Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1884)
- Article
- Deutschland : Inowrazlaw [Nachricht]
- Date
- 1884-05-29
- Page
- 347 (sequence 2)
- Language
- German
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zum Sonnabend ist hicr auf dem jüdischen Begräbniß platze eine ruchlose That verübt worden. Etwa zwanzig Leichcnsteine sind mit der Untermauerung von den Gräbern geriffelt, ein kostbarer Stein zertrümmert und eine Grabstätte 'fast bis ans die Reiche aufgcgrabcn worden. Außerdem sind viele Köpfe von den eisernen Gittern abgcdreht und verschwunden. Die Gemeinde hat 100 dl. als Prämie Demjenigen zngesichcrt, der die Thättr anzeigt. * Stargardt (Preußen). Ucber den Skurczcr Mord wird dem ״Berliner Tageblatt" das Folgende geschrieben: ״Der ZJjährige Fleischer Joseph Behrendt ist vcrhcirathet und Vater zweier Kinder. Das Motiv der That ist noch nicht völlig aufgeklärt, doch neigt man zu der Annahme, der Mord sei' ans Fanatismus verübt, um die Inden, die hier an sich schon einen ungemein schwierigen Stand haben, unmöglich zu machen und ans der Gegend zu vertreiben. Für diese Auffassnug sprechen verschiedene von B. früher gemachte Aeußernngen, sowie auch der Umstand, daß B. der Erste war, der den Verdacht auf die Juden lenkte. Anläßlich einer Haussuchung beim Kaufmann Boß — einem gut beleumundeten, achtbaren Manne, den man als Komplizen des Joscphsohn betrachtete und gleichfalls einige Zeit in Hast hielt — gcbcrdctc sich B. geradezu rabiat, bezerchnctc das im Boß'schen Stalle gefundene Rindcrblnt als das Blut des ״geschachteten" Knaben und erschöpfte sich in unfläthigen Schimpfereien auf die Juden. Merkwürdigerweise hat gerade derjenige Zeuge, auf dessen frühere Aussage hin die Ver- Haftung des Josephsohn erfolgt war, jetzt auf die richtige Spur geführt, indem Herr Höst ihn durch cindringliche Ermahnung dahin brachte, der Wahrheit die Ehre zu geben. Dieser Zeuge, ein junger Arbeiter aus dem Nachbardorfe Koschc, war nämlich am 22. Januar, Morgens gegen 6 Uhr. wenige hundert Schritte von Skurcz und ganz in der Nähe derjenigen Stelle, wo drei Stunden später die Leiche des ermordeten Knaben gefunden wurde, einem Manne begegnet, der einen anscheinend schweren Sack auf dem Rücken trug. Die Umrisse des Sackes brachten den Zeugen auf die Vermuthung, daß ein geschlachtetes Kalb darin war. was um so wahrscheinlicher erschien, als er in dem Träger des Sackes den Fleischer Behrendt ans Skurcz Zweifellos erkannte. Als er nun von der Ermordung des Knaben Cybnla und der Auffindung der Leiche erfuhr, stieg ihm sofort der ganz bestimmte Verdacht aus, daß in dem Sack, den Behrendt bei der Begegnung mit ihm getragen, nicht ein Kalb, sondern die Leiche des ermordeten Knaben sich befunden habe. Dieser Verdacht wurde bei ihm zur Gewißheit durch den Umstand, daß in seiner Abwesenheit der Fleischer Behrendt bei seiner Mutter vorsprach und sich erkundigte, ob ihr Sohn gegen ihn (B.) oder gegen die Inden anssagen werde. Des Weiteren erschienen Abgesandte des B. bei ihm und machten ihm allerlei Versprechungen, wenn er aussagcn würde, er habe in dem Mann mit dem Sacke nicht den Behrendt, sondern den Josephsohn — der dieselbe Figur hat — erkannt. Der Bursche ließ sich in der That bestimmen und sagte gegen Josephsohn aus, während cs den eindringlichsten Ermahnungen Höft's gelang, ihn sowohl wie seine Mutter jetzt zur wahrheitsgemäßen Aussage zu bewegen. Behrendt leugnet zwar die Begegnung sowohl wie die That, bei der Gegenüberstellung aber haben Mutter und Sohn den Behrendt auf das Bestimmteste wicdererkannt und ihre Aussagen beschworen. Des Weiteren behauptete Behrendt, am Abende des Thattages (21. Januar) seine Wohnung nicht verlassen zu haben. Kommissar Höft hat aber zweifellos festgestellt, daß Behrendt gerade zu der Stunde, wo der später ermordete Knabe zuletzt auf der Straße gesehen worden, außer Hause war. Die Verhaftung Bchrendt's erfolgte des Nachts durch GcnSdarmen im Beisein des ersten Staatsanwalts Martins ans Danzig und des Kommissars Höft. Oesterreich-Ungarn. * Pest, 24. Mai. Die Ober-Staatsanwaltschaft erhielt gestern vom Gerichtshöfe in Nyircgyhaza das Urtheil des Obersten Gerichtshofes im Tisza-Eszlarer Prozesse zugestellt. Unter Einem wurden die Oorpora delicti der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt und werden dieselben — cs sind Knochenthcile der Dadaer Leiche — dem anatomischen Institute in Pest übergeben werden. Die Ober-Staatsanwaltschaft ertheilte zugleich dem Nyircgyhazaer Staatsanwalte die Weisung, die Exrotulirung sämmtlichcr 'Akten in diesem Müttstreproz'esse zu verlangen und dieselben der Ober- Staatsanwaltschaft znznsenden, damit gegen die schuldtragenden Organe der Untersuchung das Verfahren cingcleitet werden könne. A Prefjbnrg, den 18. Mai. In Ergänzung meines jüngsten Berichtes vom 4. v. M. zeige ich Ihnen an, daß der Preßprozeß gegen den ״Westnng. Grenzboten" wie die städtische Behörde von der -k. Staatsanwaltschaft verständigt wurde, Samstag den 24. d. M. stattsinden wird, und jener Artikel, gegen welchen die Anklage erhoben wird, vom — Pcstcr UniversitälSprofcssor Dr. Ncudvich verfaßt ist. Nach einer Version dürfte der k. Oberstaatsanwalt Dr. Kozma aus Budapest persönlich die Anklage vertreten. — Vorige Woche Samstag fand in der Synagoge der' israelitischen Kultnsgemeindc, anläßlich des HinschcidenS Ihrer Majestät der Kaiserin-Königin Marie Anna, ein Tranergottesdienst statt, welcher mit einer Gelcgcnhcitsrede Seitens des Herrn Obcrrabbiners endete.