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Jeschurun · 1884-06-26 · Heft 26 (26.6.1884) · p. 412

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 26 (26.6.1884)
Article
Österreich-Ungarn : Preßburg, 23. Juni [Nachricht]
Date
1884-06-26
Page
412 (sequence 2)
Language
German
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412 sodann der moderne Staat auf Grund der Gleich- - bcrcchtigung vrganisirt wurde, verstand es sich von selbst, das; inan die Inden mit denselben Rechten bekleiden müsse, welche die christlichen LandcSbürger besaßen. Ob die sogenannte Emanzipation der Inden dem Lande und dem Jndenthum selbst zmn Nutzen gereichte? Ich zweifle nicht daß dem so ist, allein Verhältnisse, welche Jahrhunderte hindurch bestanden, verändern sich nicht mit Einem Schlage in Folge legislatorischer Maßnahmen. Ein Gesetz ist rasch anders gemacht, jedoch die Menschen mit ihren Neigungen und Gewohnheiten gestalten sich nur langsam um. Allein, der Prozeß der Annäherung und Assimilation ist in Fluß gcrathen. und er wäre rasch fortgeschritten, wenn der Antisemitismns nicht dazwischen gekonnncn wäre. Dieser ist eine geistige Krankheit, welche nur böse Folgen hat und haben kann, denn der AiUisemitiSmuS ist leine Bewegnng. gegen eine Rasse oder Konfession gerichtet — diese dient nur zum Vorwände — das Ziel des Antisemitismns ist eigentlich die Revolution und der Sozialismns oder vielmehr Kommunismus, daS Land in steter Aufregung zu erhalten und die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung zu untergraben. Hierzu ist nichts mehr geeignet als der Antisemitismus, welcher das Vermögen und das Eigenthmn bedroht. Ein solcher Angriff aber beginnt bei dein armen Dorf-Branntweinscheuker Hcrschko oder Itzig, um sich bis znn! Fürsten Eszterhazy oder dem Primas von Ungarn fortzupflanzen. Wao ist zu thun, tun den Antisemitismus aushörcn zu machen? Die Legislative kann in dieser Beziehung wenig 11)1111, die Exekutivgewalt aber Alles, indem sic, wo es nöthig ist, die Inden gegen die Ausschreitungen dc>5 Volkes vertheidigt, Aufreizungen und Reden gegen Besitz und Eigenthum nicht duldet und indem andererscitS unter den ungebildeten Inden jene Kultur verbreitet wird, die das wirksamste Gegenmittel gegen den Antisemitismus ist. Am meisten können jedoch gegen den Antisemitismus die gebildeteren und vermögenderen Klassen der Inden selbst thnn, wenn sie bewirken, daß ihre Glaubensgenossen jene Gebräuche ansgeben, welche sie von der christlichen Gesellschaft fcrnhalten, wenn sie dieselben zu Landbanern und Gewerbetreibenden erziehen, damit es nicht scheine, als wenn sie die Angehörigen der Mittelklasse aus deren natürlichen Stellungen verdrängen wollten. Daneben werden die gemeinsamen Schulen und die Armee das beste Palliativmiltcl gegen den Antisemilismils sein." Wir nehmen gern von dieser Erklärung Kenntniß, können -׳.der nicht umhin, nachdrücklichst hervorznheben, daß der Herr Minister in einem Irrthum ist. Nicht in dem Aufgeben unserer heiligen Gebote liegt unser und des Vaterlandes Heil, sondern in der Treue und Gewissenhaftigkeit, welche uns gegen Gott und sein Gesetz beseelt und^in der aufrichtigen Liebe, die unS gegen das Vaterland erfüllt. Herr Tresor! hat sich in dieser Hinsicht von seinen Freunden, den Kougrcßlcrn, irre leiten lassen. *||* Pest, 22. Juni. Siebzehn antisemitische Abgeordnete sind dem Reichstage jetzt gewiß. Es karaltcrisirt diese Thatsachc besser als irgend etwas anderes die ' heutigen Zustände. DaS Faktum der Existenz einer Partei unter dem Namen einer antisemitischen ist schon an und für sich ein Protest gegen die Gesittung und das Ncchtsbewußtsein. Wie könnte es vor dem Nichtcrstuhl der Moral und Gerechtigkeit gerechtfertigt erscheinen, Bürger eines Landes zum gegenseitigen Hasse aufznstacheln und die Unterdrückung, Verfolgung und Rechts-Beschränkung einer Klasse von StaatSgcnossen als das ausgesprochene Ziel der durch die Legislative zn verwirklichenden Ausgaben aiifzustcllcn? Wir erinnern uns noch des Lächelns, welches durch die erste Kazupinade Victor Istoczy'S vor mehreren Jahren hervorgcrnsen wurde. ״Der Mann ist offenbar verrückt, er lebt noch in den Anschauungen einer für immer begrabenen Vergangenheit," hieß es damals in den gewöhnlichen GescllschastSgesprächen. Ich hatte damals schon Veranlassung genommen, zu erwidern: ״Ihr irrt euch, Jstoczy ist der Mann der nächsten Zukunft." Denn schon damals konnte dem Auge eines aufmerksamen Beobachters nicht verborgen bleiben, daß die heutige Acra bereits im Anzuge wäre. — Wohl wird die ReglerniigSpartci die Majorität haben, aber die Minorität ist nicht klein, aber die Minorität ist mächtig. Doch für unS jüdische Ungarn allein fürchte ich nicht. Nicht eine judenscindliche Partei ringt sich zum mächtigen Aufschwung in den Antisemiten empor, sondern eine anarchistische Partei, eine bildnngs- und sitlcnfcindliche Partei, eine Partei der rohen Gewalt. Darüber gicbt inan sich Gottlob in maßgebenden Kreisen keiner Täuschung hin, und in dieser Erkcnntniß liegt die Bürgschaft für die Rettung Ungarns. — Ich erfülle meine Korrespondentenpflicht, indem ich Ihnen Einiges noch von den Wahlen erzähle. Sechs der Gewählten sind Inden: Moriz Wahrmann, Dr. Franz Ehorin, Dr. Paul Mandel, Dr. Alexander Nllmann- Ereayi, Karl Schwab und Ludwig KranSz-Mcgycri. In OroShaza hat der Antisemit, der evangelische Pastor VcrcS, seinen Wählern daS Gut der Juden versprochen und auch vorsorglich genau angegeben, welche äugenblicklich in jüdischem Besitze befindlichen Grundstücke demnächst nach dem Siege der Antisemiten zur Verthcilnng kommen sollen. Er hat auch schon den biedern Wählern seines Kreises die einzelnen Parzellen angcwiesen, die jeglicher erhalten wird. Natürlich wurde er gewählt und darauf von einem Beamten des Gutsherrn in einer herrschaftlichen Karosse im Kreise herumgefahren. — In Eßegg war ein Wahlflngblatt in Versen

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