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Jeschurun · 1884-05-01 · Heft 18 (1.5.1884) · p. 284

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 18 (1.5.1884)
Article
Deutschland : Aus Westfalen [Nachricht]
Date
1884-05-01
Page
284 (sequence 2)
Language
German
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uns westfälischen Juden vor? Wir sollen die Bauern; ruinircn, erstens dadurch, daß wir ihnen Geld leihen. - und;weitend, daß wir ihnen Branntwein verkaufen. ‘ Wenn ein Jude einem Bauern Geld leiht, dann treibt er ihn natürlich durch Wucher von HanS und Hof, und wenn er ihm Branntwein verkauft, dann leistet er der bäuerlichen Trutiksuchl einen solchen Vorschub, daß der Landmann geistig, moralisch und ökonomisch zu Grunde gehen muß! ES ist das alte Lied und die alte Melodie. Gott sei Dank, daß diese Beschuldigung dem thatsüchlichcn Bcrhältnisse nicht entspricht. Im Gcgeuthcil, der jüdische Kaufmann ist im Allgemeinen auch hier zu Lande redlich und loyal; ereignet sich einmal das Gcgcnthcil, so ist cS eben eine Ausnahme. Gicbt es denn gar keine Spitzbuben, Betrüger, Wucherer, Unbarmherzige, die auf das christkatholische Bekcnntuiß getauft worden sind?? UcbrigcnS möchte ich denn doch auch einmal fragen, wer brennt denn den Schnaps? Sind das Inden? Und brennen die adeligen und bürgerlichen christlichen Brenner den Schnaps nur für sich, zum eigenen Gebrauch für daS Hans, die Familie und das Gesinde, oder wollen sie von dem Fencrtrank auch den danach lüsternen, durstigen christlichen Landlcutcn abgeben?? IZ Frnttkfurt a. M., 27. April. In dem hiesigen jüdischen Waiscnhanse hat eine erhöhte Aufnähme zum begonnenen Semester stattgefnnden, welche allerdings keineswegs zu deu Mitteln der Anstalt im geeigneten Verhältnisse steht. Die Verwaltung glaubte jedoch, sich der großen Dringlichkeit der betreffenden Bewerber nicht entziehen zu sollen, und so fanden zehn Waisen eine Unterkunft in der Hoffnung, daß hochherzige Menschen der Verwaltung entsprechende Beiträge in reichlicherem Maße zuführen werden als bisher. Möge diese Hoffnung nicht enttäuscht werden! Oesterreich-Ungarn. f. Wien, 25. April. Unsere erlauchte Kaiserin, welche mit der Erzherzogin Valerie in Deutschland weilt, hat dieser Tage auch die altchrwürdige Stadt WormS besucht und daselbst u. A. die berühintc Synagoge in Augenschein genommen. -f- Wien, 27. April. Ein Herr I. Singer von hier hat unter dem Titel: ״Sollen die Inden Christen werden" eine Schrift heranSgegcbcn, über deren inneren Werth und Angemessenheit man allerdings mii dem Verfasser getHeiller Meinung sein kann Derselbe hat cs für gut befunden, dieses Opus verschiedenen Persönlichkcitcn von Ruf zuzilscndcn, unter Anderen auch dem Dichter Herrn von Scheffel. Dieser hat nun daS folgende sehr karakteristische Schreiben darauf ergehen lassen, das ich ohne jeglichen Kommeutar Ihnen mittheilc: ״Hochgeehrter Herr! Ich sage sreundlichcu Dank für Ihre Zuschrift vom 20. Februar und die guten Wünsche znm 58. Geburtstage. Ihre Broschüre: ״Sollen die Juden Christen werden?" werde ich mit Aufmerksamkeit lesen, halte aber ein Eingehen auf die Fragen nicht für praktisch, da gar nichts damit entschieden wird. Die Abneigung der germanischen Völker gegen die Semiten beruht nicht auf der Verschiedenheit von Religion und Dogma, sondern auf Verschiedenheit von Blut, Rasse, Abstammung, Volkssitte und Volksgesinnnng. sic läßt sich weder schassen noch in Abgang dekretircn, sie wird auch bei der jreicsten rcligiösen und politischen Anschauung beider Parteien fort־ bestehen, wie die der Amerikaner und Chinesen, die aus dem freien Boden von Texas neben und mit einander leben. Oft habe ich mit meinem Freunde(?) Bcrthold Auerbach über diese Dinge gesprochen; mit den liberalen Ideen allein sind sic nicht zu ordnen, wenn auch ein modus vivendi hergestcllt werden kann und hergestcllt ist. Im Reiche der jugendlichen Ideale ist eine humane Illusion schöner als inhumane Wirklichkeit. Möge Ihnen der innere Friede nie gestört werden! Ergebenst Viktor v. Scheffel. Karlsruhe in Baden, 24. Febr. l 884." -rv- Krakau, 24. April. Es ist mir von meinen GeschäslSfreunden des Auslandes vielfach schriftlich und mündlich die Frage vorgelegt worden, ans welchen Ursuchen die vcrhältnißmäßig starke Auswanderung ärmerer galizischer Glaubensgenossen nach Deutschland und anderen Staaten rcstiltirc, so daß diese nächst der russischen Emigration in manchen größeren auswärtigen Städten ein daselbst früher nicht gekanntes zahlreiches und sehr bedürftiges jüdisches Proletariat bilden. Ich glaube, daß die Antwort, welche ich darauf ertheilte, auch für weitere Kreise von Interesse ist, zumal cs in der That dem nicht mit den Verhältnissen Vertrauten auffällig erscheinen muß, warum gerade Galizien unter allen Ländern der habsburgischcn Krone in dieser Be- Ziehung eine Sonderstellung cinnimntt. Wenn in Rußland ans Noth und Elend, Verfolgung und Druck eine Anzahl Inden gezwungen ist, sich eine neue Heimstätte zu suchen, so liegt der Grund ans der Hand, während der gerechte und milde Szepter, unter welchem die Juden Oesterreichs leben, wahrlich zu einem Verweilen im Lande cinladcn dürfte. Betrachten wir jedoch die Lage der galizischen Juden in der Nähe, so verliert die ansfällige Erscheinung das Ausfallende. Zunächst möchte ich darauf aufmerksam machen, daß in den Königreichen Galizien und Bukowina über 750 000 Juden wohnen, während im ganzen österreichisch - ungarischen Reiche etwa 1640000 Juden leben. Diese zahlreiche Bevölkerung war jahrhundertelang den größten Beschränkungen in Betreff ihres Erwerbs, ihrer Au siedeluug, ihrer Ausbildung auSgesctzt, dagegen aber durch Stenern schwerer belastet, als ihre Mitbürger. Dadurch

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