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Jeschurun · 1884-05-15 · Heft 20 (15.5.1884) · p. 319

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 20 (15.5.1884)
Article
David Haller
Date
1884-05-15
Page
319 (sequence 2)
Language
German
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319 beruft sich Einer auf des Anderen angeblich nnnmstößlichc Forschung 1111& Behauptung, der Eine zitt.rt den Kumpanen als Autorität und, bei dichte besehen, ist Alles eitet Schaum und Dunst, Blendwerk für die dummen, denkfaulen Rachbeter, Sand für die Augen der kurzsichtig Gläubigen. Da lobe ich mir den Rabbiner! unserer Refonttgeiiossenschaft. Derselbe hat viel umsassendcre talmndische Kenntnisse, als Dr. Bnrgwald mit dem ganzen Dozententolleginm zusammen; und weil er ein scharfer Kops und eilt starker Geist ist, der vor den Konsequenzen seiner wissenschaftlichen lieberzengung nicht zurncksehreckl, schettt cr sieh nicht, dieselben zu bekennen. Aut. aut; entweder ich nehme das ganze Zeremonialgesetz an, oder ich erkläre es für das Produkt eines überwundenen Standpunktes. Ist auch der Theil des Pentateuch, welcher Speiseverbvte, Rasiren, Schaatneß tt. s. w. enthält, ezöttlich und unverbrüchlich, dann haben die schwärzesten .der schwarzen Orthodoxen Recht; deren Jndenthnm ist ein wunderbares, »onsequcnt angelegtes und ausgesührtes Gebäude. Oder er ist es nicht, nun, dann habe ich Recht; die sogenannte just.e milieu aber ist ans jedem Fall im Unrecht. Sie will Rechtglänbigkeit mit Reform vereinigen, sie meistert die Gemara und die Mischna, sie leugnet die Göttlichkeit der mündlichen ^chre — bamit entzieht sie dein ral׳- nitidlschcu Jndenthnm den Boden unb tvitl sieh dennoch auf ihn stellen. Das ist heuchlerische Schwäche und Halbheit." Sv und ähnlich lauteten die Naisounemcnts, welche David nnanf Ijörlid) an hören mußte, ohne eine siegreiche Erwiderung zu finden. Es war aber nicht die inephistophelische Laune allein, welche Marlow zu dergleichen Anseinandersetznngcn veranlagte. Er verband mit der Zeit damit zugleich auch ein ganz praktisches, reales Streben. Es war ihm nicht entgangen, das; seine Reden bei David keineswegs einen unsruchlbaren Boden fanden, und da kaut ihm der Gedanke, das; es denn doch vielleicht nicht ganz unmöglich wäre, jenes durch das Wütter'sche Testa׳- ment den eigentlichen Erben entzogene bcdcnlcndc Kapital zu retten. Schau früher, als er in die reehtsamraltliehe Praxis cintrat und Einsicht von dem seltsamen Testament seines Großvaters, Samuel Winter, nahm, hatte er daran gedacht, die bei dem Borstande der israelitischen Gemeinde zu Hochfetsburg deponirtc Summe von hnnderttanseud Gulden für dicK iuder der drei Töchter des Erblassers za erlangen. Er behauptete, daß Winter unmöglich gewillt gewesen sein konnte, sein Vermögen anderen Personett als seinen .Kindern oder bereit Dcszcnden; zuzuwettdeu, und wenn in dein Testantente von einem Sohne seines Schwiegersohns die Rede sei, welchen! unter gewissen Voraussetzungen ein Prälegat Zufällen solle, so habe der Testator ganz unzweifelhaft nur einen Sohn seiner eigenen Tochter im Auge gehabt. Da aber nun diese Tochter, ohne einen solchen zu hinterlassen, verstorben sei, so falle das hinterlegte Kapital den natürlichen Erben anheim. Der Vorstand aber erwiderte, daß in der letztwilligen Verfügung ausdrücklich der Schwiegersohn, Joseph Haller, als derjenige bezeichnet worden sei, gegen welchen der Verstorbene eine besondere Verpflichtung gefühlt hätte und jenes Legat sei darum ausdrücklich dessen! Sohne und nicht dein Enkel des LcgatorS vermacht worden. Joseph Haller aber könne sehr wohl zu einer zweiten Ehe schreiten, so daß zur Zeit eine Veranlassung zur Ueberantwortnug jenes Kapitals an die Erben nicht vorliege. Marlow wußte dieser AuSführnng nichts entgegenzusctzcn, und hatte sich, nachdem in der Thal ein Legatar endlich vorhanden war, jeder Hoffnung auf einen Anthei! an das Kapital entschlagen. Wie aber, wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt werden sollten, wenn David Haller kein Rabbiner wurde? Dann fiel ihm, als dem einzigen Sohne der einen der drei Töchter Säumet Winter's, der dritteTheil des beträchtlichen Kapitals zu. Marlow war nicht reich. Sein Vater' hatte durch widrige Geschäftsverhnltnisse fast sein ganzes Vermögen eingebüßt und ihm nur ein Geringes hinterlassen. Er befand sieh allerdings in einer ganz anskömmlichen Lage, aber ein Drittel von hunderttausend Gulden würden ihm sehr tvillkotntnen sein. David erbte ohnehin mit seiner Schwester dereinst ein nngehenres Vermögen. Was er bis dahin ohne Nebenabsicht geübt, das geschah fortan mit einem bcwußtvollen Zwecke. Er wollte seinem Vetter die Augen öffnen über das Haltlose der Richtung, in deren Dienst er dereinst als Rabbiner zu treten gedachte. Er handelte ja damit nur nach seiner innersten. Ueberzcugnng. Wenn David dadurch veranlaßt tverden sollte, sieh einem anderen Studium znznweiiden, so war das eben ein besonderer Glücksfall für ihn. Er kannte seines jungen Vetters offene, biedere Gesinnung zur Genüge, um nicht über-;engt zu sein, das; derselbe lieber aus die Erfüllung eines seit früher Kindheit gehegten LebenSplanS verzirhtcn würde, als gegen die bessere Uebcrzengitrig zu handeln. Ein orthodoxer Rabbiner nach altem Muster würde er nicht tverden, dazu stack er allzusehr in der klassischen und philosophischen Wissenschaft; zur Reform ucigte er auch nicht hin, dagegen schützte ihn das Beispiel und die Gewöhnung des Elternhauses. Der Zweifel, welche! David'S Brust erfüllte, mußte einmal znm Ausdrucke koinmen; daß cr dann dem Rabbineramte Valet jagen würde, das war sontit fast gewiß. (Fortsetzung folgt.) Truckfehlerberichtignttg in Nr. 19: Seite 2(.tl. Spalte 2 Zeile 26 von oben statt ״beschleunigt" lies ״beschönigt".

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