Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-05-22
- Page
- 335 (sequence 2)
- Language
- German
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335 Jünglinge waren cisrigst bemüht, nach dem Muster und dem Vorbild ihrer Meister in dem weiten Gebiete der jüdischen Wissenschaft zu forschett und, wie sic vermeinten, selbstständig zu arbeiten. Die jungen Veute fühlten sich glücklich in diesem T eiben mit! trugen, gleich den Meistern, das Haupt sehr stolz in dem Bewußlscin ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Größe. Die dünktcit sich als Träger einer neuen Wisseiiscbast, und Begründer einer neuen Acra der jüdischen Geschichte, vor deren Glanz alle vorangegangcueu cr> bleicüen mußten. Jede Abhandlung, welche von Meistern und Jüngern in der als Organ der Hochschule geltenden ,,Indisch-theologischen Zeitschrift" erschien, wurde al$ eine großartige, epochemachende Thal bewundert und deren Lob mit vollem Munde überall verlnndct. Welche Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit barg doch die jüdischtheologische Wisstuschast in ihrem Schooßc, und wie groß und erhaben mußte der Geist des Rektors und der Dozenten der Hochschule sein, nn! so Herrliches nicht nur zu schassen, sondern auch in der kurzen Spanne weniger Jahre unter der Jüngerschaar zu fördern. Wer hatte geahnt, daß der alte, abgestorben gewähnte Stamm ralnindischer Weisheit noch so frische, junge prangende Blüthen zeitigen könnte! Ja, es waren bedeutende Männer und sie erzogen bedeutende Männer; aus der Hochschule konnten ja nur bedeutende Männer hervorgehen. So ungefähr lautete das Unheil der guten Thalborner, welche des Glückes lheilhastig gcworden, diese fruchtbare Pflanzstätte in ihrer Mitte zu staben und durch den Verkehr mit den Herren Dozenten, mehr noch, weil allgemeiner, mit den Herren Studiosen ebenfalls zu einer Bedeutung gekommen sich fühlten. Die ganze Atmosphäre war mit Wisscnschast getränkt. Welcher Abstand zwischen dem Ehemals und den! Jetzt einer jüdischen Hochschule, sowohl bei Lehrern wie Jüngern. Der Rabbi hatte sich in Rektor und Prosessor metarnorphosirt. der Bachnr in Studiosus und Hörer, das Bibel- und Talmudstndinm in Epcgese, Kritik. Spra-ckvcrgleichnng historische Forschung 11. s. w. Eine Zeitlang hatte sich auch David diesem wissenschastlicben Streben angeschlossen, aber er fand in dem selben keine Befriedigung. Er war eine zu tief äugelegte Natur und besaß zu gründliche Kenntnisse, um nicht bald zu erkennen, daß unter der glänzenden Oberstäche dieser Wissenschaft' sich vornehmlich die hohle Phrase verbarg und das emsige und anscheinend ernste Forschen mit dem aufrichtigen Streben nach Wahrheit nur wenig gemein hatte. Nicht die Erkenntnis; und das Berstündniß waren der eigentliche Zweck des Forschens, sondern Eitelkeit und Ehrsucht waren der mächtige Sporn und die Auffindung einer glänzenden Konjektur, die Aufstellung einer kühnen Hypothese das Ziel. Geistreich galt mehr als wahr; man sprach in den Kreisen nicht von der Entdeckung einer Wahrheit, sondern von einen! geistvollen Einfälle, von einer glücklich durchgeführten Hypothese. Und um was handelte es sich bei den meisten dieser wissenschaftlichen Forschungen'? David machte die Wahrnehmung, daß es im Grunde nur Themata von untergeordneter Bedeutung waren, die man zum Studium sich erwählte; daß aber kaum auch nur an einen Versuch gedacht wurde, den tieferen Gehalt des Indcmhnms zu erforschen. Unbcjriedigt wendete er sich von diesem Getriebe ab und zog sich auch immer mehr von den Kollegen zurück. Er nahm nur selten Theil an deren geselligen Zusammenkünften und wissenschafilichcn Zirkeln und, um den in ihm nagenden Zweifel;>1 betäuben, gab er sich statt diesen Spielercien, als welche er diese Art Wissenschaft betrachtete, dem Studium der Mathematik mit allem Eifer hin. Er begnügte sich damit, die obligatorischen Vorlesungen an der -Hochschule zu besuchen, deren er bald nur mit gctheiltcr Anstncrksamleit folgte, und widmete ' seine ganze übrige Zeit fast ausschließlich der Mathematik. In dieses Gebiet hatte die Phrase keinen Eintritt. Hier galt mir die Wahrheit, hier war jeder Zweifel ausgeschlossen; hier wurden alle Hypothesen mit nncrbittlicher Konsequenz ans ihre innere Berechtigung gcprüft, und was die Prüfung nicht anshielt, unnachsichtlich als unwahr verworfen. Es gelang ihm. eine schon seit längerer Zeit unbeantwortet gebliebene Preisfrage der Universität zu lösen und sich die Beachtung und Anerkennung der gelehrten 'Welt dadurch zu erringen. Die -Hochschule war nicht wenig stolz auf diesen glänzenden Erfolg eines ihrer Angehörigen, sie nahm für sich einen Theil des ׳Ruhms in Anspruch und verzieh ans diesem Grunde die auffällige Tsteilnahmlosigfeit, welche David für das Wirken und Schaffen in den Blättern der jüdisch-theologischen Zeitschrift hegte. Sic brachte in ihren Spallen einen besonderen Aufsatz über den ausgezeichneten jungen Gelehrten, den die Hochschule hcrangcbildet, und pries dessen Geistesschärfe und unbestechlichen Forscherblick als das Produkt ihrer Anleitung. ״So leistet die Hochschule nicht mir auf dem eigensten Gebiete Großes," schloß sie ihren Artikel, ״Herr Haller ist nicht nur ein ausgezeichneter Mathematiker, sondern auch ein ebenso bedeutender und gründlicher Kenner der talmudischen Literatur. Die Hochschule erblickt in ihm einen ihrer hervorragendsten Schüler." Als David dieses ihm und der Hochschule gespendete Lob schwarz ans weiß vor sich hatte, umspielte ein verächtliches Lächeln seine Lippen. Wußte er ja, daß er seine talmudischen Kenntnisse seinen Lehrern Klein und Grodnancr verdankte; die Hochschule hatte an ihm keinen Theil, ihr verdankte er nur die quälenden Zweifel seiner Seele. (Fortsetzung folgt.)