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Jeschurun · 1884-05-15 · Heft 20 (15.5.1884) · p. 314

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 20 (15.5.1884)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1884-05-15
Page
314 (sequence 2)
Language
German
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314 landet gedachten, das; wenige Jahre später ihnen dieses Vaterland van denen, für die, als ihre Mitbürger, sie im heigen Straus:׳.׳ gerungen Hallen, nnrd nreitig geinacht und sie als Fremdlinge, die durch keine innere Beziehung mit i 1)111 verbunden feie! , lverden angeiehen werden. Heil ihnen, das; dies selnnerzliche Erlebnis; i ihnen erspart geblieben ist'. Wahrlich, die bitteren! Erfahrungen, die wir seitdem gemacht haben, sie wären! wohl geeignet, unseren (glauben daran, das; wir ein schirnrendeö Vaterland besitzen, zu erschüttern, alle biebe zu ihn! in uns erkalten tind jede Begeisterung für die Macht und Größe desselben verglühen zu lassen. Ist cs ja ein einfaches psychologisches Gesetz, daß jede liebende Neigung, da, wo sie auf Haß statt aus Gegenliebe trifft, in's Gegentheil ninschlagcn muß. Aber, Dank der atlgeincinen Zuversicht, daß der edeldentendc .Thci! des deutschen Volkes mit jener Feindseligkeit bertifstttäßigcr Hctzpredigcr nichts gemein habe, und daß es nimmer den! Truge und der B'lgc gelingen kann, über Wahrheit und Recht einen dauernden Tieg davon zu tragen, hat sich jene vergifteitdc, von der Tücke unserer Feinde beabsichtigte Wirkung an uns nicht vollzogen, ttnd bei aller Mißstimmung über gewisse Zustände, lieben wir nach wie vor das Vaterland und werben hoffnungsvoll nnr seine Gegenliebe. Das bewies die rege Thcilnahmc, die auch in jüdischen Kreisen die Feier der Denkmalsenthüllnng gefunden. Innig freuten sie sich des vollendeten Werkes, wie sie sich wetteifernd um seine Herstellung und Errichtung gentüht hatten, und cs gereichte ihnen;u besonderer Genngrhunng, daß ein angesehenes Mitglied ihrer Gemeinde dein engereit Komitee zur Errichtung des Denknials angehörte. Möge das eherne Gebilde, das s. G. w. noch lattge als eine Zierde unserer Stadt weithin erstrahlen wird, allen Bewohnern des Hannvvertandcs, wes Glaubens sie auch seien, eine stete Mahnung sein, daß sic, wie sie einig waren im Tode für die Väterliche Scholle, wie sie einig waren im Jubel über den gemeinsanten Trintnph, sie auch einig seien in der Arbeit des Friedens und in: Genüsse seiner theuer erkansten Segnungen! Das walte Gott! -a- Berlin, 0. Mai. ״Wie sich der Tonne Tcheinbild in dem Dunstkreis malt eh' sie kommt, so schreiten auch den großen Geschicken ihre Geister schon voran, und in dem Heute wandetr schon das Morgen." Wer kennt den Morgen? Der ahnenden und bangen Seele ist cs nicht vergönnt, den gcheimriißvollen Schleier zu lüften, welcher das Morgen den Blicken des Tages verhüllt. — In dem Heute ober liegt der Kein! des Morgen. Was soll ich cs leugnen'? Das Heute erscheint mir trübe und trübe darum auch das Morgen. Wenn ich gewahre, wie hier in der Metropole des deutschen Reichs nicht mehr als Spuk und Nachtunhold, sondern als lampfgernsteter Streiter mit Speer und r'anze an! Hellen Tage der Judenhaß auf offenem Markte wandelt und die Werbetrommel in lautem Wirbel schlägt, dann erwehre ich inich nicht des Gedankcns, daß wir an! Vorabend einer vielleicht langen trüben Phase in der Geschichte des jüdischen Ttammes stehen, wehrlos und ohnntächtig wie in früheren Zeiten, - vielleicht wehrloser und ohnmächtiger als je. Wollte Gott, daß jene recht hätten, die mich einen Pessimisten schellen!-— An: vergangenen Dienstag hat der Tladlverordnctc Herr Pickcnbach eine größere Versannnlung des achten Stadt-Wahlbezirks um sich in der Viktoria-Brauerei aeschaart und deren Zustimmung zu seinem bisherigen Wirten und seinen mit großen Beifall ausgenommenen Auseinandersetzungen empfangen. Was war es aber, das derselbe vorgetragen? DaS Mißverhältnis; der christlichen Schüler zu den jüdischen. Bei einem Bcvölkernngsvcrhültniß von 5 pEt. der jüdischen zur christlichen Bevölkerung betrage die Zahl der jüdischen Schüler in den Gymnasien 24 pCt., in den höheren Töchterschulen 30 pEt., in den Kommunalschulen bei den Knaben nnr 1 pCt. und bei den Mädchen pEt., und während die Kinder der evangelischen Bevölkerung von der städtischen Schul- Verwaltung nnr 00 Mark jährlich pro Kopf als Znschuß erfordern, die jüdischen Kinder einen solchen von lÖlOi Mark verursachen. Ist das nicht schrecklich, und erscheint da nicht das Dürgerthnm der guten Stadt Berlin in höchster Gefahr? Was läßt sich aber ans dieser statistischen Nachwcistilig folgern? Die jüdischen Einwohner Berlins geben sich größere Mühe und scheuen weniger die Kosten, ihren Kindern eine möglichst gediegene Bildung zu Thcil werden zu lassen; und man würde gewiß nichts einznwenden haben, wenn der besorgte Vater der Stadt sein Auditorium, die cvangelische Bevölkerung seines Wahlbezirks, ermahnte, den jüdischen Mitbürgern in dieser Hinsicht nachzuahnten. Weit gefehlt! Herr Pickenbach stellt die Forderung, daß angesichts dieser furchtbaren Thatsachc die Aufnahme der jüdischen Kinder in die slädischen Schnlanstalten nach Maßgabe des Prozentsatzes, welchen sic und ihre Eltern an der gesammten Bevölkerung Berlins bilden, beschränkt werde, weil ansonsten der ,.deutschen" Bevölkenuig eine höhere Bildung abhanden kommen und auf die ״jüdische" übergehen werde! Und für eine solche Ausführung erntet Herr Pickcnbach Dank und Beifall, und kein Einziger ist in der zahlreichen VersamnUnng vorhanden, welcher gegen die Scheidung der Bevölkerung in eine deutsche und jüdische im Namen des Friedens und der Eintracht protcstirt. ans die Ungerechtigkeit der Pickcnbachg'chcn These hinweist, auf die Ungeheuerlichkeit aufmerksam macht, daß das jüdische Kind nichts lernen solle, weil der evangelische

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