Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1884)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1884-06-26
- Page
- 413 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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verbreitet worden, in welchem die schöne Mahr bejungen wurde, das; der Ministerpräsident Tisza sich habe beschneiden lassen. Doch genug dieser — Thorheilen würde ich sagen, wenn eS sich nicht um sehr ernste Dinge handelte. — Die augenblickliche sensationelle Gerichtsverhandlung gegen die Exzcdcuten bei den Krawallen in der Kcrepescrstraße unserer Hauptstadt (bei der Ankunft der Familie Scharf in Pest nach der Freisprechnng) werfen ein sehr eigenthümlicheö Licht auf die Haltung der Polizei. Der Staatsanwalt geht mit dem Stadthauptmann Maltas und dem Ober-Stadthauptmanu Thaiß als Zeugen sehr scharf ins Gericht. Id. Prag, 22. Juni. Die Czechcn richten an die Juden die ernste Warnung und Drohung, für ihre Kandidaten ztt den HaudclSkammcrwahlcn zu srintmen, wenn sie nicht die Feindschaft der czcchischen Bevölkerung in ihrer ganzen thatsächlichen Bedeutung kennen lernen wollen. Ein Artikel der ״Narodni Lisch" ist in dieser Hinsicht sehr beachtenswert!). Wie die Juden sich legen, legen sie sich schlecht; cS wird ihnen nur die Wahl gelassen zwischen dent ezechischen und germanischen AntisemitiSmuS. Holland. :[: Amsterdam, im Juni. Im israelitischen Waisenhause, welches die gesammte körperliche und wissenschaftliche Bildung seiner Zöglinge versorgt, definden sich 34 Knaben und 20 Mädchen. Der Unterricht umfaßt die Gegenstände einer gehobenen Volksschule, zu welchen noch: hebräische Sprache, Pentateuch- und Gebetübersetzen, Haphtaroth, Megilloth, Pirke Aboth, Schulchan Arnch, biblische und jüdische Geschichte und Geographie des heiligen Landes kommen. Zum Beginn dieses JahreS wurden von den Knaben in die Lehre gebracht: 11 als Schneider, 1 als Schuhmacher, 1 als Zigarrenmacher, 2 als Kappenmachen, 1 als Tapezier, 1 als Buchbinder und 1 in eine Zinkfabrik. Zehn Mädchen wurden theilS in Haushaltungen, theilS im Putz- und Nühfache untergebracht. England. 8. London, 20. Juni. Die grausame legislatorische Behandlung, welcher unsere Glaubensbrüder in Rumänien anSgesetzt sind, hat das hiesige Komitee zu den! Beschlüsse veranlaßt, ein Memorandum auSzuarbeiten, in welchem die durch diese Barbarei geübte Verletzung des Berliner Vertrages nachgewiesen wird. Ob ein solcher Schritt die VertragStttächte zu einem diplomatischen Einschreiten veranlassen wird, ist sehr zu bezweifeln. Frankreich. W. Chalorrs für Marne, 13. Juni. Aus hiesiger Gegend kommen Ihnen wohl selten Berichte zu; um so mehr dürste die Erwähnung eines sich dieser Tage hier ereigneten Vorfalls für Ihre Leser von Interesse sein. Unser Rabbinat ist vielleicht das einzige in Frankreich, welches durch einen wirklich streng gesetzcStreuen Rabbiner besetzt ist. Es erging nun auch an diesen, ebenso wie an die christliche Geistlichkeit, die Aufforderung, die Errichtung eines geplanten Monnments zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten des letzten Krieges zn fördern. Cr erklärte sich zn diesem patriotischen Unternehmen bereit. Als man aber später mit dem Gedanken umging, dieses Denkmal mit religiöscn Emblemen zu versehen und ihm den ausschließlichen Karakter eines bestimmten Kultus zu verleihen, verweigerte er seine Mitwirkung. Sollte doch durch dieses Erinnerungszeichen auch das Andenken der für das Vaterland gefallenen jüdischen Tapfern mit der Nachwelt überliefert werden. Diese ablehnende Haltung erregte in manchen Kreisen großen Unwillen, eS fehlte nicht an Drohungen u. s. w. Die Mitglieder des Komitees aber waren einsichtsvoll genug, die Haltung des Rabbiners zu würdigen, und beeilten sich, den faux pas zu entschuldigen. So erwies sich auch in diesem Falle das ernste Auftreten und Beharren bei den gesetzlichen Vorschriften als das beste Mittel zur Erringung der Achtung und Werthschätzung auch unserer nichtjüdischen Mitbürger. Griechenland. * In Ccmdia hat sich nach dem Berichte der ״Alliance israülite universelle" folgender Vorfall zugetragen: Ein griechischer Bauer, Janni genannt, vcrsuchte eS, die Bevölkerung Eandia's gegen die Israeliten aufzureizcn, indem er sie anklagte, ihm sein Kind gestöhlen zu haben. Trotz dem kaiserlichen Firman v.on 1 840, welcher eS untersagt, auf Grund derartiger Anklagen sowohl in Tempeln als auch in israelitischen Häusern Nachforschungen zu halten, drang das Volk des Nachts in die Synagoge und öffnete den Tabernakcl, um sich zn überzeugen, daß das gesuchte Kind nicht darin verborgen sei. Der Thätigkeit der Lokal׳ behörde ist es zu verdanken, daß daö Kind in einem Dorfe entdeckt wurde, wohin es der Vater geschickt, um, wie es heißt, die Israeliten dieses Mordes anznklagen. Der Präsident der israelitischen Gemeinde zu Canea begab sich zum Gouverneur, um ihm über daö Geschehene Mittheilung zu machen. S. E. PhotiadeS Pascha ließ sogleich dem Gouverneur von Eandia tele« graphircn, um die Unterdrückung dieser Bewegung anzu ordnen und Gerechtigkeit für die Israeliten zu verlangen. Rußland. 11. Warschau, 20. Juni. Die ״Ssowr. Jswestija" berichten über Ruhestörungen in der jüdischen Kolonie Repetino im Kreise Kriworog, Südrußland.