Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-05-08 · Heft 19 (8.5.1884) · p. 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 19 (8.5.1884)
Article
Eine Erinnerung an Geibel
Date
1884-05-08
Page
298 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933068-2956960--15561-2957015
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 bnndener Rede abgefaßt, d. h. gedichtet werden. Zum ' Dichten aber gehört ein Dichter und das Festkomitee zählte einen solchen nicht zu seinen Mitgliedern. ES war bereits der 25. Mai, und die Einweihung sollte , am Hi. Juni fein, aber ein Gedicht war noch nicht! gemacht. Die Festesfreude batte schon die ganze Ge-! meinde ergriffen, alle Herzen schlugen höher. Alles k* I reitetc sich vor ans den langersehnten Tag. Auch mein Herz pochte lauter, aber es war mehr ängstliche als; freudige Erregung, in welcher ich einige Verse nieder-; schrieb, die ich nachher kaum wagte, dem Urthcil des j Festkomitees zu unterbreiten. Niemand mag sich ja j gern blamircn und das thnt man sicher, wenn man s bei össentlicheni Anlasse sich zu poetischen Ergüssen verz steigt, ohne das Zeug dazu zu haben.! Darum, als die Herren vom Komitee sich nicht! gerade entzückt über meine Verse zeigten, war ich schon I entschlossen, dieselben wieder in die Tasche zu stecken,! als der;ttfällig anwesende Gemeindevorsteher, Herr j Moses (501)11, meinte, die Verse müßten vor das einzig hier kompetente Forum gebracht werden, vor den Dichter von GottcS Gnaden, Emanuct Geibel. Dieser wohnte damals bei Herrn Eohn im Hanse und die Liebcns- Würdigkeit des Dichters einer- und der außergewöhnliehe Anlaß andererseits setzten über das Bedenken hinweg, daß er in dem Ansinnen eine Zudringlichkeit erblicken könnte. Herr Eohn legte also Geibel das Gedicht vor, und bereits am folgenden Tage ließ ihn der Dichter wissen, daß er dasselbe wohl dem bestimmten Zwecke angcmessen finde, gleichzeitig aber auch seine ״Unmaßgebliche Abänderungsvorschläge" i.berschriebene Korrektur überreichen. Diese mit markiger Hand geschriebene Korrektur galt mir mehr als die lobendste Anerkennung, und ist mir jetzt, nach des großen Mannes Heimgang, ein thenrcS Andenken an den bei aller Hoheit so bescheidenen iU'ann geworden. Mein Gedicht lautete folgendermaßen, wobei die in Paranthese () gesetzten Zeilen Geibel'S ״Unmaßgebliche Abänderungsvorschläge" bavficUcn: Mit Hülse des Staates dies Haus ward gegründet, (Dies HanS ward mit Hülse des Staates gegründet) Vom A.ig' des Gesetzes der Aufbau bewacht; Ein Glied in der Kette, die All' uns verbindet. Erstand cs zur Zierde der Stadt und zur Pracht. So öffne die Pforte, du Erster im Rache, Erschließe das Haus und bekunde es laut: Daß Freiheit und Gleichheit in nnsercpi Staate,. (Daß, wie er auch glaube, in unserem Staate) Der Bürger im Bürger dm Bruder nur schaut. Der himmti׳'chc Vater, der Men gab'S Leben, (,Der Vater, der Allen verliehen das Leben) Und dessen Verehrung der Tempel geweiht. Verabscheut des finsteren Jrrthnms Bestreben, (Weiß nichts von des finsteren Jrrthnms Bestreben) Der seine anbetcnden Kinder entzweit. Ein Jeder verehr' das unendliche Wesen Nach Wissen, Gewissen, ererbtem Gebrauch; Erwünscht, wie ihm selber die Achtung gewesen. Vergönn' er sie freudig dem Andern auch. (Vielleicht: Frei, wie er die heilige Form sich erlesen. Vergönn' er sie freudig dem Anderen auch.s'?D Der schützet und mehret der Bürger Gedeihen, (Er aber, der wacht ob der Bürger Gedeihen.) Dem du präsidirest, der Hohe Senat; (Deß Haupt wir dich grüßen, der hohe Senat,) Des ältesten Volkes gelichtete Reihen Beschütze Er ferner mit Nath und mit That. (Beschütz' er auch ferner mit Nath und mit That). Natürlich akzeptirte ich freudig sämmtliche Ab- , andernngsvorschlägc, nur die zu VerS A und 4 in der vorletzten Strophe, welche Geibel selbst mit dem Worte vielleicht cinleitctc und mil einem Fragezeichen schloß, konnte ich nicht passender finden, als meine eigenen Verse. Geibel hatte den Wunsch ansgedrückt, daß sein Name bei dem Gedicht nicht genannt werde. Er hatte dazu allen Grund. Kommt es ja jetzt zur Kunde der Welt, wie oft der freundliche, liebenswürdige Dichter angegangen worden um kleine Gedichte, Stammbuchverse und dergleichen, und daß er zu gütig war. Nein zn sagen. Er mußte also jetzt fürchten, daß, wenn dieser Vorgang bekannt würde, man seine Güte auch mißbrauchen würde, gute oder schlechte Verse zu korrigiren. Natürlich rcspektirtc ich den Wunsch Geibel'S und schwieg. Schwieg sogar danu, als ich den Vorwurf eines großen Unrechts auf Geibel'S Schultern hätte abwälzen können. Es kam nämlich ein treuherziger Bekannter zu mir, um seinem Staunen darüber Ausdruck zu geben, wie ich, der Rabbiner, mich solcher Gotteslästerung schuldig machen könne. Gott weiß doch Alles, und in dem Gcdichtchcn heiße cs: ״Weiß nichts von des rc.". Der Mann war schwer zu belehren und doch durste ich ihm nicht sagen, daß diese Blasphemie nicht der Rabbiner, sondern der gläubige, tief religiöse Dichterfürst auf dem Gewissen habe. Nun, ich denke, wegen dieses Verses ist er im Jenseits nicht verdammt worden. Dr. Earlebach, Rabbiner.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.