Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 25. Mai [Nachricht]
- Date
- 1884-05-29
- Page
- 345 (sequence 1)
- Language
- German
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M 22 Jeschurnn. 345 Korrcspoüdtnzcn uub Nacijrichtctt.! Deutschland. Berlin, 25. Mai. Die Verehrung, welche die Herren Antisemiten den Inden;ollen, äußert sich ' manchmal in einer jo übcrsch.vänglichcn Weise, daß sie geeignet wäre, den Juden in der That stol; und anmaßend zu machen. Da schreibt kürzlich der ״Reichebotc" in dem Tone der unumstößlichen historischen Uebcrzengung das große Wort, die ganze Gesetzgebung der liberalen Acra trage das Gepräge des jüdischen Handels- und Kapital-Interesses. Der Herr Reichskanzler und die Minister, ja Seine Majestät der deutsche Kaiser mit seinen hohen Verbündeten mögen sich für diese neueste Entdeckung des ״Ncichsboten" bedanken. Der wesentlichste Faktor der Gesetzgebung sind doch diese hohen Würdenträger, welche es sich jetzt vom ״Neichsboten" sagen lassen müssen, daß die bedeutsamen Institutionen, welche sie dem deutschen Reiche gegeben, das Gepräge des jüdischen Handels- und Kapital- Interesses tragen!! Also auch die großen Justizgesetze! Wenn wir bescheidenen Sinnes dagegen Protest einlegen, so befinden wir uns gewiß in hoher, erlauchter Gesellschaft. — Es ist doch manchmal interessant, die Interna gewisser Kreise enthüllt zu sehen. Da geht der bekannte Londoner D. Korrespondent der ״N. Pr. Ztg." mit den englischen Missionsgesellschaftcn scharf in's Gericht. Er findet cs sehr tadelnswerth, daß diese nicht k la Stöcker 11. s. w. Vorgehen. Man sollte die Juden ״für ihre schwchicn Thatm" anklagen, sollte ihnen ״ebenso predigen wie allen anderen Sündern," sonst könnte ״das Christcnthnm die Inden nicht erreichen." ״Die Literatur der Londoner Gesellschaft für Bekehrung der Juden" sei aber ״sehr verderbenbringender Art, und ihre krankhafte Verehrung der (jüdischen) Rasse müsse Jedermann anekeln." Bcivcis: ״das praktische Resultat (der Gesellschaft) ist gleich Rull"; die Mission in Jerusalem habe für mehrere Jahre jährlich 5400 Lstr. 108 000 Mark ansgegeben und 22 Agenten seien dort stets beschäftigt gewesen — aber n i ch t eine einzige Bekehrung vom Jndcnthume sei zu verzeichnen. Wir akzcptircn dieses Geständniß dankbarlichst. — Der ״christliche Verein junger Männer" kündigte durch einen Anschlag am schwarzen Brett in der Eharilce einen Vortrag des Geheimen Obcrmcdizinalrath und Referenten im Knltusministcrimn, Professor Di׳. Th. v. F rerichs ans den!9. d. M. an. Dagegen proteflirte aber dieser berühmte Universitätslehrer ebenfalls am schwarzen Brett mit den Worten: ״diese Anzeige entbehrt jeden Anhalts, da cs mir nie eingefallen ist, mich mit derartigen Sachen zu befassen." Das ist doch klar und unzweideutig. Was hat cs aber zu bedeuten, wenn bald darauf derselbe Professor von FrcrichS wiederum am schwarzen Brett mit seiner Unterschrift lnndgicbt: ״Meine Erklärung in Betreff des ,christlichen Vereins :unaer Männer׳ beruht auf einen bebai!er!idjcn Irr Ui um meinerseits"?'? Hat sich Herr Dr. v. Frcrichs so schnell eines Besseren besonnen, oder wußte er zuerst nicht, was ihm ״eingefallen"? Welche Einflüsse sind hier tut Spiele, daß ein so hochstehender Mann sich innerhalb weniger Tage so gänzlich ändern konnte?? Es giebt dies Mancherlei zu denken. K. Brr litt, 21. Mai. Die Ansdehnnng, welche der Verein ״Esra", Sammelbüchse für Palästina, nimmt, übersteigt alle Erwartungen, da bis zu dem!8. d. M. 2350 Mitgliedskarten ansgegeben waren. DaS Zentral- Komitee veranstaltet eine allgemeine gemnthlichc Mitglicder-Versammlmig. welche Sonnabend, den 24. d. M., im ״Hotel de Sape" in Berlin, Abends 9 Uhr, stattfindet, und von der man die günstigsten Folgen für das Gedeihen des Vereins erwartet. DaS Zentral- Komitee, welches in dieser Woche die ersten 150 Mark an Herrn Dr. Salvcndi abgesendct hat, bedauert, daß die Nachrichten von palästinensischen Vereinen ihm nur spärlich zugehen. 4.0. Frankfurt a. M, ר״ה פיון. In dem benachbarten Offenbach a. M., einer Gemeinde von zirka 250 jüdischen Familien, kommt außer an Sabbath- und den Festtagen selten ein Minjan in der Geincindc- Synagoge zusammen, so daß, wenn Jemand der Pietäts- Pflicht zu genügen, am Jahrzcitstage der Eltern Kaddisch sagen will, entweder privatim dafür zu sorgen, oder nach auswärts sich zu verfügen genöthigt ist. Ein beredteres Srrciflicht, wohin das Wirken der Nesorm- Rabbiner geführt בלהות השוד אה ירק השרה, bedarf cs wohl nicht. Ein solches wäre wohl geeignet, zu der Erkenntniß zu führen, daß man bei jeder Neuwahl eines Rabbiners mit allen Kräften und Mitteln dahin zu streben habe, nur einen bewährten, gesctzestreucn und gesetzeskundigen Führer zu ernennen. Nur dann wird den! Unheil der seit fünfzig Jahren vcgctirenden sögenannten Reform wirksam begegnet und unser irregeleitetes Volk feinem wahren Ziele!vieder zngeführt werden können. Nur dann wird die alte Begeisterung wiederum die Herzen erfassen und wie vor 3200 Jahren am flammenden Sinai der alte Ruf aufs Neue in Israels Lager einmmhig erschallen: 'בל אשר דבר ר נעשה ונשמע. W. FranrfurL a. M-, 23. Mar. Der israelitische Verein zur Ermöglichung des Schulbesuches unbemittelter Kinder nahm im verflossenen Jahre an Jahrcsdcrirägen 2 577 Mark und an einmaligen Beiträgen 2939 Mark ein. Dafür wurde Schulgeld für 125 Kinder bezahlt, und vielen wurden KlcidnngSstücke, namentlich Schnhwerk gespendet. Von den