an die Hand. ״Hör' mich aus, ich Hab' Dir noch wunderliche Dinge zu sagen. Ich Hab' Dich lieb, schöne Judenmaid, unendlich lieb, — komme zu mir und Du wirst eö gut haben bei nur, und Dein Vater auch und alle Juden!" Abscheu und Entrüstung hatten Leah's Kräfte gelähmt, und sie stand während der Worte des Pfarrer® wie erstarrt am Tische, unfähig sich zu bewegen, oder einen Laut hervorznbringcn. Wiederum sicht sie vor sich das widerliche, von reichen; Weingenuß glühende Antlitz des Pfaffen. Sic fühlt den Druck seiner Hand, er will sie nölhigen, am Tische Platz zu nehmen. Da kehrt ihre Besinnung zurück. Einen Angstschrei ausstoßend, befreite sie sich aus der Umklammerung des Pfarrers und sprang der Thür zu. Der Pfarrer erhob sich,;!in ihr zu folge;;, doch die Thüre wurde von außen aufgestoßen, und in derselben erschien Rohrbach, der auf den Schrei seines Kindes herbeigeeilt war. Leah drängte sich an der Seite deS VaterS durch die Thür und entwich aus dem Gemache. Der Pfarrer stand verwirrt ltub blickte bald auf Nohrbach, der ihm die ganze Verachtung eines empörten Vaters entgegenschleuderte, bald auf den Rentmeister, der nur mit Mühe ein schadenfrohes Auflachen zu unterdrücken schien. ״Hörst Du, Salamon," sagte er endlich, einen Ausweg aus seiner Berwirrnug findend, ״ein recht lhörichtes Mädchen, Deine Tochter; meint gleich, eS geht ihr an's Leben. Ja, recht thöricht, sag' ich Dir, -Rentmeister, komm', gehen wir!" Der Reutmcister erhob sich, gab dem Pfarrer den Arm, und Beide wankten nach Hause. Vor dem Schlafengehen sagte Rohrbach zu seiner Frau״ .׳Ich habe nur die Sache überlegt,;nein Kind, und cS scheint mir das Klügste zu sein, wenn wir Gabriel'S Willen gewähren und die Kinder nach ihrer Hochzeit nach N. hiuüberzkehen lassen. Dort bietet sich ihnen eine gesichertere Existenz, auch wird Gabriel Gelcgcuheit haben, sieh im Verkehre mit den zahlreichen dort wohnhaften GotteSgelchrten wissenschaftlich zu üben n!;d zu vervollkommnen." ״Aber ieh habe schon erklärt und ich bleibe dabei," proteslirte die Mutter, ״daß ich!;;ich von Leah um Alles in der Welt nicht trenne." ״Auch ich trenne mich von unserem Kinde sehr ungern, aber ich sehe ein, daß eS durchaus sein umß, zu ihrem und zu unserem Wohtc," sagte Nohrbach mit Nachdruck und Bestimmtheit, und löschte die Lampe aus. Die gute Mutter ließ dieser schreckliche Gedanke bis spät in die Nacht nicht zur Ruhe kommen, aber sie erwiderte nichts m;d proteslirte nicht länger, denn sie wußte, daß Nohrbach, um irgend etwas mit solch kategorischer Bestimmtheit zn beschließen, gar schwerwiegende Motive dafür haben mußte. Und wahrlich, er hatte sie auch! (Fortsetzung folgt.)