Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-05-29
- Page
- 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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344 nicht selbst ängstigen, wenn uns die Güte Gottes Nrsachc zum zufriedenen Frohsinn gewährt. Du bist doch . nicht etwa unzufrieden?" setzte er sorglos neckend hin;!!. Die Zuversicht athmcnden Worte Gabriel's halten Leah's trübe Stimmung rhcitweise verscheucht. ״Wie Du nur so leichtfertig scherzen magst," versetzte sie saust verweisend. ״Um Gottcswilleu," rief Gabriel mit komischer Besorgniß, ״nur nicht schmollen, nur jetzt nicht! Be׳- schleunigen wir lieber unsere Schritte, sonst fürchte ich, daß wir vor Anbruch des Abends nicht unser Lieblings- Plätzchen erreichen können. Du bist doch einverstanden, daß wir dorthin gehen?" Leah nickte beistirmncnd und Beide schritten durch die Gartenthür, quer über das Thal -den Weingärten zu. Bald befanden sie sich ans den sanftansteigcuden Ncbcnhiigeln, zwischen mannshohen Ncbcnslöckcn dahinschreitend, die mit goldenen Trauben reich behängen waren. Nach kurzem Aufwärtssteigen gelangten sie zu einem Punkte, wo der sanfte Hngelabhcmg in ein schwach gewölbtes Plateau übergeht, das sich bis zum Fuße jenes bewaldeten Dergriescn erstreckt, welchem der Hügel zum Postament dient, hier war ihr Lieblings- Plätzchen. Auf der sich weit in's Nebcngebiet erstreckenden Fläche stand ein alter dichtbelaubter Nußbaum, und etwas tiefer hinein eine rohrgcflochtcne Winzcrhütte, über und über von Nebengewinde umrankt, die nach den damaligen Begriffen ein recht komfortables Lust- Haus war. Ost schon hatten sic hier im lauschigen Schatten des Baurncs ansgcruht und Thal und Gcbirg mit den wunderlichen Gebilden ihrer webenden׳ Phantasie bevölkert, oft schon hatte der alte Nußbaum ihren! Geplauder gelauscht und dasselbe mit sanft raschelnden Blätterzungcu leise nachgelispelt. Auch jetzt ntachteu sie hier Halt und überblickten abermals die unvergeßliche Stätte glücklicher Stunden. Bon hier aus konnte das Auge weitab in die wellige Ebene hinnnterblicken. durch die sich das Flüßchen wie ein glitzernder Silberfaden in mannigfachen Windungen hinabschlängcltc. Drohend und stolz blickte die Burg vom jenseitigen Felsenvorsprungc auf die zu ihren Füßen liegende Stadt und Gegend herab, und ihre hohen Bogenfenster leuchteten gülden im Scheine der schräg fallenden Strahlen der Sonne. ״Ach, wie schön wäre cs." flüsterte Leah, auf den Arm Gabriels gestützt, ״wenn das Lebensende des Menschen diesem harmonischen Ansflackern des Tages- Uchtes ähnlich wäre; wenn die Lebensgeister wie die Sonne mit einem letzten Purpurkusse.von de׳.u Schauplatze ihres tagclangen Wirkens Abschied nehmen könnten, um sich in glücklichere Regionen emporznschwingm!" ״Ich ließ mir sagen." cntgegnete Gabriel, ״daß das Lebensende edler, tugendreincr Menschen wirklich einem solchen harmonischen AnSflackern gleicht. Aber, Du scheinst Deinen Trübsinn noch nicht ganz loS geworden zu sein. Wie fällt Dir gerade jetzt der Tod ein? Verscheuche doch diese Gedanken und schnrälerc Dir nicht den ungetrübten Genuß unseres Glückes!" ׳״)licht doch," versetzte Leah leise, den Lockenkopf schüttelnd, ״Du irrst, wem! Du aunimmst, daß die mich beschleichende melancholische Stiutmung den Genuß unseres Glückes schmälert. Gott mag wissen, worin cs liegt, daß die Natur deS Menschen sich zmn Genüsse eines vollkommenen Glückes so schlecht eignet, und ich fühle recht gut, daß wir dessen erst im jenseitigen Leben theilhastig werden können. Unser körperliches Auge wird von zu großer Lichtfülle geblendet, ein dämpfender Schatlenünftng mactjt dieselbe dein Sterblichen erst erträgtich." ״Du bist das wunderlichste aller Mädchen," sagte Gabriel, indem er sich ans das schwellende Moos niederließ und sie sanft zu sich niederzog. Der Anblick des vor ihnen sich ansbreitenden herrlichen Panoramas fesselte ihre Aufmerkjamkeil. Nach und nach aber erlosch der Golüschinimer auf den großen Fensterscheiben der Burg, den Bergen waren die Purpurkrönen vom hochragenden Haupte gefallen, und ein feiner Silberuebcl fing an, über Ort und Thal heraufzudämmern. Hell, als wollten sie die säumigen Sterne .aufwecken, erschallten in der Runde die Glocken der ans den Wäldern thalivarts heimziehcnden Hcerden, und in der Ferne ertönten die melancholisch gedehnten Weisen eines slovakischen Volkslieds, von einem heimkehrcnden Hirtenknaben gesungen. — Herrlich bist du zu schauen, göttliche Natur, wenn die milden Schleier der Abenddüttunerilng über dich herabwallen und du mit dem rosigen Lächeln eines unschuldigen Kindes dein Nachtgebet lispelnd zum Leuker der Welt cmporsendest! Engclein flöten dir Schlummerlieder und zaubern den herrlichen Traum eines diamantübersätcn Nachthimmels vor deine geschlossenen Augen herauf. Deine ganze Herrlichkeit in dieser Stunde kann nur ein liebendes Mcuschcnherz ahnen, sei cö, daß seine Gefühle ein einzelncs Wesen umklammern, oder daß es in seiner Umarmung die ganze Welt ciufchließt. Abseits von denr in glückliche Schwärmerei versnnkencn Paare, in der Richtung der Winzcrhütte, raschelte cS vernehmlich und ein tiefer Laut scheuchte dasselbe aus den: Reiche der Illusionen auf. ״Was war das?" frug Leah zusannnenschauernd. ״Kehren wir nach Hanse zurück, die Nacht ist ohnehin nicht mehr fern!" (Fortsetzung folgt.)