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Jeschurun · 1884-06-19 · Heft 25 (19.6.1884) · p. 392

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 25 (19.6.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-06-19
Page
392 (sequence 2)
Language
German
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392 Eugen aber schaute verächtlich und finster zur Wandössiinug hinüber. ״Melde;u Gnaden, der Jörg hat ben zweiten (tyrab der Folter nicht ansgehaitcn, er ist verreckt!" Wie vom Blitze gerührt lamnclic der Gras in seinen Sessel zurück, und sein Gesicht wurde noch um eilten Auslug blässer als zuvor. ״Er wird nur schcinlodt sein," versetzte er hastig, ״ruft augenblicklich den Ehirmgus, er soll alles anwenden, was seine Kunst vermag, ihn wieder zu erwecken!" ״Ja," wars Eugen in bitterm Hohn ein, nachdem er sich von dem Entsetzen des ersten Eindruckes gesammelt hatte, ״erweckt ihn, es wäre wirklich schade, den Mann schon beim ziveiten Grade sterben zu lassen!" ״Melde zu Gnaden," versetzte Kurt in seinem trockenen Napportton zum Grasen gewendet, ״der Ehirurgus ist schon unten und hat gesagt, dag mit dem Kerl nichts mehr zu machen ist, er ist mausctodt." Der Gras winkte mit der -Hand, die Tapete trat wieder au ihre Stelle und die schreckliche Gestalt war verschwunden. Nicht etwa, als ob ein menschliches Fühlen den Grafen bestimmt hätte, den Versuch zum Wiedererweckcn des gemordeten Bauers anzuorducn, oder dag er Furcht cmpsuuden hätte, diesen Mord verantworten zu müssen. Ein menschliches Gefühl hatte die Brust Georg von Ormais schon seil nndenklichm Zeiten nicht beschlichen, und Furcht vor einer Verantwortung brauchte cr nicht zu hegen, da das ohnehin maugelhaste Gericht in damaliger Zeit einen! Edclmanne in keiner Weise etwas anhaben konnte; aber cs würde ihm doch lieber gewesen sein, wenn der Bauer am Leben geblieben wäre, da ihm dessen Tod keinen Vortherl bot. ״Er hat mm reuevoll seine Gemcinschast mit dem Tcnsel abgeschworcn," bemerkte Engen mit bergender Ironie, ״und es wäre gut, ihm nun den Psaffen nachznschicken, damit er ihn gereinigt wieder in den Schooß der Kirche anfnchme!" Danrit entfernte er sich durch eine Nebenthür, gefolgt von den zornsprühendeu Blicken des Vaters. Jetzt erst bemerkte der (Mrnf den noch immer lautlos in ehrfurchtsvoller Stellung an der Schwelle verharrenden Thürhütcr und erinnerte sich wieder dessen Meldung. Es war ihm jetzt doppelt lieb, dag der Pfarrer in der Nähe war. Die späte Nachtstunde, in welcher ihm das unerwartete Ende des Bauers gemeldet wurde und der bittere Vorwurf seines Zahns verfehlten doch nicht, einem Xcifeii Schauer den Weg zu seinem verknöcherten Gemüthc za bahnen, und vor seiner aufgeregten Phantasie gaukelte beständig das blutige, röchelnde Gespenst des Jörg. Er wollte sich ciuesthcils durch die Gesellschaft deö Pfarrcs von seiner unbehaglichen Stimmung befreien, andernthcils aber hoffte er, dag cs der erprobten Beredsamkeit des Pfaffen gelingen werde, den Mord zu beschönigen und sein Gcuntth mit triftigen thcologischeu Gründen zu beruhigen. Ist cs ja ein Grundkaraklcrzng vieler Menschen, ihr Gcmüth mag noch so verhärtet sein, dag sie ihre unverantwortlichen Thaten gern aus fremdem Munde entschuldigen und rechtfertigen hören, und diese Schwäche der Menschen, welcher auch Georg von Srmai unterworfen war, wohl kennend, wußte der schlaue Geistliche anszunntzen, um sich das Vertrauen und Wohlwollen des Grafen zu erschleichen und der Kirche einen donunirendcn Einfluß über ihn zu sichern. Er befahl also dem Thürhüter, den Pfarrer vorzulasscu. Sich tief verneigend trat dieser mit dem gewohnten religiösen Gruße ein. Der Graf aber wiederholte nicht, wie üblich, die drei letzten Worte des Spruches, sondern rief ihm lebhast entgegen: ״Eine vcrwünschte Geschichte das mit dem Jörg, und daran bist Du mir Schuld, Pfarrer!" Der Pfarrer hatte von dem traurigen Ende des Bauern schon draußen im Hofe erfahren, denn die Kunde davon hatte sich init unheimlicher Schnelligkeit durch die ganze Burg verbreitet, dennoch aber sprach er in nntcrthänigem Tone: ״Dürste ich Euch fragen, gestrenger Herr, was cs mit dem Jörg für eine Bewandtnis; hat? Witt cr etwa nicht eingestehcn? Verharrt er hartnäckig in seiner Verstocktheit? Ja, das wäre verwünscht, aber ich begreise nicht, wieso Ihr belieben könnt z!t sagen, daß ich daran Schuld bin, habe ich cs etwa au frommen Er- Mahnungen bei ihm fehlen lassen, oder ricth ich Euch zu allzugroßer Milde?" ״Nicht doch," eutgcgncte uumuthig der Graf, ״zu allzu großer Strenge hast Du mich angespornt! Er hat den zweiten Grad nicht anshattcn können und ist gestorben." Der Pfarrer trat, mit den Zeichen der traurigsten Ueberraschuug in! Gesichte, einen Schritt zurück und richtet»׳ die Augen andachtsvoll nach oben. ״Gattes Wille geschehe für und für," sagte er bedächtig, ״cr tobtet und spendet Leben; - er hat cs gcgeben und har es wieder genommen, sein Name sei gepriesen in alle Ewigkeit! Wir waschen unsere Hände in Unschuld, denn wir sind nur willenlose Werkzeuge im Plane seines Nathschlnsses." Doch als cr die Blicke rviedcr zur Erde senkte, da glitt ein Strahl der Befriedigung und Schadenfrcitbe über sein Antlitz. ״Komm näher und setz' Dich," versetzte der Graf, ״Was führt Dich zu so später Stunde zu mir?״' (Forlsctz'.uig folgt.)

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