Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 1. Mai [Nachricht]
- Date
- 1884-05-08
- Page
- 299 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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299 Korrespondenzen nnd Nnchrilhtcn. Deutschland. -n-Berlin, k. Mai. In christlich-sozialen Kreisen wird von Zeit z» Zeit unter Leitung der bekannten und bewährten Führer (Zinkehr gehalten, und das Bild, welches diese Herren vor ihrer zahlreichen Zuhörerschaft von der Sittcnverderbniß entrollen, ist wahrhast er׳- schrecklich. Wer trägt die Schuld an dem derartig geschilderten fast trostlosen Zustande der christlichen Genicinden Berlins? Wem liegt die Seelsorge der verschiedcnen Kirchsprengel ob? Wer hat den Gemeinden Sittlichkeit und Tugend zu predigen? Sind die Geistlichen Inden? — Müßige Fragen! Herr Hofpredigcr Stöcker macht für ״die Barbarei in unseren modernen Großstädten" die Juden verantwortlich. Warum? Nun, weil sie einmal der Prügelknabe sind. 3m Mittelalter sollen sie die Brunnen vergiftet, die Pest veranlaßt, die Türken in's Land gebracht nnd ähnliche Abscheulichleiten verübt haben, im Jahre 1884 müssen sie deshalb auch das ökonomische, soziale und sittliche Leid, unter welchem das Bolk fast erliegt, verschuldet haben. Das ״Warum" ist eine wahrhaft einfältige Frage. Die Herren Antisemiten sagen es, und das genügt, denn ״Brutus ist ein chrcnwerthcr Mann." — Ein gcistreicher Mann machte einmal die sehr geistreiche Bemcrknng, daß cs nirgends kurioser zugehe, wie auf der Welt; nnd in der That, der Mann hatte so unrecht nicht. Die Begriffsverwirrung ist manchmal erstaunlich, nicht nur bei den Antisemiten, sondern auch bei den Semiten. Da tagte kürzlich der deutsch-israelitische Gemeiudebund in unserer deutschen NeichShauptstadt und erklärte in solenner Weise, die religiöse Frage aus seinen Berathungcn auszuscblicßen. Fluggs begann er über Religionsunterricht zu debattircn, für welchen der Bund einen Normalplan empfohlen hat. Nun entsteht die schwierige Frage: gicbt cs einen religionSlosen oder konfessionslosen jüdischen Religionsunterricht? Welche Naivität! Natürlich. Warum? Der Bund dekretirt es also. — Bald darauf aber begeht ein Mitglied der Versammlung die Ungeschicklichkeit — wie kann man auch so ungeschickt sein!? — die Meinung anszusprcchen, daß der deutsch-israelitische Gemeindebund bei seinem lobcnswcrthen Streben der Förderung des Handwerks unter den Inden dafür sorgen solle, daß die Jünglinge, welche man bei Handwerksmeistern unterbringen wolle, auch den Sabbath und die Speisegcsetzc beobachten könnten. Ein Glück war eS, daß die Versammlung sich eines so ״schneidigen Vorsitzenden" erfreute, welcher in ernster Weise sein Bedauern aussprach, daß sich ein Mitglied so weit vergessen könne, in einer jüdischen Versammlung die religiöse Seite in die Verhandlung zu werfen. — Wahrlich kurios, — jüdischer Religionsunterricht berührt keine religiöse Seite, darüber darf verhandelt werden, aber der Inhalt der jüdischen Religion ist in der Versammlung verpönt, nnd es verdient eine Rüge, wenn man den kühnen Einsall hat, den Wunsch anszusprcchen. daß auch die Gesetze der Religion, die man lehren will, beobachtet werden. Oder sollte ich mich irren und zu der Religion des Bundes Sabbath und Speisegesctze nicht gehören? — Dann aber wäre cs doch kurios, daß Männer mitbeiathcn und milthatcn, in deren Neligionsbuch diese Gesetze wohl stehen. Die ותייקים von Jerusalem haben sich wohl überlegt, in.welche Gesellschaft sic sich begaben. — Wahrlich, cs geht kurios her in der Welt und auch in unscrm lieben Berlin. Elbing, 3l>.April. Der unheimliche Sturczcr Mord ist noch nicht, wie ich Ihnen in Folge einer Mittheilnug der ״Danz. Ztg." berichtet habe, zu den der kriminalistischen Kunst spottenden nnaufhellbareu Fällen gelegt worden. Dieselbe Zeitung schreibt jetzt, daß Herr Kommissar Höft wieder nach Slurcz zurückgekchrt sei nnd an der Lichtung des über dieser Sache schwebenden Dunkels eifrig arbeite. Nachdem leider dieselbe nicht ganz frei geblieben ist von einem Ausluge antisemitischer Ausbeutung, haben wir doppelt zu wünschen, daß es dem gewiegten Polizcibcamten gelingen möge, den oder die Mörder zu entdecken und zur strafrechtlichen Verantwortung zu ziehen. — Die beiden eiugezogcnen Boß sind als verdachtlos aus der Untersuchungshaft entlassen; Josephsohn ist aber immer noch im Gefängniß. W. Frankfurt a. M., 4. Mai. Die hiesige israelitische Waisenaustalt, ein streng-religiöses Institut, erfreut sich der wärmsten Sympathien hochherziger Menschen. Auch Baron Wilhelm Karl von Rothschild und dessen Gemahlin widmen derselben ihr volles Interesse. Schon vor einigen Jahren bethätigten sie cs dadurch, daß sic durch ein reiches Geschenk cs ermöglichten, die Räumlichkeiten der Anstalt zu vergrößern und zu verschönern. Neuerdings haben sie derselben wiederum eine Schenkung von ]0 000 Mi überwiesen. Die landesherrliche Genehmigung zur Annähme derselben ist laut Erlaß vom 19. vorigen Monats erfolgt. Meines Erachtens wird es für die Leser Ihres geschätzten Blattes nicht uninteressant sein, zu erfahren, daß in Bälde der Bau eines Siecheuhauses, einer Aufenthaltsstüttc für Unheilbare, begonnen wird. Da eine solche Anstalt in unserer Stadt noch nicht existirt, so wird der Bau derselben mit Freuden begrüßt. Dieselbe wird neben dem Georgine Sara von Rothschildschcn Hospital erbaut werden. Stifter dieser Anstalt sind ebenfalls Baron Wilhelm Karl von Rothschild und dessen Gemahlin, welche auch vor lnchrcren Jahren