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Jeschurun · 1884-05-15 · Heft 20 (15.5.1884) · p. 312

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 20 (15.5.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-05-15
Page
312 (sequence 2)
Language
German
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312 blank und regelmäßig gebaut wie heute; an. ihrer Stelle I befand sich vielmehr bum zusammengewürfelt eine Menge ' niedriger, schmutziger Bauernhäuser, von denen sich a»; Reinlichlei! und größerem Konrsortablität nur diejenigen; am äußersten Ende des Ortes gelegenen unterscheide»! ließen, welche von den Mitgliedern einer tlcincn Judengemeinde bewohnt wurden. Obwohl die sogenannte ״Judengassc" von den übrigen Häusern des Ortes nicht wie die übrigen GhcttiS durch Schranken und Grenzpsähle abgesondert war, ließ sic sich von benfcibm dennoch unterscheiden, auch durch jenes cngc Aneinandergebantsein, mit welchem sie nahezu die verwandte Znsammengehörigkeit ihrer Häuser doknmentirtc, ebenso wie ihre Bewohner zu jeder Zeit ein sympathisches .Hinrwiaen zu einander bekunden, auch wenn keine Edikte und GesttzeSparagraphen ihre Sonderstellung m der Gesellschaft bestimmen. Besonders aber ein HanS ist eS, welches bei einem Gang durch die geräumige Judengasse unsere Aufmerksamkeit fesselt, indem es einen ungewöhnlichen Grad von Wohlhabenheit seines BesitzerS vermuthen läßt. Die stattlich hohen Mauern sind nutadclhast weiß getüncht, und über der auf die Gasse hiuausmündcuden Thür schaukelt sich melancholisch im lauen Sommerluftzng ein Bündel Nadelholzrcisig, das untrügliche Zeichen eines dem VachuS geweihten Tempels. Wir haben nuS nicht geirrt, weder in der Bestimmung des Reisigbündels, noch in der Bcrmnthnng über die VermögenSzuslündc des HauscigenthümerS, denn wir befinden uns vor dem -Hanse Salarnon Nohrbach's, des wohlhabendsten Juden und Vorstehers der Gemeinde, der die beslbcsnchtc Weinschenke deS Ortes besitzt. Manche wollen den bedeutenden Zuspruch in Nohrbach's Wirthsstubc dein Umstande zuschrcibcn, daß dort neben Vater und Mutter auch die wunder-׳ schöne Tochter deS HanscS, tfcal), sich nianchmal um das Begehren der Gäste zu erkundigen pflegt, doch wird es auch allseitig anerkannt, daß die guten, uuvcrfälschten Getränke, die bei Rohrbach zu bekommen sind, und die zuvorkommende. freundliche Bedienung ebenfalls zwei mächtig anziehende Magnete des Hauses bilden. Blicken wir doch einmal durch die weitgeöfsneien Thürcn in das Gastzimmer hinein, von wo, wie gewohnlich, auch jetzt das frohe Geplauder anwesender Gäste heraustönt. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir, daß sich in! Hanse Nohrbach's etwas sehr Wichtiges zugctragen haben muß, oder auch noch gegenwärtig sich zuträgt. Denn, obwohl heute weder Sabbath noch irgend ein anderer Feiertag ist, scheu wir dennoch die alte Mara, die seit undenklichen Zeiten im Hanse die Funktionen der sogenannten LchabvcSsrau versieht, in ihrer reinlichen spitzcnnmsäuntten Haube hinter dem Schenktische sitzen. Mußte etwa der Vorsteher das Geschäft im Stiche lassen, um im Gemcindehause einer hochwichtigen Bcrathnng zu prüsidiren? Wäre dem aber so, was hinderte dann Gattin und Tochter, die Leitung des Geschäftes zu übernehmen? Warum an Wochentagen die alle Mara aus ihrer bcschanlichcn Ruhe stören? Ein Blick in das rückwärts gelegene Wohnzimmer wird am besten geeignet sein, unS diese ungewöhnliche Aenderung zu erklären. Obwohl heute weder Sabbath noch im Kalender irgend ein anderer Feiertag vcrzeichnet ist, sicht cs in diesem Zimmer dennoch sehr feierlich ans. Blendend weißes Linnen bedeckt den Langen Nnßholzlisch, aus welchem trotz des fonnenhellen Sommernachmittags große Wachskerzen brennen und Vasen voll der herrlichsten Blumen stehen, deren Dust die schwüle Zimmerluft erfüllt. An der Spitze der Tafel sitzt, jabbathlich gekleidet, der Hausherr, ihm zur Seite, ebenfalls festlich geschmückt, feine Gemahlin, auf deren, matronenhaft schönem Gesichte die Freude einer innigen Rührung zittert und die Spuren noch nicht getrockneter Freudenlhränen glänzen. An der Seite der Tafel, ganz oben neben dem Hausherrn, sitzt der Bruder desselben, Benjamin Rohrbach, sammt Gemahlin, und diesen gerade gegenüber hat ein blühendes Paar Platz genommen, Leah, die Tochter Salamon'S und Gabriel, der Sohn Benjamin Nohrbach's, welches wir sofort für ein Brautpaar halten möchten, und das mit voller Berechtigung. Den übrigen Raum des Tisches und Zimmers nehmen die bei der sich abspielenden stier- Lichen Szene minder betheiligtcn Gäste, unter ihnen auch der zweite Bruder deS Hausherrn, Chajim Rohrbach, ein. Hand in Hand sitzt das schöne Paar am Tische, sie, die wegen ihrer außerordentlichen Schönheit vielge.- kannte und bewunderte Tochter des Hausherrn, mit sanft aerötheten Wangen und mit von sammetnen Wimpern beschatteten Augen, aus deren schwarz leuchtender Tiefe manchmal ein verstohlener Blick, wie ein Helles Wetterleuchten aus dem Schooße dunkler Nacht, zu ihrem Nachbar hinüber zu gleiten pflegt; er, der stattlichc wohlgerathenc Jüngling, das mannhaft schöne Antlitz vom beseeligcnden Bewußtsein der endlichen Ersnllung einer lang gehegten Sehnsucht nur noch verschöncrt, die zarte Hand, die in der seinigen ruht, von Zeit zu Zeit mit wärmerem Drucke nnifassend, — und Beide horchen andächtig der vor freudiger Erregtheit zitternden Stimmc des Vaters. (Fortsetzung folgt.)

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