Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1884)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1884-06-05
- Page
- 362 (sequence 2)
- Language
- German
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brachte Grüße vom Ritter von Schönerer. Der Lctziere wünschte ihn;um Kollegen im Reichsrath: mit PaUai vereint, getraute er sich, das Jahrhundert in die Schranken;n fordern. Und deshalb wurde eine Wahlschlacht in Szene gesetzt, die der braunen Söhne der Pnßm, unserer trauslcilhanischenBrüder, werth sein könnte. Dao Banner des Antisemitisnuis wurde anfgchißt mit der Devise ״Hoch das praktische Ehristenthnm!" und zur näheren Erläuterung das Fcldgeschrci ausgcgcbcu: .,׳.tkicder mit den Juden!" In!100 signo vince.s. sprach Schönerer zu Pattai am Vorabend der Schlacht, und siegeogcwiß legten die tapferen Kämpen ihr edles Haupt zur Ruhe, um am anderen Morgen, als das Dioslnrenpaar des österreichischen Antisemitismus im Neichsrathc zu erscheinen. Armer Kastor-,Schönerer, du bleib!! einsam, deinem Zwillingsbrudcr Pollux- Pattai verschließen sich die Pforten des Reichsraths! Was nützte cs, daß Ihr den Mob von Wien und die Straßenjngend um eure Fahne schaartct und in deren Gefolge zur Wahlurne schrittet? Vergebens habt ihr jenen armen polnischen Inden in Mariahilf aufgcgriffen, um an ihm euer praktisches Christenthnm als ״Schlagt den Inden" der euch bewundernden Welt ad «iciilos zu demonstrircn, vergebens war euer Mühen, euer Tnmnltnircn, Schreien und -Hetzen! Die Bürger Wiens haben euch den. Rücken gekehrt und damit gegen die Rohheit des Antisemitismus, als dessen Apostel ihr euch anfspicltet, feierlichen Protest eingelegt. Herr Reuber hatte wahrlich recht, wenn er in seiner Anspräche betonte: es wäre eine Schande und Schmach für Sestcrreich und Wien gewesen, wenn eine Partei obgesiegt hätte, welche an Stelle der mühevoll errungenen Freiheit ׳and Gleichheit den Rassenhaß auf ihre Fahne geschrieben hat. *||* Pest, 28. Mai. Am 24. d. M. sprach sich ׳Karl Eötvös in einer Wählerversammlnng über den Antisemitismus folgcnderinaßcn aus: ״Heutzutage ist eine cigenthümliche Gcistcsströnw.ng oder Leidenschastsslrömimg in Mode, die man Antisemitismus nennt. Ich will die Frage nur berühren, viel spreche ich von ihr nicht, denn nur, die wir hier sind, wir kennen sie nicht. Ich wäre vielleicht kompetent, über diese Frage zu sprechen. So viel will ich sagen, daß hinsichtlich dieser cigenthümlicheu Erscheinung ich selbst lange in einer Täuschung besangen war. Ich glaubte, daß der Antisemitismus in der That das sei und nichts Anderes. Ich glaubte, daß, wenn einige Apostel unseres Volkes, die aber eben von diesem nicht als Apostel anerkannt werden, verkünden: ״Haut den Juden!" daß sie in der That nichts Anderes wollen, als daß die Inden gehauen werden. Ich glaubte, daß, indcn! sic die Leidenschaften des Volkes anfstacheln, die Helden des Antisemitismus dies Einemal aufrichtig vor dem Volke erscheinen und in der That Antisemitismus verkünden. Indcß, die Sache verhält sich nicht so. Und wer dies glaubte, täuschte sich, wie anfangs ich. In jenem AntisemitismuS liegt ein Haufe Sozialismus, Agitation gegen das Kapital, das Resultat der Arbeit — im Anslande nennt man daö nicht Antisemitismus, sondern man nennt das Kind bei seinem Namen. Wenn die Apostel bei uns in der Somogy und weiß ich sonst wo damit au [treten, daß sie das Kapital angriffen, dann könnten unsere Magnaten, unsere Bischöfe leicht merken, daß hier eigentlich nicht der Jude bedroht sei, sondern sie selbst, denn das Kapital, namentlich das todtc, befindet sich eigentlich mehr in ihren Händen. Unter dem Titel Antisemitismus wird nicht für jene unglücklichen Antisemiten etwas im Lande vorbereitet, sondern für die Anhänger des Konfessionalismus: die Sicherung der einen oder anderen Kirche, die Reaktion, die Bcschneidnng gewisser Bürgerrechte. Würden die Betreffenden dies jedoch aufrichtig sagen, so würden ich, der ich z. V. Protestant bin, und mit mir die An- Hanger der in Minderheit befindlichen Konfessionen sehen, uin was cs sich handelt, und sie würden sagen: Halt, das darf nicht sein, denn dies ist nicht allem ein unmenschliches, sondern auch ein gottloses Streben. Nicht Jeder ist ein Antisemit, der da ruft: ״Haut den Inden!" er will etwas Anderes. Das Wahre ist die konservative, ulirarnontane, reaktionäre Ströumug. Der Antisemitismus ist nichts Anderes, als blinder Lärm. Und es wird gut sein, wenn unsere christlichen und jüdischen Mitbürger dies gleichmäßig erkennen werden. Dies ist die eine Frage, die im nächsten Reichstage anstreten dürfte, nicht in der Gestalt des AntiseminsmuS, sondern in anderer Form, als Agraris-!uns, als Frage der öffentlichen Fnudationen, in Form von Adclsrechten. Allein, anftanchen wird sie, denn dies ist nichts als Kniff, aber nicht die Wahrheit selbst." .R. Aus Ober-Ungarn. Wie sehr der Antisemitismus sammt seinen Rädelsführern zu sinken beginnt, zeigt der Umstand, daß in Egervür. im Wahlbezirke Jstoczi's, als der dortige Schulmeister, Georg Farkas, sein 25jähriges Amtsjubilänm feierte, bei welchen! 43 Lehrer zugegen waren, sie sich dahin aussprachen, daß sie die neue Kandidatur Istoczi nicht unterstützen werden. Ein Lehrer fragte unter Anderem: Was verdanken wir dem Istoczi? Was hat er für den Bezirk oder für das Land gethan? Dem Lande hat er Schande gebracht, dem Bezirke nur Schaden. Er hat höchstens das Verdienst, daß in unserer Nachbarschaft, in Zala-Egcrszeg, mehr als hundert arme Landleute säst seit einem Jahre ihre Vernrthctlnng erwarten. Denn die daselbst seiner Zeit stattgchabten Räubereien und Schlägereien geschahen nur in Folge der Aufreizung der Antisemiten, deren Urheber Istoczi