Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-06-05
- Page
- 367 (sequence 2)
- Language
- German
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367 bin weit entfernt, für meine freie religiöse Anschauung in Ihnen einen Proselyten zu suchen; glaube» Sie, hoffen Sie, warten Sie, wie es Ihnen gmdnukt. Aber zu meiner praktischen Lebensweisheit möchte ich Sie belehren. Einem jungen Manne steht die Resignation schtecht an. Und noch dazu einem solchen, der, wie Sic, voller Hoffnung im Gefühle der eigenen Kraft ans einem Gebiete streben kann, welches fernab von solchem melancholischen Grübeln liegt. Ich freue mich Ihretwegen, daß Sie sich gerade der Mathematik zagewendet haben. Werfen Sie von sich die Träumereien Ihrer Jugend, werden Sie ein großer Mathematiker, Sie haben die Befähigung dazu. Lassen Sie die theologischen Streitfragen und Tüfteleien ans sich beruhen, Sie sind wahrlich zu etwas Besserem berufen. Leben Sic Ihrer Wissenschaft und genießen Sie das Leben, so lauge das Blut frisch und fröhlich durch Ihre Adern rollt. Vertagen Sie die Lösung Ihrer Zweifel auf die spätere Zeit des Alters, wenn Sie atödann noch Lust dafür in sich verspüret!, was ich allerdings kaum glaube. Sie sind unabhängig, ja reich und der einzige Sohn. Ihr Vater wird Ihrem veränderten Entschlüsse kein Hinderniß bereiten. — Doch, ich habe schon zu lauge verweilt. Lassen Sie sich recht bald bei mir sehen." ״Dem ist die Theologie auch gründlich verleidet," sprach Marlow für sich, als er auf dem Wege zum Justizgebürrde begriffen war. ״Er ist wirklich ein ganz ausgezeichneter Mensch, und ich habe ihn aufrichtig lieb. Ihm aber und mir ist viel wohler, wenn er einen Professorstuhl imtc hat, als einen Nabbinalssitz." — Die Hochschule befand sich in einer gewaltigen Aufregung. Einer ihrer Dozenten hatte eine Schrift verfaßt, in welcher die Grundanschanuugcu der ״Richtuug", welcher — nach der Meinung des Dr. Burgwald — die Zukunft gehörte, in einer Weise dargelegt wurden, daß dem kundigen Auge deren wahre Tendenz nicht länger verborgen bleiben konnte. Freilich war diese Schrift in hebräischer Sprache erschienen und dadurch dem Verftäudniß weiterer Kreise entzogen; freilich hatte sich der Verfasser auch noch immer bemüht, nach der Manier der ״Schule" seine wirkliche Anschauung möglichst zu verhüllen; aber bei der ganzen Anlage des Werks war es unmöglich, diese Vorsicht immer walten zu lassen. Es hatte sich aber ein Gelehrter gefunden, der in klaren offenen Worten eine eingehende Kritik an dieser Schrift übte mib deren wahre Tendenz intb innere Unhalrbarlrit in streng wissenschaftlicher Weise aufdockte. Der Rezensent ging aber noch weiter und scheute sich nicht, die Konsequenzen aus dieser Kritik zu ziehen. Der Verfasser war der bedeutendste Lehrer an der Hochschule und insbesondere der Lehrer der cigeuttichen Mligionswifsenschasten. Die Hochschule war stolz auf diesen Mann und verehrte in ihm den hauptsächlichen Träger ihres Geistes. Der Rezensent machte mm daraus aufmerksam, welchen Ansichten die zukünftigen Rabbiner, die Hörer der Hochschule, huldigen müßten, wenn sie in der Anschauung ihres vornehmlichsten Lehrers herangebildet werden würden. Er wies auf die Gefahren hin, die den Gemeinden' drohten, wenn diese Lehre von der Nichtgöttlichkcit der Tradition 11. s. w. in die Schule getragen würde, und deckte schonungslos die bis jetzt mühsam bewahrte Zwitterstellung der von Anrgwald und seinen Freunden cingcfchlagcnen Richtnng ans. Man kann sich denken, welcher Sturm dadurch hcrausbeschworen wurde. Die Hochschule fühlte sich in ihren Grundvesten erschüttert; die Freunde derselben traten in Bcrathuug, wie diesem Angriff am wirksamsten zu begegnen wäre. Wenn die Enthüllung des Prinzips der Hochschule und ihrer Partei in der Thal den Gemeinden die Augen öffnen sollte über das unwürdige Spiel, welches schon seit geraumer Zeit mit ihrem Hcüigthiunc getrieben wurde, und sie sich ermannen wollten, um von ihren Lehrern und Rabbinern die Lehre des Judenthnms und deren praktische Bcrwirklichnng zu verlangen, dann — so wurde gefürchtet — würden viele Rabbiner in die Lage versetzt werden können, endlich einmal Farbe zu bekennen und, das gewohnte Geleise der Phrase verlassend, sich unzwcideutig über ihre Stellung zum Iudenthum auszüsprechen. Das wäre aber den Meisten sehr unbequem gewesen. Es galt deshalb, unverzüglich eine großartige Thätigkeit zu entwickeln, um den kühnen Angriff durch die Wucht und Uebcrmacht der eigenen Truppen sofort abzuschlagen. In dieser allgemeinen fieberhaften Hast, den die Hörer der Vorlesungen in ihrer nächsten Umgebung gewahrten, glaubten sie nicht hinter ihren Meistern Zurückbleiben zu dürfen. Die Senioren der Studirenden erließen eine Einladung an alle Schüler, sich am Abend in der Aula der Hochschule zu versammeln, um eine Kundgebung zu verfassen, in welcher die sludircnde Jugend die angegriffene Ehre ihres verehrten obersten Lehrers schützen und wahren und in wirksamster Weise vcrtheidigen wollte. Auch David erhielt eine solche Aufforderung. Er war anfangs nicht Willens, derselben Folge zu leisten. Die.Kollegen, welche in ihm aber den hervorragendsten Studirenden erblickten, legten einen besonderen Werth daraus, seine Mitwirkung bei dieser Kundgebung nicht zu missen. Adolph Burgwald fand sich bei ihm ein, und seinen eindringlichen Vorstellungen gelang eS, von ihm die Zusage zu erhalten, der heutigen Versammlung nicht fern zu bleiben. (Fortsetzung folgt.)