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Jeschurun · 1884-07-10 · Heft 28 (10.7.1884) · p. 439

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 28 (10.7.1884)
Article
Zu den ungarischen Reichstagswahlen
Date
1884-07-10
Page
439 (sequence 2)
Language
German
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439 Nüstmig aber auch erkannt als das, was er in Wahrheit ist — Anarchismus, Verrohung, Barbarei. Seine Waffen sind Lug, Trug und Raub. Der Redliche und Gebildete wendet ihm mit Abscheu den Rücken. Wachigestirne. Historische Novelle aus der Feudal,zeit Ungarns Bon Samuel Berthold Nosner. (^lnd)hrud t'cvbotc» \1. UcluTr jenm1sv:>vaiu 1'0rl>ct;altvn. (Fortsetzung.^ An solche Bcpationcn und Erpressungen waren die Juden und besonders ihr Vorsteher gewöhnt, and) im normalen Laufe der Dinge. Er war also mit dein Resultate um so mehr zufrieden, als ja der Psarrer gegenwärtig thcilweise berechtigt war, eine Entschädigung zu beanspruchen. Auch wußte ׳Nohrbach im Vorhinein, daß er nicht mit baarer Münze zu zahlen brauche. Der Pfarrer ließ das Geld bei Nohrbach, um seine sehr bedeutenden WirthShanöschuIden damit zu begleichen und damit der Schein gerettet werde, niachtc er sich gewöhnlich anheischig, das Geld au Stelle der Juden zu den heiligen Zwecken herzulcihen, unter deren Vorwände er das Geld zu erpressen pflegte. Obwohl die auf ähnlichc Weise Iahrüber erpreßten Summen nicht unbedeutend waren, wußte eS der kluge Nohrbach dennoch so ciuzurichteu, daß zu Ende des Jahres, wenn gegenseitige Abrechnung gehalten wurde, immer noch ein so großer Uebcrschuß za seinen! Gunsten sich hcrauSstelllc, als der Werth dcS vom Pfarrer konsnmirten WeiacS betrug. Der Pater wurde also befriedigt, ohne daß jener dadurch erheblichen Schaden gelitten hätte. Bald kehrte Nohrbach mit dem echten, feurigen Ungarweiuc zurück, welcher den Pfarrer in eine noch versöhnlichere Stimmung versetzte. Seine Zutraulichkeit wuchs derart, daß er beim Weggehen Nohrbach die Hand reichte und ihn mit lallender Stimme ein über das andere Mal seiner Gewogenheit versicherte. DaS Bcrhältniß zum Pfarrer befestigte sich zur Zufriedenheit aller im Orte wohnenden Juden immer mehr, ja es schien eine früher nicht erreichte srcundlichc Gestaltung anzunchmen. Der Pfarrer kam weit häufiger als früher und verblieb länger als sonst. Im Laufe der Zeit gewöhnte sich auch Lea nach und nach wieder an den Anblick dcS Pfarrers, vor dem sie seit jenem Abende, der ihr noch immer im Gedächtnisse lebte, von Weitem schon die Flucht ergriffen hatte. Eines TageS, die Sonne stand nicht mehr hoch am Himmel, war Gabriel bei seiner Braut zum Bcsuche, und da die WirthSstube leer von Gästen war, überließen sich die Beiden einem heiteren Gespräche. Sie befanden sich in der fröhlichsten Stimmung, denn eben erst hatte sich der vollzählig vcrsamrnelt gewesene Familicnrath, bestehend ans den drei Brüdern Rohrbach und ihren Frauen, aufgelöst, in welchem über den Termin der bevorstehenden Hochzeit berathen wurde. Keine ernste Familienangelegenheit wurde nämlich beschlossen, ohne daß die vollzählige Familie darüber berathen hätte, und dieser Brauch hatte einen hervorragenden Antheil an der rühmlichen Thatsache, daß der Familie Nohrbach jener Geist ewiger Zänkereien und Zwistigkeiten, welcher besonders in kleinen Ortschäften die Mitglieder einer und derselben Familie zu entzweien pflegt, völlig fremd war. Vielmehr verband innige Eintracht und Liebe die Brüder und ihre Familien, und zu jeder Zeit waren sie bereit, mit Hab und Gut, ja nicht minder mit dem Leben für einander wie ein Mann einznstehen. Und das edle Beispiel der Eltern pflanzte auch in die Seelen der Kinder das Gefühl vcrwandtschastlichcr Hingebung und Liebe. Also, der Familicnrath hatte getagt und beschlossen, daß kurz nach dem Laubhüttenfeste Hochzeit gemacht werde; dieses Fest war aber nur uoch zwei Monate entfernt. Zwei Monate! Ein verschwindend kurzer Zeitraum für ein liebendes Paar, das sich täglich am gegenseitigen Anblick erfreuen kann. Darum fühlten sie sich so glücklich und plauderten so selig von der schönen Zukunst, daß sie es kaum bemerkten, als der Pfarrer mit dem Rentmeister der Burg in die WirthSstube trat. Ein finsterer Schatten überflog auf einen Moment das Angesicht des Pfarrers, als er die jungen Leute, in traulicher Unterhaltung begriffen, erblickte; doch das dauerte nur einen Moment. 3m nächsten Augenblick nahm sein Angesicht den gewöhnlichen Ausdruck wieder au, und in widriger Freundlichkeit richlcte er einige scherzende Bemerkungen an Lea, die, über und über erröthcud, sich von ihm abwcudete. DaS Erscheinen des Pfarrers hatte das traute Beisammensein gestört, und unmuthig verabschiedete sich Gabriel. Zu wiederholten Malen schon hatte er das Geschäft seines Schwiegervaters verwünscht, welches den Verkehr mit zum größten Theile ungebildeten Menschen vorauSsctzt, deren Rohheit oft durch die vom Weine anfgestachclten Leidenschaften nur noch gesteigert wird. Unzählige Mal hatte sich ihm die Ueberzeugung aufgedrangen, daß die äußerst zartfühlende Lea von einer solchen Umgebung, mit welcher sie wider ihren Willen in Berührung kommen mußte, viel zu leiden hatte. Die Kollegialität, in welcher die Trinkenden gewöhnlich auf den Wirth hinübcrblickcn, giebt Veranlassung, daß auch die wenigen, dem Juden gegenüber noch beobachteten Schranken des Auslandes niedergerissen werden, — ein Grund mehr, daß er mit Freuden jenen Tag begrüßte, an welchem es ihm vergönnt sein werde, seine

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