Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-06-12
- Page
- 383 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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383 Wohl 11nb Weh bcv Menschheit von ihren heutigen Beschlüssen abhängig sei. Ans der Tribüne hatten die drei Senioren Platz genommen, als dieRepräsentanten der Studentenschaft der Anstalt. Anch sie waren noch in einer eifrigen Beraihnng begriffen, um sich über die td)eschästohandhabnng zu verständigen. Endlich gab der älteste der Senioren mit der vor ihn! stehenden Glocke das Zeichen \\\v Eröffnung der Versammlung. ״Kommilitonen und geehrte Herren!" begann er: ״die Senioren der Hochschule haben' cs für ihre Pflicht erachtet, die säinmtlichen Stndirenden zu einer Ver- Handlung eiuzuladcn, n!n in crnftciu Gedankenaustausch scsrznstcllen undzu beschließen,welcheSchritteAngcsichtddes schmählichen Angriffs ans die Ehre eines ihrer verdienstvoll׳ sten und angesehensten Lehrer cinznteitcn sind. Ich begrüße euch, Genossen, Namens dcr Seniorenschaft und entbiete den zahlreichen Freunden, welche Zeuge unserer Berathnngen sind, den herzlichen Tank für die durch ihre Anwesenheit unserer :!!um ש ater bethäligic T hei ln ah me. Gegen sonstigen Brauch haben wir bei diesem Anlässe gerne die Pforten der Aula Allen geöffnet. Was wir zu verhandeln haben, betrifft nicht die Hochschule und die Stndirenden allein; das ganze Jndenthum ist dabei intercssirt. In nnserm Lehrer, der gefeiertesten Gelehrten Einer, den das heutige Indcnthnm ausznweiscn hat, ist das Indenthnm der Gegenwart vernuglirnpft. Es gilt, offenes Zeuguiß abzulegen, daß die srudirende Tugend nicht genullt ist, Verzicht zu leisten ans die hehren Errungenschaften unserer lichten Zeit, daß sie in edler Begeisterung Protest erhebt gegen den Uhnschrci, welcher das nächtliche Düster als das eigentliche Lebense'ement des Iudcnthums zu verkünden sich unterfängt, daß sic die Freiheit der Wissenschaft sich nicht rauben zu lassen gesonnen ist. — Kommilitonen! Die Augen der jüdischen Welt nicht nur, sondern aller Gebildeten, sind ans uns gerichtet. Unsere Erklärungen werden von Stadt zu Stadt, von Land zn Land getragen und von der Mitwelt der Zukunft überantwortet werden. Zeigen wir uns dieser großen Anforderung würdig. Zeigen!vir, die Träger der Zukunstshossmmg, die dcmnächstigen Verkünder der Religion, daß wir das Hei! des Indenthnins in Aufklärung und Wissenschaft finden und nufere Religion nichts gemein hat mit K'etzerrichteru, daß freie Forschung das Fundament unseres Glaubens ist und wir dieses heilige Palladium zu vcrtheidigcn und zu schützen wissen! - - Wir haben einen Entwurf vorbereitet,!velcher diesen! Gedanken kräftigen Ausdruck verleiht. Ich schlage vor, daß wir sofort dessen Verlesnng beschließen, und zweifle nicht daran, das; er als die Kundgebung der Gesinnung der gesammten Studentenschaft ungetheilte Annahme sinden wird." Lautes Bravo begleitete die Rede. Dieselbe hatte in den jugendlichen Gcmüthcru gezündet und die Flamme der Begeisterung in den leicht ciupsänglichcn Herzen angcsacht ״Ja wohl! Verlesen! Durch Akklamation an bloe annchmcn!" also ertönten die Rufe. David war vielleicht der Einzige, welcher in diesen! allgemeinen Rausche nüchtern geblieben und des Ungestüms seiner Kollegen lächelte. Er erhob sich von seinem Sitze. ״Haller hat das Wort," verkündete der Vorsitzende. Ein beifälliges Murmeln ging durch die Reihen, als Davids Name genannt wurde. Man war schon sehr erfreut, seine Anwesenheit erlangt zu haben, hatte aber sich nicht der Hoffnung hingegebcn, daß er sich an der Diskussion betheiligcn würde. ״Ich möchte zu dem eben gemachten Vorschläge nur bemerken," sagte er, ״daß cS mir wenig geeignet erscheint, in die Diskussion über eine Erklärung cinzntreten, bevor der Gegenstand, auf welche sich dieselbe bezieht, einer Erörterung unterzogen worden ist. ES können ja die Ansichten über denselben verschieden sein. So nehme ich zum Beispiel gar leinen Anstand, zu erklären, daß mir die Darstellung der Sache, welche wir so eben vcrnomuien haben, durchaus irrig zu. sein scheint. Der Vorredner hat sich von feinem Eifer hinreißen lassen. Bei ruhiger Betrachtung handelt es sich hier um die abfällige Kritik eines Buchs; aber doch!!!!! eine Kritik, nicht um ein in unwissenschaftlicher Form abgcfaßtcs Panrphlet. Ich kann deshalb der Ausführung und dein Vorschläge des Seniors nicht beistimmeu. Nach meinem Dafürhalten müßte die Studentenschaft das fritifirtc Werk mit der ihn! zu Thcil gewordenen Benrtheilnng genau vergleichen und in eine ernste, unbefangene Prüfung derselben eingehcn. Ueber die etwaige Veröffentlichung des Ergebnisses dieser Untersuchung ließe sich alsdann verhandeln. Freilich erscheint cs mir sehr zweifelhaft, ob eine solche Untersuchung von den Jüngern der Wissenschaft vorgenommcn werden sollte, ob diese nicht vkelnichr es den Meistern überließen, wissenschaftliche Streitfragen zu erörtern, und deshalb glaube ich überhaupt, daß cs den Schülern der Hochschule nicht gezicrne, in dieser Sache das Wort zu nehnren." Die Entrüstung, welche David durch diese trockenen Worte hcraufbcschwor, spottet jeder Beschreibung. Man hatte ihn kann! auSrcden lassen. ״Wir sollen ruhig znschaucn, wenn man unsere Ehre schändet! Schweigen ist Feigheit! Nur, wer sich achtet, verdient Achtung;" hieß cs unter den Anwesenden; und wenn David nicht in so hohen!, allgemeinem Ansehen gestanden wäre, so würde man sich sicherlich auch nicht gescheut haben, ihn Persönlich anzugrciferr. Er ließ die Kollegen toben und nahm ruhig seinen Platz wiederum ein. (Fortsetzung folgt.)