Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1884)
- Article
- Rußland : Petersburg, 18. April [Nachricht]
- Date
- 1884-04-24
- Page
- 269 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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269 eine bestimmte Meinung über die Authentizität derselben abzugebeu. So weit seine Untersuchungen bisher ergeben haben, enthalten die Pergamente Fragmente der Propheten Jesaias. Joel, Hosea, Obadja, Aephauja, Haggai, Zacharias, der Klagelieder des Jeremias und der Bücher Ruth, Esther und Daniel. ... z. Petersburg, V). April. Die. ״Nowosti" melden:. Bei Gelegenheit einer Privatklage wurde im Senate die Frage erörtert, ob die Juden aus Grund der jetzigen Indenordnuitg angehalten werden können, diejenigen Immobilien zu veräußern, welche sie vor dem Erlasse dieser Ordnung erwarben, zumal wenn sie zur Zeit der Erwerbung der Immobilien Znnslhandwerter waren, jetzt aber kein Handwerk betreiben. Der Senat hätte sich hierbei dahin ausgesprochen, daß der betreffende Berkanfszwang unzulässig sei, auch in dem Falle, wenn Juden als Handwerker die Jntmobilien erwarben. Allerdings verlieren die Juden,!velche das Handwerk ausgegeben haben, sobald sie vont Handwerker-Amte ans der Mitgliederliste gestrichen wurden, das Recht, sich außerhalb des Bezirkes ihrer beständigen Ansässigkeit aufzuhalten, des Besitzrechtes aus Eigenthum, aber, welches sie in gesetzlicher Weise erwarben, begeben sie sich dadurch nicht. -r- Petersburg, 13. April. Aus Tiflis wird berichtet, daß dort wieder einmal ein Aufruhr gegen die Juden stattgeftlnden hat, welcher in seiner Veranlassung lebhaft an die Skandalgeschichte von Tisza- Eszlar erinnert. Gegenüber dent dortigen orthodoxen Seminar liegt ein Schlachthaus, in welchem für Peßach Schafe geschlachtet wurden. Am 3. d. M. gingen zwei Seminaristen dort vorüber und glaubten, ans demselben Klagen und Stöhnen zu vernehmen, welches nach ihrer Ansicht nicht die Stimnte eines Thieres sein konnte. Sofort hieß es, daß daselbst wahrscheinlich einem Ehrislenkinde das Blut abgezapft würde, um es in den Teig der Osterkuchen zu mischen, und der Umstand, daß das Schlachthaus von allen Seiten geschlossen war, sollte diese Bermuthung bestätigen. Innerhalb einer halben Stunde verbreitete sich dieses Gerücht wie ein Lauffeuer durch die Stadt und im Nu war eine Volkstitenge auf den Beinen, welche mit Gebrüll und drohenden Geberden nach dem Schlachthause sich fortwälzte. Frauen in der Menge, welche in den letzten Stunden eines ihrer Kinder nicht gesehen hatten, geberdeten sich wie toll und schrieen, daß ihre Kinder sicher von den Juden geschlachtet worden seien, wodurch die Männer natürlich nur nod) mehr aufgeregt wurden. Mit Stöcken und Steinen wurden die Thüren des Schlachthauses zertrümmert, obwohl in dem oberen Stockwerke nur Christen wohnen, und als der jüdische Schächter den Muth hatte, sich zu zeigen und dem wüthenden Volke zuzurufen, daß es eine Lüge sei, daß Kinder geschlachtet worden seien, steigerte sich die Wuth der Menge ins Ungemessene und der Schächter sah sich genöthigt, in das Innere zu flüchten. Die Polizei, die rasch zur Stelle war, sah sich außer Stande, die Menge zitr Besinnung zu bringen und beschloß deshalb, die jüdischen Bewohner des Hauses zu ihrer Sicherheit auf das Polizei-Büreau zu schaffen. Sie reguirirte einen vorüberfahrenden Wagen, in welchen sie die beiden jüdischen Bewohner des Hauses, Vater und Sohn, brachte. Doch kaum war das geschehen, als die wüthende Menge den Wagen anfiel, die Polizei zur Seite drängte, die Juden von dem Wagen riß und sie ans die schrecklichste Weise mißhandelte. Als schließlich eine Abtheilung Militär anrückte, war es bereits zu spät, beide Schlachtopfer der bestialen Volkswuth lagen bewußtlos und in ihrem Bllite schwimmend aus der Straße; sie wurden ilts Hospital geschafft, wo der Vater 'nach wenigen Augenblicken seinen Geist aufgab. Das anseinandergejagte Volk sammelte sich wieder und wollte nun in das Judenviertel dringen, um dort seine Mord- und Zerstörungslust zu befriedigen, doch waren zum Glück die Wege überall durch M'litär abgesperrt und nur allmählich und nach größter Anstrengung gelang es der Polizei, der aufgeregten Masse Herr zu werden. Während zwei Tagen durchkreuzten noch Patrouillen die Stadt, worauf scheinbar die Ruhe zurnckgekehrl war. — Auch aus Poltawa mib Kamenez- Podolsk sind hier Berichte von Judenverfolgungen eingetroffen, doch hält die Negierung dieselben geheim und hat den Redaktionen verboten,׳ davon in die Oesfentlichkeit dringen zu lassen. ||— Warschau, April. Die deutsche ״St. Ptbg. Ztg." schreibt: Der Ober-Komntaudirende im Warschauer Militärbezirk, General Gnrko, veröffentlicht einen Tagesbefehl von allgemeinem Interesse. Nach demselben sind im Befehlsbereiche des genannten Generals bei einem Mitglied«: der Militär Ersatzbehörde großartige Mißbräuche entdeckt worden, zum Zweck, jüdische Militärpflichtige vom Dienst zu befreien. Wie die vorläufig eingeleitete Untersuchung ergiebt, besteht in dieser Beziehung eine vollständige Organisation; hoffentlich wird man dem ganzen verbrecherischen Unternehmen auf die Spur komnten. Das Hauptverdienst bei der Entdeckung jener Mißbräuche trägt ein junger Truppenarzt Moissejew, dem General Gurko öffentlich seinen Dank ausspricht. Die Veröffentlichung dieses Vorganges wird sicherlich dazu dienen, an maßgebender Stelle ein schärferes Augenmerk aus jene Verhältnisse im gesammten Reich richten zu lassen. Der Prozentsatz der zum Militärdienst eingezogeneu Juden ist ein so verschwindend geringer im Vergleich zur Gesammt- Ziffer der jüdischen Bevölkermtg, daß dies unbedingt zum Nachdenken veranlassen muß, welche Ursachen