Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1884)
- Article
- Deutschland : Frankfurt a. M. [Nachricht]
- Date
- 1884-04-24
- Page
- 266 (sequence 2)
- Language
- German
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266 rcflinnv Das eiserne Treppengeländer vor der Hausthüre ciiicx? am Napportirplatzc wohnenden Israeliten! war in vergangener Nacht heruntcrgerissen und im sogenannten Stadtgraben die verschlossene Thür eines t^anens, boi־ ebenfalls einem Israeliten gehörte, eingcrissen und ein Stück der Gartenmauer mühevoll abgc-! brachen worden. Weiter halten die Zerslörnngs-! süchtigen, csmüssen mindestens einige kräftige teilte gewesen sein, verschiedene Gartenzännc in der Nähe! des vorenvähnten Gartens, deren Eigemhümer micdrrnm ׳ Israeliten sind, niedergerissin und theilivcise zertrümmert, i!nährend dazwischen liegende Gürten Andersgläubiger! verschont blieben. Unsere Polizeibehörde scheint Anord-! nnngen zu tresjen, daß weiteren Zerstörungen möglichst i vorgebengt wird, und ist cisrigst bemüht, die Thätcr zu ermitteln."!! &imi11ä()uttc, im April. Die ultramontane! Schief. Volksztg." in Breslau bringt folgende Karre-! spunden;: zMord?) Am Eharfrcitage um 10 Uhr j früh ist der hiesige Polizei-Inspektor in Begleitung eines! Sergeanten ans Grund der Anzeige eines Christen nach! der Behausung eines jüdischen Bürgers gerufen worden, j um daselbst eine Haussuchung vorznnehmcn. Das Rcsultat derselben war, daß uns dem Boden eine rechte! Hand und ein linker Fuß, welche einem Kinde im ' Alter von 13—14 Jahren angehören dürsten, vorgc-! snnden wurden. Das Nähere wird wohl die einzuleitende Untersuchung ergeben. Bisher schwebt über i der ganzen Dache noch Dunkel." — Für diese sehr ' mvsreriös klingende Lcarhricht wird in der ״Königshüttcr Zeitung" eine sehr harmlose. Erklärung gegeben. Das I Blau schreibt: ״In den Berdacht eines rituellen Mordes! ist am Freitag ein hiesiger Studiosus der Medizin ׳ dadurch gernthen, daß bei seinem Umzüge irgend ein l Arbeitoinann in einem nicht verschlosscnen Kasten mehrere l Bl'enschentuochen fand und hiervon sofort der Polizei j Anzeige machte. Aus diese Denunziation hin verfügte sich der -Herr Polizei-Inspektor mit einem Wachtmeister und noch einen! Polizeisergeanten an Ort und Stelle, und richtig, man fand, o Grausen, ein — Fuß- und Armskelett. Da der Hauswirt!), auf dessen Bodenraun! man diese Meuscheutheile fand, gerade in der Synagoge sich befand, so faßten die drei Herren vor der Synagoge Posto und warteten, bis der Gottesdienst zu Ende war. den Hauswirth ab, den sie nun auf der Straße verhörten. Hierbei stellte sich nun heraus, daß der betreffende Studiosus die Knochen von der König!. Anatomie zu Berlin als Erinnerung und zu Slndienzwccken!uitgei. rächt hat." — Haben min die Antisemiten nicht recht, wenn sic dagegen prolcstiren, daß den Juden die medizinische Karriere offen steht? Die wollen ja damit nur ihre christliche Liebe bckünden, denn dann können ja jüdische Mediziner nicht mehr i!t solchen Berdacht gcrathen. W. Elsas; LvtHrn 1 gcrr, int April. Nach der ersten Volkszählung beträgt die Gcsammteinwvhnerzah! der Neichslande 1500 070 und vcrtheilt sich den rcligiöjen Bekenntnissen nach folgendermaßen:! 208405 Katholiken-, 355 134 Protestaulen; 30 728 Israeliten; 4417 verschiedenen Bekenntnisses und 273 Konsessiouslose. — Was die dortigen jüdischen Zustände anbetrifft, so ist cs mit denselben leider sehr schlecht bestellt. Welchen Schaden gewissenlose, gegen יראת התורה gleichgültige Führer und Leiter überhaupt aurichten können, der tritt uns in diesem Lande mit schreckcnerregender Deutlichkeit eittgegeu. Sonst pflegen wohl noch wenigstens die Alten ״konservativ" zu sein, während die Jugend sich über alles hinwegsetzt, hier aber machte ich die traurige Erfahrung, daß Gleichgültigkeit, Ignoranz, Mangel an Interesse für alles Jüdische, selbst unter Alten derart eingcrissen sind, daß sie sich sogar schämen, oder glauben, sich lächerlich zil machen, wenn sie im Sinne und nach dem Geiste der הורה ihr Leben führten. Dieser traurige Verfall der jüdischen Religion in einem Lande, bem bedeutende Meister, begeisterte Anhänger des heiligen Gotteswortes entstaimntcn, ist nicht genug zn beklagen. Daß die Schuld an den gegenwärtigen ״geistlichen Oberhäuptern" liegt, hörten wir ans dem Munde dortiger jüdischer Bewohner selbst, welche, wenn wir diesen wunden Punkt berührten, erwiderten: ״Ja, Sie haben Recht; wenn wir freilich solche Rabbiner hätten, wie Sic, so wäre die Sach! anders bestellt. Allein, unser Rabbiner utacht sich au. Diesen! und Jenem nichts, und kürumert sich auch nick um das, was wir rhnn; und wir brauchen doch nick frommer zu sein, als er." Allerdings beruhigen sic die guten Leute sehr gern bei solchen Entschuldigungen Daher ist im Angesichte solcher allgemeinen religiösen Nebel stände als ein außerordentlich erfreulicher Fortschritt die Bestrebung zu begrüßen, welche in Straßbürg unter der Leitung des Herrn Rabbiner Di׳. Star!polsky hoffentlich für den ganzen Elsaß tonaugebend wird. Völlig unabhängig und nnbeengt von den alle streng religiösen Hebungen hemmenden Bestimmnngen seitens des Konsistoriums hat das kleine Häuslein in Straßbnrg dem echten, nnversalschten, nberliescrten Judcnthume wieder eine Stätte gegründet. Als Ideal schwebt den würdigen Männern die Frankfurter ReligionSgesellschaft vor, und sic setzen alle ihre Kräfte ein; ihr schönes Ziel zn erreichen. Möge cs ihnen gelingen, zum eigenen Wohle und zum Heile der gcsammten rcichsländischm Judenheit ihrem Ideale glcichznkommcn. Möge ihr wackerer Leiter fcststehcn und seine Gemeinde zu einer zweiten Mustergcmcinde in Deutschland hcranbildm.