Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1884)
- Article
- Deutschland : München [Nachricht]
- Date
- 1884-05-08
- Page
- 301 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933068--15577-2957018- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Agen 1× ep/1043981
OCR text
301 duldet werden." Der jüdische Advokat hatte ja seiner Pflicht in anSgezcichuetestcr Weise genügt: das konnten die Sackern nicht vertragen. Nun, seht ihr wohl, ihr deutschen Michel'? rufen sie, der Jude darf lein Jurist werden — daun wird Keiner mehr freigesprochen. 'Also, nur Mnth! D c st c rreich -111t g a rn. _ 0. Äns ^)!ahren, Ende April. Durch die Presse geht ein aus Znaini stammende seltsame Notiz. Ed sollen antisemitische Papiere saisirt sein, ans welchen zu entnehmen, daß die Antisemiten sich eines ErkennnngS- Zeichens, einer Hellen straralte mit einem silbernen Kreuze als Buseunadel und der Gravirung .,in I!oo si^iio vim־*e8•‘ bedienen. Besonders interessant wäre der zugleich berichtete Umstand, daß die Vervielfältigung der Flugschriften der jndcnfcindlichcn Liga aus der autographischen Presse des .Preisgerichts in Znaim in der Flohnvestc von einem Diuruislcn des.Preisgerichts gegen Bezahlung besorgt wurde. Ob diese Mittheilnngcn in allen Stücken der Wirklichkeit entsprechen, vermag ich nicht zu sagen. Daß jedoch das Gift der Volts- Verdummung, die Folge der unser Zeitalter schändenden Wühlerei und Hetzerei, immer weiter um sich greift, beweist auch ein Vorfall in unserm Nachbarlande Böhmen. 311 K o m o t a u fehlte kürzlich ein christliches junges Mädchen, und bald tauchte das unheimliche 'Gerücht ans, daß der jüdische Pächter der dortigen Tabacks- Großtrafik das arme Geschöpf an sich gelockt und dann abgcschlachtet habe, ׳um mit dessen Blut den Mazothreich anzm!ihren! Es fanden Zusammenrottungen statt, man schickte sich an, den vermeintlichen Mörder todt- Zuschlägen, und nur schwer gelang eS, das Volk;rr deschwichtigcn und von Gewaltthaten fern zu halten. ES ureldeten sich Zeugen, welche die Schlachtung des Mädchens seitens der Inden uiitsländlich beschrieben und zur Zeugenanssage sich bereit erklärten. Da wurde endlich die Leiche der Vermißten gefunden; sie hatte sich wegen eines Fehltritts ertränkt. -k-TIierl, 5. Mai. Die österreichischeReichshanptftabt will ihrer Rivalin an der Spree nicht nachsleheu, sic hat auch ihre Aiuiseimlenversammliilig am 2!>. v. M. abgehaltcn. Freilich vermag sic nicht, sich mit Berlin zu messen. Es nahmen nur etwa :300 Personen daran lheil. Ich gehörte nicht zu denselben, ich gebe Ihnen deshalb eine gedrängte Darstellung darüber nach hiesigen Zeitungsberichten. — Es handelte sich um die brennenden Tagesfragen der Fleischeiusuhr, der Pferdebahn und der Nordbahn. Herr Holl om ay. als Vorsitzender der Weiseste natürlich, erösfnelc den ׳Reigen mit der geistvollen Frage an die Anwesenden, ob Jemand von ihnen in vierzehn Jahren eine Million verdient habe. Da war nun dcdauerlichst keiner da, der dieses niedlichc Kunststück fertig gebracht hatte. Merkwürdiger 'Weise brach die Versammlung bei dieser Wahrnehmung in tauten Beifall ans. Der Präsident sagte darauf, daß eine jüdische Familie, deren Angehörige sich dem Flcischkom'.nissionSgcschäste gewidmet, so viel verdient habe. Das ist natürlich sehr unrecht und deshalb geschah den Inder! auch ganz recht, daß der gerechte Herr Hollomay dieselben durchweg als Blutsauger bezcichncte. DaS sah die Versammlung auch ein, und der vorhin laute Beifall steigerte sich zu einem stürmischen. Herr Whslocki vertrat die ernste Wissenschaft in der Gesellschasl. Der gelehrte Mann besitzt große GeschichtSkenntniß: er erinnerte an das Ranbrilterlhmn deS Mitrelal'ers und bczcichuelc die Inden als die Nachfolge!׳ der christlich-germanischen Buschritter. Herr B u s ch c n h agen dagegen war der praktische Politiker. Freilich gäbe cs auch christliche Fleischkommissionäre, das wären aber verjndeke Christen. Icinand habe gesagt, in Ungarn herrsche Freiheit, das sei wahr, aber welche? — die Freiheit, Ehristenmädchen zn!norden. WaS diese bei der Wiener Ochscnfragc sollen, ist freilich nicht klar, aber wir treiben praktische Politik, das erklärt manches. Zum Schlüsse sprach der geniale I)!׳. Pattai, welcher kürzlich eigens nach Berlin gereist war, um bei den Herren Stöcke! und Wagner Unterricht zu nehmen, wie man den Sport des Antisemitismus wirksam treibt. Der Mann hat sein Reisegeld nicht umsonst anSgegebcn; er hat wirklich etwas von den Berliner Meistern gelernt. Das ist wahr. '\1. Wl^n, 6. Mai. Gestatten Sic mir eine kurze Mittheilnng über den in der jüngsten General- Versammlung abgelegten Bericht der hiesigen israelitischen Allianz. Die Leitung der Allianz glaubt mit voller Befriedigung ans die bewirkte AnSwandernngSbcsördcrnng der russischen Flüchtlinge nach Amerika Hinblicken zu können und tritt der gegcnthciligen Auffassung cntschieden entgegen. Sie behauptet, daß sämmtliche arbcitsfähige Auswanderer jenseits des Ozeans sich eine sichere Existenz zn gründen im Stande waren, so zwar, daß sie die Ihrigen ans der alten Heimat!) Nachkommen lassen konnten. In dieser Ausdehnung Halle ich. die Darstellung entschieden für ungenau. ES!uns; allerdings angenommen werden, daß die Allianz diesbezügliche Nachrichten ans Amerika empfangen hat, sonst würde sie nicht einen 10111)01! Bericht erstatten. Aber ich glaube, daß die ihr zngckommcncn Nachrichten ans Amerika keineswegs einer zuverlässigen Quelle entstammen. Wollte Gott, daß ich!!!ich irrte und die Allianz im Rechte wäre. So weit meine allerdings nicht offiziellen, aber dennoch zuverlässigen Nachrichten lauten, befindet sich nur ein kleiner Theil der russischen Emigration in einer einigermaßen auskömmlichen Lage. Dem Ackerbau haben sich nur Wenige zu wen den können, weil cS den amerikanischeu Komitees an den nöthigen Mitteln fehlte, um