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Jeschurun · 1884-06-26 · Heft 26 (26.6.1884) · p. 415

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 26 (26.6.1884)
Article
David Haller
Date
1884-06-26
Page
415 (sequence 2)
Language
German
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415 ihn, meinen alten Freund, hin und bekenne, das; mir 1 seine Haltung geradezu unverständlich ist. Ich weiß nicht, welche Strömungen auf ihn einwirken, ob sie von rechts oder links ans ihn cindringen. Wohl aber weiß ich, daß seine Stellung nicht die eines wahren Freundes der Hochschule, eines ihr dankbaren Schülers ist und wenig im Einklänge steht zu der Hochachtung, welche wir Alle, aber vor allen Anderen der Vorredner, dem Schöpfer und Leiter derselben schulden. Unser Senior hat der Situation vvlllonnnen Rechnung und den Gefühlen, welche unsere Brust erfüllen, entsprechenden Ansdruck za verleihen gewußt. Es ziernt uns nicht, uns hinter Bedenklichkeiten zu verschanzen, wo die Hochschule, nw das Judenthurn, wo die Welt von uns einen krästigen einhelligen Protest gegen Ketzerriecherei und Muckerthnm erwartet. Es ist nicht die Zeit des Zauderns und der minutiösen theoretischen Untersuchung. Hie Welf, hie Waiblingen! gilt es auch von uns, der Studentenschaft. Wer nicht für mich ist, ist wider mich, ruft die Hochschule, rufen wir Alle! Wer in der Stunde des Angriffs nicht bei der Fahne sich einsiudet, ist ein Verräther!" Adolph hatte in immer steigender Hitze geredet. Er empfand gleich seinem Vater die abfällige Kritik nicht als einen Angriff auf den Verfasser der Schrift, sondern auf die Hochschule insbesondere und namentlich auf das Prinzip, dem sie huldigte. Je inniger das Band der Freundschaft war, welches ihn ehedem mit David verknüpfte, um so grimmiger haßte er ihn in diesem Augenblicke. Aller Augen waren auf David gerichtet, welcher, von den hastigen Worten Adolfs Lief erregt, sich zu einer Entgegnung erhoben hatte. ״Nicht von meiner persönlichen Stellung zu dem Leiter dieser Hochschule kann hier die Rede sein," begann er, ״nicht darum, wie viel oder wenig ich ihm und der Anstalt verdanke. Es handelt sich, wie ich es bcreits hervorgehobcn habe, einzig und allein um die Frage ist die verurthcilende Kriri! eine berechtigte oder nicht. Ist sic berechtigt, so sind auch die Folgerungen, welche der Rezensent ans dieser Untersuchung schöpfte, berechtigt. Ist sie cs nicht, so haben wir die Grund- und Haltlosigkeit der von dem Rezensenten vorgebrachten Beweise darznthun. Ich wiederhole, daß nicht in einer tumnltuarischen Versammlung dieses erörtert werden kann, und daß nicht die Jünger der Hochschule berufen sind, in d leser Sache ein Votum abzugeben. Welches Gewicht hätte das Wort von Schülern? Möge der Herr Professor selbst die Kritik widerlegen oder ein anderer Meister zur Feder greifen. — ES giebt aber ein Anderes, wozu allerdings die Studentenschaft so berufen, wie befähigt wäre, eine Erklärung abzugeben; das wäre die Konstatirung eines Faktums, die Beknndung einer Thatsache, und zwar einer Thatjache, von welcher einzig und allein die Hörer zum Zeugniß legitimirt sind. Der Rezensent hat den Nachweis angetreten, daß in der fraglichen Schrift die Göttlichkeit der mündlichen Lehre, die Gleichzeitigkeit und der gleiche Ursprung derselben mit dem schriftlichen Gesetze geleugne! werde, und ans dieser vermeintlichen Nichtancrkmmlng eines FnndamentalsatzeS des JudcnthumS seitens eines hervorragenden Lehrers der Hochschule Gefahren hcrgeleitct, wenn diese Anschauung dem Unterrichte in der Religionswissenschaft zu Grunde gelegt werde. Wohlan, wollen wir gegen diese vermeintlichen Gefahren, welche dem Judenthum drohen, — vermeintlich, wenn der Rezensent im Unrechte wäre — protestircn, so lassen Sie uns die offene Erklärung auf Ehre und Gewissen abgcben, daß der Rezensent sich irren müsse, daß er den Sinn des Verfassers nicht erfaßt haben könne, da wir, die Schüler, bezeugen, daß der Verfasser und die übrigen Professoren zu aller Zeit uns die Göttlichkeit der Tradition gelehrt, deutlich und unvcrklausulirt. Mit einer solchen Erklärung haben wir den sich gegen die Hochschule richtenden Angriff abgewendet und sind für die Ehre derselben eingetreten wie Männer. Ich aber muß konstatircn, daß wir eine solche Erklärung nicht abzugeben im Stande sind, weil eine solche der Wahrheit nicht entspricht, weil in der That ich mich nicht entsinne, jemals hierüber einen deutlichen Ausspruch vernommen zu haben. Und weil wir diese einzige unser würdige und uns geziemende Erklärung nicht abgeben können, so haben wir zu schweigen. Das ist meine Ansicht, welche ich furchtlos knndgcbe, weil sie aus dem thatsächlichen Verhältnisse geschöpft ist, und daran hindert mich keinerlei persönliche Freundschuft oder Verehrung. Der Wahrheit allein gebührt das Wort in Sachen der Wissenschaft, in Sachen der Religion!" Wenn die erste Rede Davids bereits im Stande war, die ganze Versammlung in eine unbeschreibliche Aufregung zu versetzen, so erreichte mit dieser die Entrüstung ihren Höhepunkt. Man rief nicht mehr, man schrie in höchster Wuth. ״Verräther hinaus! Er schmäht unser Hciligthum! Wir wenden uns mit Derachtung von dem Abtrünnigen!" so schwirrte eS durcheinander. David schaute den: wüsten Lärm eine Weile schweigend zu, dann griff er zum Hute und entfernte sich ans der tobenden Versammlung. (Fortsetzung folgt.) Druckfehlcrüerichtigung. S. 390 Sp. 2 Z. 18 v. n. muß es statt: ״und nicht nach" heißen: ״und nach"; S. 391 Sp. 1 Z. 18 v. o. muß rs heißen: ״daß der Kurder". (Es fehlt das Wort: der.)

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