Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 6. Juni [Nachricht]
- Date
- 1884-06-12
- Page
- 378 (sequence 2)
- Language
- German
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378 auf midi zu, mir, als bcm einzigen Juden in der Ver- [ammlnnn, den Bruderknß zu crtheilen. Alle Auwesenden!)allen sich erhoben und schauten auf uns hin. Sie waren ehrfurchtsvoll vor den! Hern! Hof- Prediger zunlckgetreteu Schon stand er vor mir, und idi war eben im Begriffe, in die Umarmung zu eilen da erwachte ich und blickte in den Bericht der ״Neuen preußischen Zeitung", meiner Lieblingslektürc, über die Versammlung der Christlich-Sozialen vom 23. v. B?. — 31h hatte sie gestern Abend zu eifrig ftudirt und war darüber eingcschlmnmcrt. Ach, ich hatte so schön geträumt, aber leider geträumt! Wohl hatte Herr Steifer gesprochen über die Sonntagsruhe und die Juden — aber seine Nede athmete nicht Friede und Buhe und Hiebe. Merlwürdig, er schildert den deutschen Sonntag als einen Tag, ״an dem mau bis Mittag arbeitet und Nachmittags kneipt," und wer erhält die Schelte? Der ckudc, der böse, böse Jude: ״Dazu sind doch die Juden nicht unter die Völker gestreut, dag sie die Christen hindern, ihren Nnhetag zu zu haben!"- Hierher, Herr Hofprediger, und stehen 21! gefälligst Antwort. Wenn, wie Sic sagen, der dentscheChtis! Sonntagsvormittag arbeitet und Sonntagsnachmittag kneipt, und dieses so allgemein sein muß, dag Tie dieses als Karaktcristiknm des ״deutschen Sonntags״ bezeichnen, dann haben Sic erst den Beweis dafür zu führen, dag der Jude, der jüdische Arbeitgeber, cS ist, welche! die Mehrzahl der Christen an ihrer Somttagsfeier hindert. DaS können Sic aber nicht, weil eS nicht wahr ist, weil jeder Verständige weif;,׳ dag cS nicht wahr ist. — Ich empfinde auch das Peinliche, das cS für Sic sicherlich gehabt hat, als ein einfacher Arbeiter, Ihnen, dem geistlichen Herrn, zurief, dag auch der Jude ein Mensch sei und auch auf ihn das Gebot der Nächstenliebe angewendet werden müsse. Wie schwer muß Ihnen die Ausrede geworden sein, dag Sie nicht die chremverthen Inden, sondern die unehrenhaften gemeint hätten. DaS war doch gar zu kläglich! W. Frankfurt a. M , 7. Juni. Kürzlich starb hier der als Sonderling, jedoch als äußerst wohlthärig belanntc Herr I)r. Leopold Odrcll (Oppenheim). Zeugnis; von seiner außerordentlichen Wohlthätigkcit legen die Bestimmungen ab, die er über sein Vermögen, das etwa euic Mllion beträgt, getroffen hat. Cr besaß nur sehr cntscrntc Seitcnvcrwandtc, die zum Thci'l auch reich bedacht wurden, hauptsächlich aber hat er sein Vermögen zu milden Zwecken bestimmt. Der Hauptbestandthei! desselben soll zur Begründung einesStipendienfonds für das Studium auf Universitäten, Akademien, Polytechniken und landwirthschaftlichen Schulen verwende! und als Stiftung zum Andenken der verstorbenen Eltern des Testators errichtet werden. Diese Stiftung ist durch die israelitische Gemeinde und, falls diese eS ablchnte, durch den Magistrat hiesiger Stadt zu begründen, welche zu dem Zwecke als Erben eingesetzt sind. Außerdem hat der Verstorbene noch 24 Vegate im Betrage von ungefähr 102 100 45 anSgesctzt: 1) der Vers or gnn gS an st a l t für Israeliten dahier 600045; 2) der Leih kaffe für bedrängte israelitische Gemeindeaugchörigc 300" 45.; 3) dem Vereine zur 'Aussteuerung hiesiger israelitischer Bürgerstöchter 6000 4) der Crcirnach - Stiftung 5000 5) dem israelitischen Atmojcnkasten 6000.45; 6) dem Hospital der israclitischeu Gemeinde 300045.; 7) dem Vereine zur Unter׳ stntznng israelitischer Stndircnder in Heidelbc.g 600045; 6) dem Vereine zur Beförderung von Handwerken unter den israelitischen Glaubensgenossen 1500 0/6.; 9) dem Vereine zur Bekleidung bedürftiger israelitischer Schullinder 3000(45; 10) dem Vereine zur Unterstützung hülfsbcdürstigcr israelitischer Lehrer ״Achava" 6000 45; 11) der israelitischen Waiscnanstalt 3000 45.; 12) dem israelitischen Francnverein 4000 45; 13) dem israelitischeu Vereine zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen 5000 H.; 14) bcm allgemeinen Francnverein zur Wohlthätigkcit 5000V/5; 15) der Anstalt für Irre und Epileptische 500045; 16) der Taubstummen-ErzichnngSanstatt 3000 45; 17) dem RochnS-Hospital 3000 45; 18) der Salomon Oppenheim (Truwjchen) Brautlegat-Stistnng 0000 45; 19) bcm Chris!'scheu Kindcrhospital 300045; 20) der Blindenanstalt 300045; 21) einer Stiftung, deren Zinsen zu Gunsten der Vornheimer OrLSarmcn zu verwenden sind, 2400 45; 22) dem Armenstock der Loge zur ausgehenden Morgenröthc 200023;1/1ס) dem Thierschntz-Vereine 1200^/55; 24) dem Armenverein 4000 45 P. Frankfurt a. M 5 10. Juni. Verflossene Woche beging die israelitische Volksschule, wie eS hier üblich ist, das Maifest. An einem vom Direktor bcstimmten Tage machten nämlich verschiedene Kinder in Begleitung ihrer Lehrer und Lehrerinnen, je nach dem Atter und den Klassen nahe oder mehr entfernte Ausflüge. Für die Schüler und Schülerinnen der israelitischen Volksschule war der Wald das Ziel. Um halb 2 Uhr hatten sich fast alle, ungefähr 130, im Schulhofe cingcfundcn. Die Kinder wurden auch heute regalirt. Herr und Frau G. hatten nämlich eine auskömmliche Summe für die Bestreitung der Kosten anSgesctzt. Unter Singen und Jubeln laugte man im Walde an, wo mit Getränken bcwirthct wurde. Später trafen auch Herr G. nebst Gemahlin und Töchtern, beladen mit einem Schlicßkorbe : voll feiner Fleischbrode, ein, wobei sie sich nicht nehmen j ließen, die Kinder, die mitunter rechte Nimmersatts; waren, selbst zu bcwirthcn. Es war wirklich eine : Freude, dies mit anznsehcn. Auch Herr und Frau! Direktor Hirsch hatten sich noch im Lause des Mittags