Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-05-08
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933068-2956957--15554-2957013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
296 crljekn sich die gigantischen. nunmehr verwitterten Ucberrestc einer ehemaligen Ritterburg, des Slanunsitzes der einst mächtigen Adelssamr'lie derer von Ormai. Stumm, nt5׳ fürchteten sie durch das leiseste <Geräusch ein ihnen anvertrautes altersgraues (^eheimniß zu vcrraU)cn, rügen die zcrbröckelim Mauern und Ihnrnte in die frische Bergluft und blicken finster und hohl, wie das (Gespenst des Todes, mit den dunkle!! Höhlungen der Bogenfenster in's blühende Thal hinab. Das schaurige Gewimmer der Uhus und Nachten!».׳!! ist das einzige Geräusch. das die (Grabesstille dieser öden und verfallenen Ruine unterbricht. Gar mannigsaltigc Sagen und Gerüchte hat der abergläubische Sinn des slovakischeu Volkes, welches diese Gebirgsgegend Ungarno bcwohnt, über die verfallene Burg in Umlauf gebracht. Wenn die Sonne hinter den Bergen untergegangen ist, wenn auf de!t höchsten Gipfeln ihr letzter Purpurschimmer erlischt ׳und durch die von Berg und Thal cmporgnalmendcn blauen Nebel der Strahl des Abendsternes hindnrchznschiininern anfängt, dann soll, nach der Versicherung alter Baiicrnwcibcr, mit der Nnim eine gar wunderbare Veränderung Vorgehen. Geschäftige Geister schleppen, durch die Lus! fliegend, ntüchtige Felsblocke herbei nttd bauen mir wunderbarer Schnelligkeit die eingefallenen Thürme und Zinnen, Pfeiler, Prunksäle und Hallen wieder ans. Auf dem platten Dache des wieder anfgcrichleten. Wachlthnrmcs erscheint die riesige Nebclgestait des Burgwartes mit Speer und Schild, der jede Stunde der Rächt mit heiserer krächzender Stimme m die schlafenden Wälder hineinrnst und sich dazu schüttelt — ob vor Grausen oder Anstrengung, darüber schweigt die Mähre — dass Speer und Schild aneinanderrassetnd schaurig in die stille. Nacht hinaustönen. Drinnen, im schönsten der wieder ausgebauteu Prunksale, der von tausend und aber tausend blauen flimmernden Flammchcn erhellt ist, sitzt finster brütend, die farblosen Lippen fest ans einander gepreßt, die stieren, glanzlosen Angen unbeweglich ans einen Punkt in der leeren Lust gerichtet, der vor etwa anderthalb Jahrhunderten gestorbene Patron und Grundherr des Städtchens, Graf Georg von Ormai. Wen mag er hier zu so später Stunde noch erwarten? Ist ihm nicht bange in dieser düstern. grabstillen Einsamkeit, ihm, dessen Schlafgemach sonst viele kampsgeübtc Söldner bewachen mußten, bevor sich die müden Augen zu schließen wagten, um dem ersehnten Schlafe den Einzug in die Seele zu gestatten! Horch, 'wie die Naben krächzen, wie die Eulen wimmern! — Was tickt dort in der Ecke in monotoner Beharrlichkeit? Zst'° nicht das Ticken der Todtennhr? — Und bu empfindest Teilt Schaudern an diesem unheimlichen Orte, alter Geselle'? Doch, doch! — Sö oft die heisere Stimme des Wächters vom Thurme herabtönt, verkündend, daß Mitternacht abermals mn eine Stunde näher gerückt sei, schüttcll cs den alten Herrn wie mit Fiebcrfrost. Stalle Schweißtropfen perlen an seiner bleichen Stirne hervor, und die hohlen Augen drehen sich ängstlich, wie -Hülfe suchend, im Kreise herum, um dann wieder ans den allen Punkt znrückzukehren. Eils! — schallt es gedehnt durch die öden Hallen, und eilf! — cilf! — löiit's in! geisterhaften Echo von den moudbeschieneneu Bergen zurück. Da öffnen sich geräuschlos die Thürflügcl des Prnnkfaales und herein tritt bedächtig, in eine schwarze Kutte gehüllt, ein Psafsc und setzt sich mit widerlich grinsender Fratze dem gestrengen Herrn gerade gegenüber. Doch, was soll das Gaukelspiel? Was will der Strick in den Händen des Priesters, der, bis z!!m Eingänge reichend, außerhalb desselben von einem sich sträubenden Gegenstände gezerrt und angczogen zu werden scheint? Jetzt kehrt sich der Pfaffe, einladend winkend, der Pforte zu und zieht aut Stricke mit solcher Anstrengung, daß sein rothangclaufcnes Gesicht von schweren Schweißtropfen bedeckt wird. Hierauf erscheinen in der Eingangspforte die gebückten Gestalten dreier Juden, mit lang herabwallendcn weißen Bärten. Einem jeden demselben schlingt sich der Strick, dessen Ende der Pfaffe in der Hand hält, um den Hals. Er schein! ihnen die Kehlen so eng zusammcnznschnüren, daß ihre Gesichter davon blau und schwarz ausgednusen sind und sie wie erstickend nach Luft schnappen müssen. Zurück, ' unselige Geschöpfe! — Seht ihr denn nichh weiche ve nichtcnden Blitze aus den Augen des finster blickenden Edelherrn auf eure Häupter niederznschmettern drohen, und daß er gegenwärtig kaum ich Stimmung sein dürste, bei euch alte Hosen zu vcrhandeln? Aber die Inden, gelockt von den freundlichen Gcberdcn des Pfaffen, schreiten unverzagt vorwärts bis dich! an den gestrengen Herrn heran. Die langen weißen Bärte wickeln sich in stark gewundenen Slranen mn den Hals desselben und, indem die Inden immer weiter schreitend sich der entgegengesetzten Wand nähern, schnüren die Schlingen ihrer Bärte den Hals des alten Herrn immer enger zusammen, und auch sein Gesicht wird so blau und schwarz wie bas ihre, und auch er muß, dem Ersticken nahe, nach Lust schnappen. Der Pfaffe aber verändert bei alledem nicht seine ruhige und widerlich grinsende Fratze. Zwölf! — Psaffe und Inden verschwinden spurlos, nur Georg von Ormai bleibt zurück, die Augen noch hohler und gläserner, das Gesicht noch fahler, aschgrauer als zuvor. Barmherziger Gott über allen Himmeln! (Fortsetzung folgt.)