Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1884)
- Article
- Österreich-Ungarn : Aus Ober-Ungarn [Nachricht]
- Date
- 1884-06-05
- Page
- 363 (sequence 2)
- Language
- German
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363 war, da vorher das gntmüthigc ungansche Volk mit! seinen jüdischen Mitbürgern in Frieden und Eintracht lebte. Diese Worte fanden die allgemeinste Zustimmung. Daö Erfreuliche hierbei ist, daß solche Kundgebungen eben von BolkSschullehrern geschehen, welche einerseits die Volksstimme kennen, und andererseits wieder vermöge ihrer Stellung in der Lage sind, das Volk auszuklärcn. In der That kann man den ungarischen BolkSschullehrern durchaus keinen Vorwurf machen, Antisemitismus-Schwindelei getrieben zu haben, während so manche Professoren an höheren Schulen mit demselben zu liebäugeln begannen, so daß der Herr Kultusminister sie in einem besonderen Erlasse an ihre Pflicht ermahnte, und sie vor solchen Wiederholungen warnte. Möge das Verhalten der wackeren VolkSschnllchrer überall Nachahmung finden. Obige Acußcrnngcn der Volksschullehrer gegen JsUiczi mögen auch viel dazu bcigctragcn haben, daß die am 25. Mai von seinem Gegenkandidaten, Baron MikcS, vor mehr als 1100 Wühlern gehaltene Programmrede, worin er die traurigen Folgen und Befürchtungen der Antiscmitenhetzen darlegte, mit großer Begeisterung anfgcnoinmcn wurde. Auch in Onody'S Wahlbezirk, H.-Nnnas, ist eine bcdeutende Gegenpartei ausgetreten, die seine Wiederwahl sehr zweifelhaft macht. So sind schon einem großen Thcile dcS ungarischen Volkes die Augen gcvfsnet, die Erkenntniß bricht sich Bahn, daß die Antisemiten- Rädelsführer nur das Volk demoralisiren wollen, um es zur gelegenen Zeit zu Exzessen im Großen und Allgemeinen benutzen zu können. Denn aus Antisemiten können gar leicht Antichristen, Sozialisten, Anarchisten und Nihilisten werden. ES ist dies so, wie der Talmud sagt: ביון שניתן רשות למשחית. Die Folgen der durch die Antisemiten bereits lim sich gegriffenen Demoralisirung zeigten sich zur Genüge durch die in mehreren Bezirken bei den Vorwahlen stattgesnndencn schmählichen Ausschreitungen gegen sonst verdienstvolle und ehrenhafte Personen, selbst dort, wo cS sich gar nicht um Antisemitismus handelte. ES wagte so Mancher als Kandidat aufzutrctcn, der gar kein anderes Verdienst hat, als: sich als ״Antisemit" zu gcriren.— Da bewahrheiten sich buchstäblich die Worte des Talmuds Tr. Gittin56: בל המצר לישראל נעשה .ראש. Jeder, der Israel bedrängt, wird ein Anführer, um gegen sonst anerkannte Persönlichkeiten zu Felde zu ziehen und eventuell zu siegen, Wer es mit dem Vaterlande ehrlich meint, der bckäinpse den Antisemitismus. Das sehen auch alle wahren Patrioten ein. . r. Oedenburg, 31. Mai. Die diesjährige Feier des Wochcnfestcö wurde durch den hohen Besuch, dessen sich unsere Stadt zu erfreuen hatte, besonders gehoben. Unser vielgeliebter König. Kaiser Franz Joseph, beglückte seine getreue Stadt Ocdcnbnrg mit seiner hohen Gegenwart. Aller Herzen wandten sich dem theureu Herrscher in Liebe zu, und ans aller Munde erscholl der Iubelrus zur Begrüßung dieses wahrhast väterlichen Monarchen. In gewohnter Huld empfing der Kaiser die Deputationen der verschiedenen Körperschäften, unter welchen and) diejenige der israelitischen Gemeinde nicht fehlte. Er richtete an dieselbe folgende Ansprache, welche ein beredtes Zeugniß seiner landcSväterlichen Liebe und Fürsorge ablcgt. Seine Majestät sprach in seiner ebenso leutseligen wie ernsten Weise: ״Seien Sie versichert, daß sich Meine königliche Gnade und Mein Schutz auf alle Klassen Meiner Völker ohne Unterschied der Konfession anSdehnt, und 'indem Ich den Ausdruck Ihrer treuen Anhänglichkeit gnädig annehme, wünsche und erwarte Ich ebenso aufrichtig, daß der Friede, die Brüderlichkeit und Eintracht in Ihrem Kreise stets aufrecht erhalten bleibe, und daß auch Ihre Glaubensgenossen die Früchte ihres Fleißes mit den durch die Gesetze gewährleisteten Rechten ungestört genießen können." — Die katholische Geistlichkeit hatte er mit folgenden Worten bedacht: ״Nachdem Mich die Vornahme eines religiösen Aktes in einer wohlthütigcn Erziehungsanstalt hicrhergeführt hat, empfange Ich mit Freuden in erster Reihe die Diener unserer heiligen Religion, und von Ihrer Treue überzeugt, versichere Ich Sie, daß eS Mir stets zur Freude gereichen wird, wenn Sic durch eifrige Erfüllung Ihres Berufes dahin wirken, daß die religiöse Moral und das WohlthütigkeitSgefühl, sowie auch der Friede und die brüderliche Einigkeit in der Bevölkerung befördert und gepflegt werden." Ich beeile mich, Ihnen diese wahrhaft köuiglichen Worte noch am Abend, des Festes mitzutheilen. Dieselben werden in allen Kreisen der Iudcnheit den freudigsten Widerhall finden. * Pest, 31. Mai. Mehrere Tage lang spielte vor dem hiesigen dclcgirten Strafgerichte ein Monstre- Prozeß gegen die Urheber und Theilhabcr au den antisemitischen Unruhen in Vihnye und PeSzcrenh ab. Den Angeklagten standen Ex oMeio-Vertheidigcr zur Seite. Heule fällte der Gerichtshof folgendes Urtheil: Joseph Litava wurde wegen Verbrechens des Aufruhrs als Thäter nach den §§ 1 ןm^ 1 ~י’נ des Strafgesetzes, sowie wegen Verbrechens der schweren körperlichen Verlctzung zur Gesammtstrafe von 4 Jahren Kerkers mit Eiurechunng der viermouatlichen Untersuchungshaft und zu 5 Jahren AintSverlust; Anton Staudinger wegen Verbrechens des Aufruhrs zn 2 Jahren Kerkers und 4 Jahren AintSverlust; Karl Scheich, als Anstifter zu demselben Verbrechen zn 4 Jahren Kerkers und 5 Jahren AintSverlust; Kart MahaeS, als Anstifter, zu 3H2 Jahren Kerkers und 5 Jahren AintSverlust; Joseph Szamol, als Thäter, zu Jahren Kerkers und 5 Jahren AnitSverlnft; Franz Stnbnya, als Thäter, zn 2 Jahren