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Jeschurun · 1884-07-03 · Heft 27 (3.7.1884) · p. 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 27 (3.7.1884)
Article
David Haller
Date
1884-07-03
Page
431 (sequence 1)
Language
German
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David Kaiser Bon Aastali Ämon. 'Mo :liedile 1>0rl'ci1nUcn. (FortsktzMIt;.- Aus beut Lärm der Versammlung hatte sich David aus sein Zimmer zurückgezogen. Eine Ruhe erfüllte sein Inneres und eine innige Befriedigung, die er seit Jahren nicht gekostet hatte. Dasjenige, was sein Der; beschwerte dessen er sich aber selbst während der ganzen Zeit nicht klar bewußt geworden war, stand jetzt in voller Deutlichkeit vor seiner Seele. Man hatte ihn zmu offenen Aussprcchen gedrängt; er war gcnörhigt worden, den Schleier zu lüften, unter welchem das tiefe Wehe seines Herzens klagte. Er hatte bis jetzt feige gebebt vor der Selbstcrkeuutuiß und der Erkenntnis der nichtigen Hohlheit der Wissenschaft des JudcuthuinS, wie solche von Burgwald und seinen Kollegen angebahnt und gelehrt wurde; Phrase und leerer Schein war Alles. Die selbstgefälligen, hochmüthigeu Jünger waren die Getäuschten und wurden zu betrogenen Betrügern hier heraugcbildet, die Lehrer theils gleißuerischc Heuchler, theils unklare Köpfe. lieber das wahre Wesen des Judcnthuins konnten oder wollten sie keinen Ausschluß geben, )veil sie cs nicht begriffen, oder an dessen Wahrheit selbst zweifelten. Das Wort übt eine nlächtige Wirkung auf dm .Redenden ans. Der Gedanke nimmt iit dem Worte Gestalt an. Es war )vic eine Erleuchtung über David gekommen. Die viel berufene Kritik hatte den Finger auf den Sitz des organischen Nebels gelegt und in schonungsloser Offenheit die Verheerungen gekennzeichnet, welche sich von hier aus über den Gesamrutkörper des JudeuthnmS der Gegenwart auszubreiten drohen. Die sich selbst als den Inbegriff aller Weisheit, Wissenschaft und Frömmigkeit preisende ״mittlere Richtung" hatte ebensowohl den Boden des JudeuthnmS verlassen, wie die radikale Reform, wnd schöpfte ihre Wissenschaft ebensowenig aus bcm Born des Geistes des Judenthums wie diese. Auch sie brachte fremde Anschauungen mit, die sie fälschlich als jüdische ausgab, und trat au die heiligen Bücher und lleberliefernugen iu dünkelhaftem Ucbermuth heran. Es galt ihr nicht, bcn Geist des Judcnthums zu erforschen, sondern sie vermaß sich, Gesetz und Lehre vor den Nichtcrstuhl ihres beschränkten Geistes zu fordern, um die Legitimität ihres Inhalts ihrem Urtheilsspruche zu unterwerfen. Man dünkte sich unendlich starkgeistig und philosophisch, wenn mau die Wahrheit der historischen Thatsachcn und die Iulegrität der Neligionsgncllen in Zweifel zog und sich abmühte, durch willkürliche Hypothesen und kühne Konjckturen Geschichte und Urkunden zu korrigiren. Je kühner man in dieser Hinsicht war, desto lauter wurde 431 das Lob ״echt kritischen Geistes״ verkündet — und das nannte man jüdische Wissenschaft, Wissenschaft des JudenLhmnS, hinter welche alle bisherige weit zurücktreten mußte. Der Gelehrte, der Forscher, der Kritiker aber sollte zugleich Lehrer und Rabbiner sein. Deshalb erfand mau ein neues, int Judenthum bis dahin unbekanntes Schlagwort-. Scheidung des Glaubens, und proklamirte man die freie, vorauSsetznngSlosc, das Wesen der Propheten leugnende Forschung, und wollte als Lehrer, Prediger und Rabbiner Gottcswort und Prophetenwort und Religionssatzung lehren, predigen und Handhaben. Und darum scheute mau sich ängstlich, in klaren, allgemein verständlichen Worten das Grnndprinzig dieser ״mittleren" Richtung auSzusprcchcn, und darum gcricth nlan iu solche Aufregung, als jener Rezensent dasselbe nachwies und aller Welt offen mittheilte. David staunte über sich, daß er erst jetzt dessen innc geworden, daß er so lauge unter dem Zauber dieses unwürdigen glcißumischcn Gebahrcns hatte auszn« harren vermocht. Er hatte eS längst geahnt, aber kaum gewagt, cs sich zu gestehen. Er hatte sich bestimmen lassen, in die Versammlung zu gehen, weil er solches als eine Pflicht der Pietät und der Kollegialität betrachtete und durch sein Fernbleiben kein Aergcruiß bereiten mochte. Aber er hatte sich fest vorgenommen, nicht in die Debatte einzngreifen. Es war ihm jedoch unmöglich gewesen, zu der unvernünftigen und nngceigneten Proposition zu schweigen. Durch seine Erklärung ober hatte er mit der Hochschule gebrochen und das Band zerrissen, welches ihn mit derselben und deren Lehrern verknüpfte. Das einfache Eiugestäudniß, daß die Lehre von der Göttlichkeit der mündlichen Lehre an der Hochschule für jüdische Theologie niemals vorgetragen werde, brach über dieselbe den Stab. Man hatte ihn wohl übcrschreicn, aber nicht Lügen strafen können. Dieses Zeugnis; ans seinem, des ältesten und hervorragendsten Schülers Mrmdc müßte als die vollgültigste Bekräftigung der geschmähten Rezension dienen. Er hatte sich dadurch auf die Seite des heute als entschicdenen Feind der Hochschule geschmähten Rezensenten gestellt. Die Kollegen hatten ihn geächtet und aus ihrer Mitte gestoßen. Er galt als ein Berräther. Wie lange war es her, da hatte die Hochschule sich seiner gerühmt, als ihres vorzüglichsten Zöglings, 1111t sich in seinem Ruhme zu sonnen, und jetzt wies man ihm den Rücken, weil er cs gewagt hatte, der Wahrheit die Ehre zu geben. Wie cr damals vcrächtlich gekachelt hatte, also zuckte cr jetzt die Achseln ob der ihm angcthaneu Schmach. (Fortsetzung folgt.) i

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